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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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_ den Balkon hinaus. Gleißendes, erbarmungsloses Sonnenlicht blinkt vom strahlenden, blauen Himmel, Lebensbejahung' Daseins freude ringsum, heitere Menschen streben dem Freien zu - ist es denn Möglich, daß zu gleicher Zeit sein sonniges Kind ins ewige Dunkel, muß? Gibt' es denn keine Hoffnung, keine Hilfe? In rasendem Schmerz umkrampften seine Hände das Balkongitter, das seinem Rütteln widersteht — o, diese Ver- -zweiflung austoben, ausweinen oder — ausbeten zu können. Jetzt, wie sein Weib, an ein höheres Walten, an die Liebe eines Gottes glauben zu dürfen, der Erhörung gewähren muß, wenn man ihn um das Leben des Teuersten so heiß, so inbrünstig anfleht, dem man in gläubiger Zuversicht zutraut: „Er kann das Schreckliche nicht zugeben!" Beten können! Jetzt beten können! Der -unglückliche Mann kann es nicht! Verlorenes Kindheitsparadies! Die Wege der Natur, auf die ihn sein scharfer Verstand gewiesen, die er so stolz beschritten — wie graut ihm jetzt vor ihnen, denn in unerbittlicher Klarheit zeigen sie ihm das Ziel: „Sein Kind muß sterben." Zu lange schon durchtobt das Fieber verzehrend den jungen Körper, schwächt von Stunde zu Stunde mehr die Herztätigkeit — und seine Hoffnung auf eine göttliche Wundertat vergoldet ihm diese Elendsstunde! „Vermessener" erschüttert ihn ein plötzlicher Gedanke — und diesen holden Kinderglauben, der das schwerste Leid zu lindern vermag, ihn wolltest Du gewaltsam den Deinen entreißen! Verständnislos für die Wünsche Deines Weibes, wolltest Du des Knaben Jugend ernüchtern, ihm Deine kalte Weltanschauung einimpfen! Ungehört verhallte bis heute Deines Weibes Mahnung: „Sieh doch ein, daß die Bedürfnisse der .. Menschen verschieden sind. Nie hast Du versucht, dem uralten Gegensatz Rechnung zu tragen zwischen dem kühlen Denker, den nur Beweise überzeugen, und der religiösen Natur, deren Glauben allein durch das Gefühl bestimmt wird!" Der grübelnde Mann stöhnt auf! Jeder scheue Blick des Knaben, da er ihn nüchtern über das Wesen aller Dinge ausklären gewollt, brennt ihm in der Seele! O, nun begreift er auch dessen strahlendes Gesicht, wenn er allein mit Mutti in den Garten durfte. Seine Fieberphantasien haben ihm verraten, wer im. Geheimen mit biblischen Erzählungen sein Herz ergötzte. „Dank, Dank, teures, tapferes Weib," murmelt er, daß Du gegen meinen Willen unserem Kind so viel gegeben, sein kurzes Leben so reich gemacht hast." „Sein kurzes Leben," er zuckt auf bei dem Gedanken an die entsetzliche Wirklichkeit, die ihm auf Augenblicke durch seine finstere Grübelei entrückt ward. Sich mühsam aufrecht haltend, wankt er vom Balkon ins Zimmer zurück, ans Bett seines Knaben. Was ist das — narrt ihn ein Traum? Ganz ruhig liegt jetzt das Kind, die glühende Röte des Gesichtes hat fahler Blässe Platz gemacht - Barmherzigkeit, ist das der Tod? — — Da öffnen sich langsam die großen, blauen Augen, zwar matt, doch, .0 Seligkeit, ohne Fieberglanz, und ein. klares -y Sümmchen sagt leise: „So müde bin ich! Ich will jetzt schlafen, aber Mutti sagt, erst muß man beten." Und die schwachen Händchen ineinanderlegend, tönts innig von seinen Lippen: ,8obma jisroel, adaunoj elauhenu, adaunoj echod!“ Am Bett in die Knie gesunken, schluchzt jubelnd der Vater: „Schlafe, mein Liebling, und erwache zu einem glücklichen, glaubensdurchsonnten Leben." 