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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 444 (sequence 12)
Language
German
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aber eine völlige Buchdarstellung seines Wirkens sehlte-bisher, denn Karpeles' liebevolle Studie vom Jahre 1889 ist doch nur ein Festgruß an den Sechzigjährigen, eine, schöne Skizze zwar, doch' eben nur eine Skizze. Nun läßt Dr. H. Henning ein Spielhagenbuch erscheinen, das dem Umfang nach wohl der ganzen Bedeutung des Vielseitigen hätte gerecht werden können, das auch ganz offenbar als erschöpfende Biographie gedacht, ist. Allerlei ,Gutes läßt sich dieser jüngsten und ausführlichsten Arbeit über Spielhagen, gewiß nachrühmen: sie bietet wertvolle biographische Mitteilungen, sie ist mit großer Liebe, mit großem Fleiß geschrieben; aber eine wirkliche Biographie, eine erschöpfende Würdigung, ein einheitliches und künstlerisches Bildnis Spielhagens ist sie nicht geworden, nur die beachtenswerte Vorarbeit dazu, nicht weniger, nicht mehr.. Vielleicht war der Verfasser. zu gewissenhaft, vielleicht zu unbescheiden, nur die Teile von Spielhagens Wesen herauszustellen, an die sein völliges Verständnis heranreichte; er wollte den ganzen Spiehagen zeichnen, geriet ins Wirre und scheiterte. Man verspürt in Hennings Darstellung allzu oft nur den Sammler fremder Aussprüche und Urteile, man vermißt den Maler, der mit eigenen Augen sieht, mit eigener Hand den Pinsel führt. Und stößt man einmal auf den Biographen selber, so ist man bisweilen unliebsam überrascht. Schwulst und Trivialität entstellen einen Satz wie diesen, der eine Stichprobe, freilich besonders schlimmer Sorte, bildet: „Dichterwerke sind . . .für alle Zeiten schrieben und werden den Menschen, die für künstlerische Schönheit Verständnis haben, stets einen hohen Genuß bereiten, während sie dem nur die Langeweile vertreiben wollenden Lesepöbel ebenso unangenehm find wie den Kaffeehausliteraten, die ihr epheneres Dasein nur von den literarischen Moden zu fristen vermögen." (S. 115.) Es ist dies doch wohl nicht der Ton, in dem sich einem Manne wie Spielhagen gerecht werden läßt. Dr. Henning, der fleißige Sammler, hat dem Biographen vorgearbeitet, der sich schließlich einmal auch für einen der merkwürdigsten deutschen Romandichter finden wird. V. Klemperer. --- Kalender für Israeliten für das Jahr 5671 (1910/1911). Herausgegeben vom Verein „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" in Wien. Der treue jüdische Haus- und Familienfreund ist soeben erschienen. Der 19. Jahrgang des „Unionkalender" repräsentiert sich in ebenso eleganter und handlicher Form wie seine Vorgänger. Dieser Führer durch das jüdische Gemeindeleben der österreichischungarischen Monarchie hat sich bereits so sehr eingelebt, daß es überflüssig erscheint, seine Unentbehrlichkeit noch weiter zu begründen. Im schematischen Teile findet der Leser alles, was zur Kenntnis der jüdischen Oeffentlichkeit erforderlich ist. Ein genaues Verzeichnis aller israelitischen Kultusgemeinden Oesterreich-Ungarns und per neu annektierten Provinzen mit namentlicher Angabe der Kultusrepräsentanzen, der Rabbiner, Kantoren, Lehrer und sonstiger Gemeindesunktionäre, der Einnahmen und Ausgaben jeder Gemeinde und ihrer rituellen und humanitären Institutionen, ferner ein Verzeichnis sämtlicher jüdischer Vereine in Wien und in den Provinzgemeinden und ein Verzeichnis der jüdischen Zeitungen und Zeitschriften. Der literarische Teil des Kalenders bringt heuer einen wertvollen Essay von Rabbiner Dr. M. Rosenmann über Jsak Noah Mannheimer. Von großem Interesse ist in. dieser Arbeit die Darstellung der Wirksamkeit Mannheimers während der bewegten Tage des Jahres 1848. Zwei charakteristische Porträts des gefeierten Kanzelredners, ferner ein Bild, welches Füster, Mannheimer und