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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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Dieser Tage ist an Rußland ein interessantes Buch-erschienen, das sehr wichtige Dokumente und Berichte über die letzten Pogrome enthält. Diesem Buche . sind folgende statistische Angaben zu entnehmen: > Die Opfernder Pogrome im Jahre 1905 sind-: v- , y Tote. Verwundete, Witwen, Waisen Im Gouvernement Bessarabien 110. 350 48 125 Cherson 371 300 180 768 Taurien 53 .50 8 27 Jekatarinoslaw. 131 380 40 187 „ - . - . Poltava 18 105 8 , 37 \ „ ■'" n Tschernigow 23 125 4 31 //' Kiew 31 500 5 15 Pödolien 31 85 25 83 „ . . Minsk 49 15 1 6 „ Mobilem 31 15 . — 1 .. Witebsk 12 11 2 — - „ ' :3‘ Don 16 40 4 ' — Gesamtzahl 876 1197 325 1280 Fügt man die Pogrome des Jahres 1906 in Homel, Siedlce und Vialystok hinzu, so sind 1918 Juden als Opfer der' Pogrome in der Zeit von Oktober 1906 bis zum Jahre 1906 zu beklagen. ' Der den Juden durch die Pogrome zugefügte materielle Schaden beziffert sich Im Gouv. Bessarabien (von 12 500 Juden) auf 3.4 Millionln Cherson „ 63 000 10.1 Taurien v 3 500 0,5 Jekaterinoslaw „ 21500 13.2 „; „ ' Poltava „ 14100 5.2 j „ . . . . Tschernigow „ 23 000 7.4 „ „ „ Kiew „ . 32 000 11,0 , : ■ „ Podolien „ 19 000 3,4 ,, Wolhynien 700 0,175 „ Minsk V 200 0,003 „ „ Mohilew „ 800 0,106 •i ' Witebsk 500 0,075 „ „ ‘ Don „ 6 500 6,0 Andere Orte „ 8 300 „ „ 2.2 „ ' ‘ J- - Insgesamt haben ' die Juden durch die Pogrome direkt Und indirekt etwa einen Schaden von 62 000 000 Rubel erlitten. Ein ^geradezu erschütterndes Bild entrollt die Tagespresse mit folgendem Bericht, wie es einen traurigeren über jüdisches Leiden und russisches SchaNdregiment gar nicht geben kann: ' •v Ein junger Jude sieht keinen anderen Weg um studieren zu könnenals zur griechisch-katholischen Kirche überzutreten Sein Pate, ein General, verschaffte ihm einen kleinen Posten aus der Polizei, wo er die Pässe der ankomm enden Fremden einzutragen hat. Mit seiner Mutter und Schwester, die natürlich von seinem Uebertritt nichts wissen dürfen, korrespondiert er nicht,'vermutlich aus Furcht, sich doch einmal zu verraten. So weiß er nicht, daß seine einzige Schwesterum die Frauenkehrkurse in Petersburg mitmachen zu können, sich ein „gelbes Billet" durch Bestechung verschafft hat, das gewöhnlich jeder Prostituierten ausgestellt wird, wenn sie sich in der Hauptstadt aufhalten will. Er trägt eines Tages ihren Paß ein, aus dem er ersieht, daß seine Schwester als Prostituierte' ihren Einzug in Petersburg gehalten hat. Aus Gram hierüber erschießt er sich und hinterläßt für die Schwester einen Brief, in welchem er den Grund seines Selbstmordes angibt. Und sie geht hin, stürzt sich in die Newa, um auch dorthin zu gelangen, wo es. wie es in dem hinterlassenen Schreiben des Bruders heißt, „keine Juden und keine Prostituierten gibt."; Wir glauben nicht, daß es diesseits der russischen Grenze einen Menschen gibt, der' nicht bis ins innerste Mark erschütterte, wenn er von einer solchen Tragödie hören -würde. Und wir können uns nicht denken, daß der Zar. der-mit einem Federstrich einen Zustand beseitigen kann, d?r an sich schon widersinnig, empörend ist und