Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus für eine Würze, die nicht zu entbehret ist. In jüngster Zeit aber bedient sich dieses Blatt eines Tones, den man< weder anständig noch geschmackvoll nennen kann. Bekanntlich griff der Erzbischof von München auf dem Katholikentage in Augsburg die liberale Presse heftig an und warf ihr Mangel an Wahrhaftigkeitvor. Darauf erschien in den „Münchener Neuesten Nachrichten" unter der Ueberschrift „Das' neunte Gebot" eine Erwiderung, unterschrieben „Ein katholischer Geistlicher". Es stellte sich heraus, daß das Gebot „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen", das der Schreiber im Auge hatte, nach der katholischen 'Religionslehre das achte und nicht das neunte ist.' Das mag verschrieben oder ein Druckfehler sein, die bayerischen Zentrumsblätter aber fielen darüber her und schlachteten diese Entdeckung nach allen Regeln der Kunst aus. Wir fühlen nicht den Beruf in uns, die „Münchener Neuesten Nachrichten", die übrigens hie und da auch stark antisemiteln, zu verteidigen. Wir überlassen den'Zank der Parteien der politischen Presse,-und die ganze Sache hätte für uns kein Interesse. Nun aber bringt der Bayerische Kurier" folgenden Erguß: „In einer der letzten Nummern unseres Blattes nahmen wir von ' der famosen Leistung des „katholischen Geistlichen" der „Münchener Neuesten Nachrichten"- der seinen Artikel mit' „Das neunte Gebot" überschrieb, in dem er der Zentrumspresse zu Unrecht einschärfen wollte, sie solle kein falsches Zeugnis geben. Der „katholische Geistliche" hat sich damit, worauf uns eine Zuschrif aufmerksam macht, verraten als Angehörigen des Judentums! In dem er das Gebot: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben" zum neunten machte, hat er sich genau der Zahl bediMt, die dieses Gebot im'jüdischen Religionsunterricht hat. Unsere drei ersten Gebote werden bei den Juden in vier geteilt,' dagegen wird bei ihnen das neunte und zehnte zü einem einzigen zusammengefaßt. Der „katholische Geistliche" der „Münchener Neuesten Nachrichten" hat, wie er es in der Jugend gelerntdie jüdische Zahl zitiert, also ist er ein Jude. So also sehen die „katholischen Geistlichen" der „Neuesten" aus: Mit. den Händen im Aermelausschnitt der Weste gestikulieren sie uns vor, ihnen seien die Scheitelhaare beschnitten, ihr Kaftan sei ein Tälar und O-Beine gehörten zum äeeorum clericale!" Wir haften es für ganz ausgeschlossen, daß ein Jude sich jemals als katholischer Geistlicher legitimieren könnte, und die Schlußfolgerung ist daher töricht. Der .Ton. der Schlußbemerkung aber ist so niedrig und erbärmlich, daß er . ganz gut von Ahlwardt oder Pückler. hätte stammen können. Von einem katholischen Blatte, daß immer die . Religion im Munde führt, dürste man doch etwas mehr Anstand erwarten. ♦, In dem soeben erschienenen September-Heft der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" veröffentlicht Dr. Rudolf Wassermann-München folgende leider sehr zeitgemäße Abhandlung über den Selbstmord der Juden in Deutschland: Vor kurzem ist im Verlag von I. E. W Mohr (Paul Siebeck) die zweite Lieferung des dritten Bandes der G. v. Mayrschen „Statistik und Gesellschaftlehre" erschienen, deren Hauptinhalt (S. 258 bis 404) die 'Selbstmordstatistik bildet. Da v. Mayr infolge privater Mitteilungen' von seiten der Leiter der amtlichen Statistik in der Läge, ist, neues Material auch hinsichtlich der „Selbstmordlichkeit" (— so nennt er die spezifische Selbstmordhäufigkeit —) der Juden.vorzuführen (s. S.. 347), so ist es wohl, angezeigt, dieses Problem von neuem einer Betrachtung zu unterziehen, um so mehr als die letzte ausführlichere Erörterung dieses Gegenstands in dieser Zeitschrift auch schon vier Jahre zurückliegt?) Die Betrachtung soll,!) Max Hirschberg, Der Selbstmord bei den Juden mit besonderer Berücksichtigung Bayerns (Jahrg. 