Sulzer am Grabe der Märzgefallenen, darstellt und ein Faksimile aus Mannheimers Tagebuch über die Märztage des Jahres 1848 schmücken den Kalender. Ferner enthält er eine Erzählung von Julius Uprimnh unter dem Titel „Dorfjuden", welche ein ergreifendes Bild jüdischen Familienlebens und jüdischer Aufopferungsfähigkeit bietet. — Der Kalender ist zum Preise v. Kr. 1.60 vom Bureau der „Oesterreichisch Israelitischen Union"; Wien 9, Universitätsstraße 8, zu.beziehen. igüchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. The Jevvish Review edited by Normann B entwich. and Dr. Joseph Hochmann. Vol. I. Nö. 3. September 1910i Abraham Geiger. Gedenkrede von Dr. David. Bochum 1910 . Jewish Colonization Association Rapport de i’administration centrale pour l’annee 1909. Paris. Imprim erie R. Veneziani/ 1910. Berliner Salon.. 2. Jahrg., Nr. 35. Verlag „Berliner Salon"- (Enthält: Hans Landsberg, Wissenschaft und Judentum.) Sprechsaal. Herr Redakteur! dem Artikel „Fritz Reuter und die Juden" in Nr. 32 Ihres geschätzten Blattes möchte ich doch bemerken, daß eine wichtige Aeußerung Reuters, die in dieses Gebiet gehört, nicht ignoriert werden sollte. Nach dem Siege bei Sedan wurde etwa Mitte September 1870 in Eisenach eine Siegesfeier gehalten, bei welcher Karl Wilhelm, der Komponist der „Wacht am Rhein" gefeiert wurde. Unter den Festrednern befand sich auch Fritz Reuter, der mit scharfen Worten den Kultus, der in den zwanziger und dreißiger Jahren mit Napoleon I. getrieben worden war, geißelte. Die Schuldigen waren nach ihm „diese elenden Judenbengels wie z. B. Heinrich Heine, der sich nicht gescheut hatte, Napoleon zu verherrlichen, wie beispielsweise durch das Lied „Nach Frankreich zogen zwei Grenadiere". Der Vorfall wurde damals in allen Zeitungen berichtet, so auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Jahrgang 1870, S. 971. Allerdings mag die Aeußerung nur eine momentane Entgleisung gewesen sein, wie sie als Atavismus bei den aufrichtigsten Liberalen vorkommt, aber in einer Charakteristik des Verhältnisses Reuters zu den Juden sollte sie doch nicht übersehen bleiben. Ergebenst Cincinnati, 28. August 1910. . Gotthard Deutsch. Geehrte Redaktion! fm heutigen Sprechsaal Ihrer geschätzten Zeitung bringen Sie von S. F. L. ein „Eingesandt" über einen Notstand, der für viele unserer Glaubensgenossen (besonders in kleinen Städten) durch die Lage des Wochenmarktes entstehe: „Leider werde in Preußen auf unsere Rechte und Wünsche keine gebührende Rücksicht genommen" usw. ' Ich möchte nun nicht verfehlen, einen gegenteiligen Fall von hier zu berichten. Die seit alter Zeit hier bestehende Frühjahrs- und Herbstkirmes — großer Jahrmarkt — wurde vor etwa zwei Jahren von den städtischen Körperschaften aus verschiedenen Gründen auf einen anderen Termin verlegt. Der Herbstjahrmarkt sollte fortan am ersten Dienstag im Monat Oktober stattfinden. Der Herr Regierungspräsident in Arnsberg wies aber bei der Genehmigung dieses Beschlusses ausdrücklich darauf hin, mit Rücksicht auf das jüdische Neujahrsfest am Dienstag den 4. Oktober 1910 ausnahmsweise einen anderen Tag zu wählen. Auf dieses Zusammenfallen des Jahrmarkt-Tages mit dem jüdischen Neujahrsfeste hatte vorher niemand aufmerksam gemacht. Selbstverständlich kamen Magistrat und Stadtverordnetenversammlung diesem Wunsche in entgegenkommendster Weise nach .und setzten den. diesjährigen Herbstjahrmarkt aus Dienstag, den 6. September fest. Das hiesige Bürgermeisteramt setzte sich vorher aber noch einmal mit dem Vorstande unserer Shnagogengemeinde in Verbindung, um weitere Kollisionen von Jahrmärkten mit jüdischen Festtagen zu verhüten. Mit vorzüglicher Hochachtung Hattingen (Ruhr), den 9. September 1910. M. Andorn. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berli«

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