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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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war ein demütiger Mann geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirchedie ich mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden - für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die des bescheidenen Taglöhners." So will denn der ehemalige Revolutionsführer nur die wenigen Dörfler feiner Umgebung ein wenig emporzüheben . suchen. „Diesen geringen Posten auszufüllen, reicht mein Können gerade hin. — Der Sendbote ist gestorben,- ohne einen Jünger zu hinterlassen." Hier fällt ihm der alte Arzt erregt ins Wort. „Einen doch! rief Nathanel. Einen,.den Sie aus den Reihen ihrer eifrigsten Gegner geholt. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer Natur gewesen, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen, und den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! Da steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren." Ich glaube, dieser Schluß der Erzählung kann leicht mißdeutet werden. Derart, als sei die eigentliche und einzige wahrhaft sittliche Gestalt der Dichtung doch nur Dembowski, Rosenzweig dagegen nur ein lange Jrregegangener und endlich Bekehrter, wahrscheinlich der von ^jüdischer Härte" zu „christlicher Milde" Bekehrte. Aber sieht man genauer hin, so liegt die Sache doch, ganz anders. Zwei Bekehrte gibt es hier, die sich auf einem mittleren Wege treffen. Was die Ehrenhaftigkeit des ursprünglchen Handelns anbelangt, so waren sich der Sendbote und der Arzt darin wohl von Anbeginn ebenbürtig; aber dem gütigen Schwärmer fehlte der Böden unter den Füßen, und dem pflichtgetreuen Realisten wiederum fehlte die Schwungkraft. Nun haben sie beide hinzu gelernt, was ihnen mangelte: Dembowski hat der Utopie entsagt, Rosenzweig zum starren Gerechtigkeitssinn die mildere Menschlichkeit gefügt. Zwei von Anfang an gleich sittliche, aber noch mit den Fehlern ihrer Tugenden behaftete, noch nicht ausgereifte Menschen stehen sich geläutert und vollendet gegenüber. Daß Marie Ebner zu solchen Trägern ihrer höchsten Ideen vom sittlichen Wirken den Juden neben dem Christen wählte, ist das stärkste Zeichen dafür, daß ihr religiöses Empfinden keine konfessionellen Ketten trägt. Der Irrigem. Novelle von Rosi Graetzer. U. langsam schlichen dem Kinde die Stunden dieses Tages dahin. Mit herzlichem Gutenachtkuß verabschiedete sich der Vater abends von ihm, deckte es sorglich zu, da er wahrnahm, wie dieses in plötzlichem Kältegefühl erschauerte, und ahnte nicht, wie der Kleine sein Verlassen des Kinderzimmers ersehnte, um das Nachtgebet sprechen zu können. Schüchtern faltete Hans dann die kalten Händchen unter der Bettdecke und lautlos formten seine Lippen die Worte des Gebetes ,8obma fisroel". — Nach diesem fügte er das gewohnte: „Gott schütze Dich, Mutti" hinzu, aber keine sanfte Entgegnung: .