1906, S. 101 ff.) Vgl. auch ebenda Rudolf Wassermann. Der Selbstmord unter den bayerischen -Juden da-v. Mahr nur Zahlen für Preußen, Bayern, Württemberg und Baden, bringt, auf weitere Staaten'nicht ausgedehnt werden. ' ■ Es kamen von 1000 000 Juden Selbstmörder im Durchschnitt der im Durchschnitt der im Durchschnitt der Jahre 1845—1855')' Jahre 1891 —1900 ' Jahre 1901—1907 in Preußen . 46 241 294 in Bayern 106 2122) 2o38j in Württemberg 66 263 215 in Baden 95 229 2694) Danach ist die Selbstmordziffer der Juden in allen vier Staaten beträchtlich höher als die der Protestanten und Katholiken. Betrug dieselbe doch im gleichen Zeitraum 1901/07 in Preußen: 252 bzw. 101; in Bayern 221 bzw. 102; in Württemberg 193 bzw. 117 und .in Baden 268 bzw. 169 auf 1000 000 Einwohner. So hat sich eine gewaltige Veränderung in der Selbstmordhäufigkeit bei den Juden vollzogen. Noch ausgeprägter als das letzte Jahrzehnt des 19. zeigt das erste Dezennium des 20. Jahrhunderts, daß sich das angebliche „soziologische Gesetz" von der geringen Selbstmordlichkeit der Israeliten (Durckheim) in sein Gegenteil verkehrt hat. Welches sind die Ursachen dieser Erscheinung? Ich kann heute nur wie vor vier Jahren sagen, daß. ich trotz der Ausführungen Hirschbergs auf meinem damals eingenommenen Standpunkt verharre. Soweit er die negative Seite betrifft, stimme ich darum vollständig mit v. Mayr überein, wenn er sich folgendermaßen äußert: Daß die berufliche Gliederung der Israeliten und insbesondere deren fortschreitende. Konzentration die Wahrscheinlichkeit des Selbstmords in steigendem Maße beeinflußt hat, darf man nicht vergessen; die Steigerung des Selbstmords ist aber so bedeutend, daß daraus allein eine erschöpfende Erklärung dieses moralstatistisch so interessanten Vorgangs sich doch nicht ergibt. Daran ändert sich nichts, wenn man, wie dies z. B. Hirschberg getan hat. auckp die:Neigung der Juden zu Geisteskrankheiten berücksichtigt. Denn ein Teil dieser Ursachen lag auch schon früher — wenn auch nicht in demgleichen Maße wie heute — vor, und doch , war die Selbstmordziffer der Juden die denkbar geringste. Man wird darum für die positive Erklärung unseres Phänomens auf den Hinweis nicht verzichten dürfen, daß das Zürückgehen der positiven Gläubigkeit der Juden, die sich überall als Bollwerk gegen die Zunahme der Selbstmorde erwiesen hat, sich bemerkbar macht. So bildet die Entwicklung der jüdischen Selbstmordlichkeit'ein Pendant zur Entfaltung der jüdischen Geburtenziffer, wie ichsie in meinem Aufsatz „Das Wolfsche Bevölkerungsgesetz und das Bevölkerungsproblem der Juden in Deutschland"' - („Zeitschrift fü* Sozialwissenschaft. Bd. XII, Heft 11) gezeichnet habe. Hier wie dort kann nicht behauptet werden, daß die beobachteten Erscheinungen mit der Religion in Zusammenhang stehen. Aber hier wie dort hat die Zugehörigkeit zu einer Religion (Judentum) infolge der damit verbundenen Religiosität bewirkt, daß ändere Faktoren latent blieben. Nachdem die bindende Kraft der Religion gefallen ist, vermögen diese anderen Faktoren nunmehr ihre ganze Kraft zu entfalten und so können wir von der Zukunft nichts anderes erwarten als weitere zunehmende Selbstmordhäufigkeit und Neomalthüsianismus! - .... * . . ... . - - ' i Das in Bozen erscheinende klerikale Blütt „Der Tiroler" hat jetzt erst die tiefere Ursache für den Brand des Hotels am Karers.ee entdeckt. Wie es schreibt, hat der Herrgott selbst den Brand veranlaßt für die Sünden der Fremden, die in ihm wohnten und angeblich die,-Mutter Gottes" beleidigt haben. (S. 14ff.) Beide Aufsätze scheinen v. Mähr entgangen zu sein, da er sie in der Literaturübersicht nicht erwähnt. ' h Bgl.' M. Hirschberg, Tabelle!, der in dett Jahresdurchschnitten zugrunde liegenden Jähresberechnungen namhaft macht. -- ' * 2 *) 1890/99. . ®) 1900,08. ' - 4) 1900/05. ' ' ‘ ■