Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228945--66821-3278978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jahrgang. Nr. 37 Berlin, 16. September 191» Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS IudentumK^. Lorrklpondkn?tn und Kachrichttn. Deutschlands *»* Berttd, 13. September. Ein herbes Geschick hat einem arbeitsreichen Menschenleben ein vorzeitiges Ende gesetzt: Der Schrift, steiler Max Albert Klausner, eine der markantesten Persönlichkeiten innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde, ist am Mittwoch den 7. d. M. nachmittags an der Ecke Konstanzer Straße und Kursürstendamm von einem Automobil überfahren worden. Er wurde in bewußtlosem Zustande nach der Unfallstation am Zoologischen Garten gebracht, wo der Arzt nur noch den infolge Schädelbruchs eingetretenen Tod feststellen konnte. Das jähe Ende dieses in der Vollkraft seiner umfangreichen Tätigkeit stehenden Mannes hat in allen Kreisen der Berliner jüdischen Bevölkerung schmerzlichstes Bedauern und innigste Teilnahme hervorgerusen. Klausner war am 21.November 1841 geboren. Er genoß eine echt jüdische Erziehung und hätte im Hause seines gelehrten Vaters reichlich Gelegenheit, das Judentum und sein Schrifttum kennen und lieben zu lernen. Seine spätere publizistische Tätigkeit, die reich an Kämpfen und Erfolgen war, hat ihn weithin bekannt gemacht, und ein fruchtbares, hohen Zielen. zugewandtes schriftstellerisches Werk hat ihm literarische Geltung verschafft. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab M. A. Klausner die damals weit verbreitete „Fortschrittliche Korrespondenz" heraus, die wesentlichen Einfluß übte und die, neben charaktervoller Vertretung demokratischer Grundsätze, namentlich in der Kulturkampfzeit gegen eine Ausnahmegesetzgebung, für ungeschmälerte Religionsfreiheit der Katholiken mit Wärme eintrat. Es war nur ganz natürlich, daß sein so ausgeprägtes Rechtsgefühl ihn auf den Kampfplatz trieb, als zu Beginn der achtziger Jahre eine lärmende Gassenpropaganda die Feindseligkeiten gegen das Judentum begann, dem er aus innerer Ueberzeugung und in wachsender Liebe sich zugehörig fühlte. Ununterbrochen gegen den Antisemitismus im Felde stehend, hat er in unzähligen polemischen Aufsätzen mit aller Schärfe der Logik, mit aller Schärfe der Dialektik gegen den Widersinn des Antisemitismus angekämpft. Außergewöhnlich begabt, mit Sprachkenntnissen und vielseitigem Wissen ausgerüstet, war Klausner ein vorzüglicher Dialektiker, zugleich einer der glänzendsten Journalisten, der in der Fähigkeit rascher Arbeit und in dem Geschick zur Anknüpfung wertvoller Verbindungen seinesgleichen suchte. Diese Eigenschaften hat er auch in mehr als zehnjähriger Tätigkeit bis 1896 als Redakteur des politischen Teils des „Berliner Börsen- Courier" bekundet. Von da an wandte er sich mit beispiellosem Eifer fast ausschließlich den Bestrebungen und Interessen des Judentums zu, die er in Schrift und Wort, in Vereinen und öffentlichen Versammlungen, insbesondere in der von ihm übernommenen und eine Zeitlang redigierten „Israelitischen Wochenschrift" mit Nachdruck vertrat und nach bestem Wissen und Können zu fördern bemüht war. Hatte er schon vordem in einigen Uebersetzungen ein verfeinertes Sprachgefühl und eine sichere Behandlung des Verses bekundet, so wandte er nun seinen von Liebe beseelten Uebersetzungsfleiß einer Uebertragung der poetischen Partien des Buches der Bücher, der altehrwürdigen Bibel zu. Seine unter dem Titel „Die Gedichte der Bibel." in drei Bänden gesammelten Umdichtungen der Psalmen, der Sprüche Salomonis, des hohen Liedes usw. zeichnen sich durch treues Anschmiegeu an das Original, durch die Kraft und den Schwung der Sprache sowie durch den natürlichen Fluß der Verse aus und sind von bleibendem Wert. Seit mehreren Jahren war der Entschlafene auch Geschäftsführer der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Israölite, Universelle, für deren Ausbreitung und Fortentwicklung er eine unermüdliche Tätigkeit entfaltete. Mit den trauernden Hinterbliebenen klagen um den jähen Heimgang dieses ungewöhnlich geistvollen Mannes ganz Besonders viele unserer bedrängten russischen Glaubensgenossen, denen er mit Rat