„Dich ebenfalls mein Liebling," wurde ihm heute zuteil, denn Mutti — -war fern. Hans schluckte nun doch an verhaltenen Tränen, ob der Trennung von ihr aber das Schlucken wurde ihm schwer, als ob statt der kleinen Salztropsen ihm große Bleikugeln, in der Kehle säßen. Ach/ wie bange war ihm nach Mutti- , die ihm abends noch immer vom lieben Gott erzählen mußte. Die Geschichte von Jakobs Traum hatte er gar nicht mal zu Ende gehört, was sprach doch oben auf der Himmelsleiter der liebe Gott? — Daß doch Großmutter gerade krank werden mußte. -- Ach, gesund sein war feiner/morgen wollte er an Mutti schreiben. Aber heute war ihm der Kopf so schwer, und so heiß war es im Zimmer — warum hatte ihn auch Vater so warm zugedeckt, herunter mit der Decke — doch nun bebte er vor Frost — ach, und wer drückte ihn denn so atemraubend aus die Kehle: „Mutti, hilf doch — Mutti, Mutti!" Mit einem Sprung war der Vater aus dem Nebenzimmer auf den heiseren Schrei am Bette des Kindes. „Na, kleiner Mann, Albdrücken? Zu viel gegessen?" — aber das neckende Wort verstummt ihm in der Kehle, als er sich über das glühende Gesicht des Knaben beugt, aus dem ihn zwei hervorquellende Augen angstvoll anstarren. Denn nicht umsonst ist er selbst Arzt, erkennt er die Vorboten einer schweren Krankheit. Ein Lauschen auf den pfeifenden Atem, eine kurze Untersuchung und ein Schwindel erfaßt ihn : der Würgengel Diphtheritis hat sein Kind umkrallt. Mit zitternder Stimme gibt er dem Mädchen die nötigen Weisungen, läßt einen zweiten Arzt herbeiholen und hat sich soweit gefaßt, um mit fester Hand die Behandlung einzuleiten. In kalte Tücher hüllt er das fieberglühende Kind, dessen Lippen nur immer das Wort: „Mutti, Mitti" formen.. Stöhnend birgt der Vater das Gesicht in die Hände — selbst auf telephonischen Herbeiruf kann seine Frau vor 24 Stunden nicht hier sein — wie wird sie ihren Jungen finden, ihren Hans, ihres Lebens reichstes Glück! — In wilden Fieberphantasien liegt das Kind. Die heißen Händchen fingern unaufhörlich auf der Bettdecke herum, und wirre Worte stößt es hervor. „Bitte, bitte, die Himmelsleiter," tönt es an des Vaters Ohr, der sich mit zärtlichem: „Was willst Du, mein Liebling?" über den Knaben beugt. „O, die Himmelsleiter, bitte, bitte, Mutti." . Das eindringliche, halb bewußtlose Flehen des Kindes, dem er nicht Gewährung leisten kann, weil er nicht weiß, was es meint, zerschneidet dem Vater das Herz. — „Soll ich Dir. was erzählen, Hansel?" — „Bitte, die Himmelsleiter! Ich will die Engel sehen!" — und langsam dämmert dem Vater die Erinnerung an die in frühester Jugend gehörten biblischen Geschichten. Angestrengt sucht er nach einem Zusammenhang mit dem Wunsche des Kindes — ihrü ist, als ob sein Lebensglück davon abhinge, dessen sehnenden,Blick zu befriedigen. Vergebens sinnt er, forscht er. Aufs Geratewohl fängt er an zu erzählen: „Auf einer Himmelsleiter steigen Engel in die Hölf, immer höher, bis zu einer Regenwolke, die schütteln sie so lange, bis es regnet" — über das gequälte Gesichtchen des Kindes haucht ein schwaches Lächeln, das der Vater mit Jubel .sieht: „Ganz, ganz falsch erzählt, Vater" — dann setzt von neuem das Fieber ein, ohne Besinnung wirft sich das Kind hin und her, unverständliche Worte murmelnd. Beide Aerzte bemühen sich eifrig um das Kind; die Stunden der Nacht verrinnen, der Tag steigt auf, geräuschvolles Leben dringt ms Krankenzimmer — keine Aenderung des Zustandes! Ungeschwächt durchrast das Fieber den zarten Körper. Schweigsam hantiert des Doktors Kollege, sucht mit allen Mitteln die schon fast erschöpfte Lebenskraft des Knaben zu heben — leider, leider scheint auch die Serumeinspritzung wirkungslos zu bleiben, seine Hand läßt den Puls des Kindes nicht los, und der vergrämte Vater , liest in seinem Blick: „Wenn es das Herz nur aushält!" Die fürchterliche Spannung wird hem fast Verzweifelnden unerträglich — er stürzt auf

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