der obendrein.solche entsetzliche Folge haben kann, auch nur einen ^Augenblick zögern - würde, es zu tun,, sobald, er das alles nur wüßte. Wir meinen: was auch der Großherzog von Hessen seinem Gast an Aufmerksamkeiten erweisen mag, ein größeres Verdienst um ihn, um die zarische, also um die eigene Familie, um Rußland könnte er sich nicht erwerben, als indem er dem Selbstherrscher aller Reußen gelegentlich ein deutsches Zeitungsblatt präsentierte. Der Zar würde Rußland wie in einem Spiegel sehen, entsetzt sein über die furchtbare Fratze, das kranke entstellte Gesicht, und schleunigst dafür sorgen, daß es wenigstens etwas verschönert wird, etwas weniger abstoßend, abschreckend wirkt. 1 K. Dir Woche Berlin, 20. September. ^W^n einer ihrer letzten Nummern hat die „Kreuzzeitung" H im Anschluß an die Preßerörterungen über die Königsberger Rede des Kaisers unter anderem auch den Philosophen Schopenhauer als Zeugen ihrer Auffassung vom Wesen des Königtums heran gezogen und dabei ganze Abschnitte aus des Philosophen „Parerga und Paralipomena" zitiert. Dagegen uns zu wenden, liegt für uns kein Grund vor. Aber das extrem-konservative Blatt empfiehlt seinen Lesern dabei zugleich die Lektüre jener Stellen, in denen sich Schopenhauer allerdings wenig freundlich über das „Judentum" ausspricht. Die „Kreuzzeitung" übersieht dabei nur, daß Schopenhauer unter dem Begriff „Juden" vielfach auch Christen faßt und er ausdrücklich an verschiedenen Stellen in diesem Sinne von „Judenchriften" spricht. Dem. Philosophen des Pessimismus konnte allerdings der Optimismus des jüdischen Glaubensbekenntnisses sich nicht in seip Nirwana- Paradies fügen, und darum war er theoretisch ein sRegner der jüdischen Lehre, aber kein Gegner der Juden. Has könnte auch die „'Kreuzzeitung" schon daraus schließen, daß Schopenhauer den Juden David Asher und den getauften Juden Julius Frauenstädt zu seinen Testamentsvollstreckern ernannte und dem Juden Dr. Martin Emden, mit dem ihn tägliche Freundschaft .verband, die Abfassung seines Testamentes übertrug. Die „Kreuzzeitung" war überhaupt - nicht gut . beraten, sich der Autorität Schopenhauers zu bedienen. Denn folgerichtig müßte sie die Autorität dieses Philospphen auch darin gelten lassen (was wir nicht tun), was er über die deutsche Nation sagt. Vielleicht liest sie einmal nach, was Schopenhauer darüber (Band IV S, 118) sagt, wo er es mit Wieland ein „Unglück" nennt, als ein Deutscher geboren, zu sein. „Das sei eine Nation, welche in politischen und, finanziellen Angelegenheiten Mangel an wahrer Ehrenhaftigkeit bewiesen hat," wie er an anderer Stelle (Band IV, S. 427) es ausspricht. So wenig die „Kreuzzeitung" dieses Urteil — und mit Recht — über die deutsche Nation wird gelten lassen, ebenso ist es unrecht und unzulässig, beu unfreundlichen (nicht etwa antisemitischen) Urteilen Schopenhauers über das Judentum als Religionssystem autoritative Kraft beizulegen. Denn Judentum und deutsche Nation beurteilt er gleich unfreundlich, sie sind bei Schopenhauer „socii malorum“. ' . :* . , ’ . ’■ Der „Bayerische Kurier" in München, der das Zentralorgan der Zentrumspartei in Bayern seip will, hielt stets den

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