und Tat zur Seite gestanden und in Not und Drangsal ein bereitwilliger und bewährter Helfer gewesen ist. Ehre seinem Andenken. J. Berlin, 13. September. Unter zahlreicher Beteiligung erfolgte am letzten Sonntag auf dem Friedhof in Weißensee die Beisetzung des so jäh dem Leben entrissenen Schriftstellers M. A. K l a u s n e r. Viele Hunderte waren gekommen, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Man bemerkte den früheren und die beiden jetzigen Präsidenten der „Deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance Israelite Universelle", Geheimen Kommerzienrat Goldberger, Geheimen Justizrat Timendorfer und Justizrat ^Fuchs, die Professoren Blaschke, Kalischer, Rosin, Geheimrat Blumenthal, Rittergutsbesitzer M. Dorn, Vertreter auswärtiger Alliancegruppen, so aus München Herrn Nußbaum, den ziveiten Vorsitzenden der dortigen Gemeinde. Ferner sah man Geheimen Kommerzienrat Emil Jacob, Direktor Professor Silber gleit'. Professor Döpler, Geheimen'Admiralitätsrat Herz. Besonders'groß war die Zahl der aus dem Auslande stammenden Glaubensgenossen vertreten, die segnend des Mannes gedachten, dem sie so ma ' 'i * Wohltat verdankten. Prächtige Kränze, unter deren Fülle sich der Totenschrein barg, hatten unter anderen der frühere Landwirtschaftsminister v. Podbielski, der Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter, die „Alliance Israöiite Universelle",: die Redaktion des „Berliner Börsen- Coürier", die Direktion des Norddeutschen Lloyd, das Tier-Phhsio logische Institut und andere gesandt. In der von Leidtragenden bis auf den letzten Platz gefüllten Leichenhalle hielt nach einleitendem Chorgesang Rabbiner Dr. Eschelbach er die Grabrede. Unter kurzem Hinweis auf den äußeren Lebensgang des in der vollen Lebenskraft so jäh Dahingerafften pries er des Verblichenen glänzende Geistesgaben, seinen Sinn für die Realitäten des Lebens als Politiker, den Kämpfer für die Judenheit und das Recht der Juden, den begeisterten Verehrer unseres Glaubens, der sich die innigste Pietät für die traditionellen Güter des Judentums bewahrte, wenn er selbst auch freierer Auffassung huldigte. Er pries den jüdischen Schriftsteller und stellte den Kindern seiner Muse und Muße das glänzendste Zeugnis aus, insbesondere seinen Gedichten und Psalmenübertragungen, die Meisterwerke und vielleicht das Vollendetste seien, was auf diesem Gebiete geschaffen worden. Noch wenige Wochen vor seinem so unerwarteten To de habe er die zwei ersten Kapitel des Pentateuchs übersetzt, in einer Sprache und Form, die Bewunderung erregen müsse- Sein öffentliches Wirken im jüdischen Interesse sei außerordentlich mannigfaltig gewesen. Wie viele von der Ausweisung bedroht gewesene ausländische Glaubensgenossen verdanken ihm die Existenzmöglichkeit in deutschen Landen, wie vielen, die die formalen Erfordernisse zur Eheschließung sich aus ihrem Heimatslande der Verfolgungen nicht verschaffen konnten, ermöglichte Klausner es, den Bund der Herzen zu schließen. Nicht immer hat er Anerkennung gefunden, aber auch, wer seine spitze schroffe Kritik erfahren hat, seine Mannhaftigkeit und seinen Mut, müßten alle anerkennen, er bewährte sie auch gegen die Hohen dieser Erde, bei denen sein Wort viel galt. Viel Verkennnng habe er erfahren, aber sein Leben war doch glücklich, vor allem durch seine innige Häuslichkeit und im Schoße seiner Familie. Das lebhafte Temperament zügelte die liebende Gattin, und er hatte das Glück, seine Söhne als Landwirte in Argentinien zu tüchtigen Menschen werden, seine Töchter teilweise in glücklichster Ehe, teilweise zu akademischen Würden emporsteigen zu sehen. Mit einem Gebete schloß Rabbiner Dr. Eschelbächer seine eindrucksvollen Worte. Nach ihm rief Rabbiner Dr. Weiße namens des Deutschen Bureaus der „Alliance Israölite Universelle" dem Verblichenen anerkennende Worte des Abschieds nach. Er pries Klausner als den Popularisierer der Alliance-Idee in Deutschland, als diese einigermaßen zu verblassen drohte. Seinen hervorragenden pölitisschen Einfluß hat er rückhaltlos in den Dienst der Alliance gestellt. Vielen ausländischenJuden hat er die Aufenthaltserlaubnis in deutschen Landen erwirkt oder ihnen die Möglichkeit zur Uebersahrt ins Ausland