4 Literarische Mitteilungen. .Jüdische Philosophie. Am 15. September erscheint im Verlage von Georg Reimer, Berlin, die erste Hälfte des zweiten Bandes der Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters von Dr. David Neumark, Professor der Philosophie am Rebren Union College in Cincinnati, Ohio. Dieser Halbband enthält die erste Hälfte des dritten, die Attributenleh re behandelnden Buches (das "ganze Weck ist auf fünf Bände in neun Büchern berechnet) und ist ausschließlich der biblischen und griechisch-jüdischen/Literatur als Quellen der jüdischen Philosophie des Mittelalters gewidmet. Nach einem kurzen eiuleitenden Kapitel (Seite 1 bis 9) wird im zweiten Kapitel (Seite 10 bis 240) nachgewiesen, daß die gesamte biblische Literatur im Zeichen des Attributenmotivs steht, daß die Ver schiedenheit der Pentateuchquellen auf verschiedenen Konzeptionen der Attributenlehre beruht, und daß auch 6ie damit zusammenhängende verschiedene Konzspti an der Gottesnamen darauf zurückzuführen ist, daß der Gottesname stets eine der miteinander rivalisierenden Attributenformelu deckt und für jede Schule das Ideogramm der ihr eigenen Konzeption der jüdischen Lehre ist- Jn der Schlußanmerknng werden Hofs man ns „Gegeninstanzen" geprüft und zurückgewiesen, und im Anschluß daran die Anfänge der Halacha auf bibelkritischer Grundlage im Sinne Abraham Geigers diskutiert. Das dritte Kapitel (Seite 240 bis 293) liefert eine Darstellung der Philosophie Platos aus dem Attributengesichtspunkt und legt besonders jene Punkte frei, an welche die jüdische Spekulation der griechischen Periode angeknüpst hat. Das vierte Kapitel (Seite 294 bis 473) führt den Nachweis, daß die gesamte literarische Produktion der griechischen Periode im Zeichen des biblisch-platonischen Attributenmotivs stehh und daß dieses Motiv den Brennpunkt der Vereinigung von Judentum und Platonismus gebildet-hat. Die gesamte jüdisch-griechische Literatur wird in zwei Gruppen eingeteilt: 1. die geschichtliche, mit Josephus, 2 die philosophische, mit Philo als dem zusammenfassenden Repräsentanten. Die erstere treibt vorwiegend Staats- 'und Geschicht sphilosophie. die^ letztere vorwiegend Philosophie im engeren Sinne. Dieser Halbband schließt mit einer umfangreichen Darstellung der Philosophie Philos (Seite 391 bis 473). In dieser wird das System Philos so auf dessen Motive hin analysiert, daß es klar , wird, daß Philo, bei aller Neuheit der Kombination, nichts als der zusammenfassende Repräsentant jener Motive und Spekulation ist, welche in der ihm vorangehenden jüdischen Literatur dieser Periode vorliegen. An geeigneten Stellen werden die Fäden bloßgelegt, die von der Spekulation des jüdischen Altertums zur Philosophie des Mittelalters führen. Dieser Halbband ist mit Inhaltsverzeichnis und Register versehen und bildet ein selbständiges Ganzes für sich. Dieser Halbband ist dem Ehrenpräsidenten des.8oa.rd ok Covernors des üebre^v Union College, Herrn Bernard Bettmann, in Anerkennung seiner Verdienste um dieses Institut, gewidmet, das einzige Zentrum der freien Forschung und des religiösen Fortschritts im amerikanischen Judentum. --- Friedrich Spielhagen von Dr. Hans Henning, Leipzig 1910 bei Strackmann. Es ist eigentlich sehr seltsam, dcrß Friedrich Spielhagen bisher keine ausführliche Biographie erhalten hat, wo doch auf dem literarhistorischen Gebiet eine fast allzugroße Betriebsamkeit herrscht und die mikroskopischste Größe eilig ihren Würdiger und Lobpreiser findet. Spielhagen, der so vielfältiges Interesse bietet, der in dichte' rischer, politischer, kulturgeschichtlicher, ästhetischer, philosophischer und wohl noch manch anderer Hinsicht immer beachtenswert, oft anregend und etliche Male bewunderungswürdig ist, der als Mensch so wertvoll ist wie als Schriftsteller, dessen Schaffen eng verknüpft ist mit der inneren deutschen Geschichte von der Revolution bis in die Jugendjahre des neuen Reiches — er ist von der Ueberfülle literarhistorischer Tätigkeit nur erst gestreift worden. Wohl widmet ihm jeder moderne Ueberblick der deutschen Literatur manches Blatt, wohl ist er in Zeitschriften und Zeitungen oft gefeiert und öfter befehdet worden

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