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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74^ Jahrgang. Nr* 38 * Berlin, 23. September 1010 Ein unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint »öchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder di» Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebrstellen) bezogen .vierteljährlich SM. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags - Lxpeäitlon: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/40. Alle Zusendungen fl. Redaktion und Expedition sind an di« Adresse: Verlag der' „2lHgnn. Zeitung des Iudentumr", Berlin. SW., Jerusalemer Straß» 4S/4S, zu richten. Verlag von Andolf Aloffe, Berlin. Rnili^lt' Der Zar in Deutschland. — Die Woche. — Außerordentji NIJULL. Uche Tagung der deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge. — Georg Herrmanii. — Memoiren von Pauline Wengeroff. — Feuilleton: Reb Jossef. Erinnerungen aus einer untergehenden Kehillah. Von Gotthard Deutsch. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. , Der Gemcindebote (Beilage zur.Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Elbing, Köln, Anrich, Hannover, Ans Hessen, Nürnberg. Aus Kroatien. Konstantinopel. — Von Nah und Fern. Drr Lsr in Drutlchlsnd. er Zar, der zurzeit auf Schloß Friedberg irr Hessen weilt, ist kein besonders bequemer Gast; das werden die Polizisten und Gendarmen und viele andere Leute im Hessischen wohl ohne weiteres zugeben. Für die Sicherheit des von zahlreichen Verzweifelten und Verwegenen umlauerten Zaren und seinir Familie zu sorgen, ist wahrlich keine Kleinigkeit. Der Zar ist aber für viele auch ein unangenehmer Gast, wie die verschiedenen Leute> die durch allerlei dem Zaren zuliebe getroffenen polizeilichen und sonstigen Maßregeln geschädigten oder sonst molestierten Personen bezeugen werden. Für alle diejenigen, die etwas auf die Helligkeit der Menschenrechte geben, ist er der Repräsentant eines Regierungssystems, das sie als eines der lasterhaftesten und verabscheuungswürdigsten nicht nur unserer Zeit, sondern aller Zeiten erkennen. Kein Wunder daher, daß man seine Besuche nicht gerade gern sieht, und daß es in allen Ländern zahlreiche Leute gibt, die gegen seinen Besuch protestieren. Man hat in verschiedenen Ländern schon, die sonst durchaus nicht ungastlich sind, und die die pekuniären Vorteile eines zarischen Besuchs wohl zu würdigen wiffen, direkt Protestversammlungen gegen seine Besuche veranstaltet. Wir müssen gestehen, wir halten von diesen Protestversammlungen und den obligaten Protestresolutionen nichts, schon weil sie absolut nichts nützen. Im Gegenteil sollte man, unbequem und unangenehm, wie sein Besuch sein mag, im Interesse des geknechteten russischen Volkes den Zaren sogar ermutigen, recht häufig Auslandsreisen zu machen. Unwillkürlich würde sich sein Horizont erweitern, und ein Meer von Licht würde ihm über sein eigenes Land, über sein eigenes Volk, über seine Regierung und über die korrupte Bureaukral? e des „Heiligen Rußland" aufgehen, wenn man ihn nur veranlassen könnte, hier und da einmal auch ein ausländisches Zeitungsblatt zu lesen. In Rußland selbst sorgt die Zensur dafür, daß die ärgsten Miffetaten der offiziellen Welt in den Zeitungen überhaupt nicht berichtet werden dürfen, und eine von den Höflingen errichtete hohe Mauer tut das übrige, daß der Zar vermutlich weniger.weiß,, wie es iit: Rußland in Wirklichkeit zugeht, als der gewöhnlichste deutsche, englische, französische amerikanische Arbeiter, vielleicht sogar als Japaner, Chinesen und Hindus. Die russischen. Nihilisten und Revolutionäre sollten ihre Bomben ruhiZ zu Hause lassen. Mit diesen richten sie doch nichts aus, und würden sie selbst dann nichts ausrichten, wenn ein Wurf, was wir wirklich nicht wünschen wollen, einmal gelänge. Aber die Leiter der russischen revolutionären Bewegung sind doch sonst so erfinderische und geschickte Leute, könnten sie nicht dem Zaren während seines Friedberger Aufenthalts ab und zu einmal eine deutsche Zeitung aufs Pult legen? Noch leichter, hätten es die deutschen Fürstlichkeiten, dem Zaren irgendein deutsches Blatt, das einen burdiait§ nicht ad hoc geschriebeneu Bericht über Rußland enthält, zugäugig zu machen. Da war erst vor kurzem in verschiedenen deutschen Zeitungen zu lesen, um welche kolossalen Summen der russische Staat von seinen eigenen hohen und höchsten Beamten betrogen wird. Nun sagte schon Nikolaus der Erste, in Rußland gebe es nur einen einzigen ehrlichen Menschen, und das sei er. Aber inzwischen haben, wenn nichts anderes, doch die russische Beamtenbestechlichkeit, die Unterschleife> Betrügereien usw. der russischen Bureaukratie so ungeheuerliche Fortschritte gemacht, als regierte heute nicht Nikolaus II., sondern Nikolaus der Neunundneunzigste. Was aber unsere entrechteten russischen Glaubensgenossen unter der Regierung Nikolaus II. angeht, so wird kein Bürger eines fortgeschrittenen Landes, deren Leidensgeschichte ohne tiefes Mitleid lesen, ohne Abscheu vor den unmenschlichen Grausamkeiten, die diese Unglücklichen mit jedem Tage immer mehr zu erdulden haben. Selbst der christlich-orthodoxe „Reichsbote", der sich doch nicht durch besondere Sympathien für das Judentum auszeichnetkann nicht umhin, in einem Aussatz über die Lage der Juden in Rußland zu bemerken: „Aus Rußland wurden sie 1743 vertrieben, aber unter Katharina II. begann ihre Rückkehr. Dort ist nun ihr Geschick ein äußerst wechselvolles geblieben bis aus den heutigen Tag,, und die allerneueste Zeit ist sogar wieder Zeugin offener und blutiger Verfolgungen gewesen, die zu den humanen Anschauungen der Gegenwart in der Tat in grellstem Widerspruche stehen. Die menschenfreundlichen Absichten Alexanders des Zweiten sind, längst vergessen. Das russische Beamtentum setzte diesen schon zu Lebzeiten Alexanders einen passiven Widerstand entgegen, und heute stehen die Juden dort rechtloser da, denn je zuvor." Mau lese nur, was der Petersburger Korrespondent der „N. I, K," über die Opfer der russischen Pogrome soeben mitteilt;

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