Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
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441 —— und an dessen „eingefallenen Wangen ein paar glänzende rabenschwarze Schläfenlocken" baumeln. Salomon muß tagaus, tagein Spielzeug, Messer und ähnliches verkaufen und wird von dem „jungen Herrn" beneidet, wie er ihn beneidet. „Mir möchte leicht sein das Studierensprach er und sah sehr hochmütig und sehr traurig aus." Nun ist es eine der schönsten wahrhaft dichterische Erfindungen Marie Ebners, wie sie die beiden Unglücklichen Knaben über den gegenseitigen Neid hinweg: zum gegenseitigen Bemitleiden emporwachsen läßt. Als Georg bereits aus dem Wege zur erlösenden Donau ist, nimmt er sich doch noch Zeit, ein Abschiedswort an Salomon zu richten. Denn „auch der war elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der Georg entflohen war, und der auf- und abwandeln mußte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand- und sah so krank aus, und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des schweren Warenkastens. Ja, wem zu Schweres auferlegt ist, der verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen droht,, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den. ausgetretenen, geplatzten Stiefeln . . . Georgs Blick glitt über sie hinweg, und Plötzlich beugte er sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den Warenkasten. Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr; . ." Und Salomon wieder, da. Georg ins Wasser springt, wirst die „schönen, guten Schuhe" und alle seine Waren von sich, um nur rasch „mit gellenden Wehrufen" zum Ufer zu gelangen. Ist Salomon nur eine Nebengestalt, so hat Marie Ebner ein andermal einen Juden zum Titelhelden, und mehr als das: zum Mitträger ihrer wesentlichsten Ideen gemacht. Wie großen Wert die Dichterin selber dieser Erzählung beilegt, die eigentlich ein Roman ist, geht deutlich daraus hervor, daß sie den „Kreisphysikus" unter die wenigen Geschichten ausnahm, die neulich zu wohlfeilem Preise als „Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte", erschienen. Doktor Nathanael Rosenzweig, zu dem wohl jener Doktor Engel aus Marie Dubskys Kindheit Modell gesessen haben mag, ist der beste Arzt seines Kreises, der „Vertrauensmann der Edelleute", das „Orakel ihrer Damen", der „Freund ihrer Kinder". — „Der Kleine ist schwer krank, aber — Rosenzweig behandelt ihn. — Den ganzen Tag Hab' ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht — aber jetzt ist Rosenzweig gekommen . .. . Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus, dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe." Der tüchtige Arzt hat aber auch außerberuflich als Mensch sehr achtenswerte Züge. Er hat sich aus bitterster. Armut emporgearbeitet. Daß man bei so schwerem Leben nicht mild und liebreich wird, versteht sich; es genügt, daß man gerecht und unantastbar ehrenhaft bleibt, ja, es ist dies unter solchen Umständen etwas gan) Ungeheures. Was Rosenzweig an Liebe besitzt, schenkt er einzig seiner uralten Großmutter, für die er aufs kindlichste sorgt. Im übrigen hängt er mit sicherlich nicht verächtlicher Innigkeit, auch mit einigem Natursinn, an feinem Stück um Stück selbsterworbenen Besitz, dem Hays, dem Garten, dem Feld. Ob er zum persönlichen Gott Beziehungen hat, bleibt bei ihm offen und so — nebensächlich wie bei Marie Ebner elber. Doch läßt er mit gleicher Selbstverständlichkeit so wenig von seiner unbequemen Konfession wie die Dichterin von ihrem philosophisch überwundenen Katholizismus. Sen* timentale Nächstenliebe kennt der starke Mann nicht, will er nicht kennen. Wohl hat er vor Jahren einen armen halberfrorenen Jungen in sein Haus ausgenommen und seitdem nicht hungern lasten, aber er hat doch in all der Zeit den „Chamer" wie einen Diener gehalten und seine Arbeitskraft zwar nicht übermäßig, aber völlig ausgenutzt. Und als er das erstemal einem altruistischen Schwärmer begegnet und von diesem für einen Menschenfreund und Gesinnungsgenossen gehalten wird, da ergreift ihn „zornige Beschämung". „Er gedachte all der Hände, die sich im Verlaufe seines langen Lebens-flehend zu ihm ausgestreckt, und sagte sich: Nie hast Du geholfen außer im Beruf. Und was wir dem zu Liebe tun, tun wir uns selbst zu Liebe. Seine Schuldigkeit hatte er erfüllt in ihrem ganzen Umfang; aber Schuldigkeit — es liegt schon im Worte — ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie. Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens, gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der Menschen. So hatte er es bisher gehalten, und .. . so wollte-er es auch ferner halten. Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden sie zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher — nicht!" Nimmt man zu den übrigen Tugenden des Mannes diese große Klarheit und fast allzustrenge Bescheidenheit, mit der. er seinen ethischen Zustand betrachtet, so hat man schon hier das Bild eines merkwürdigen und höchst wertvollen Menschen. Nun aber führt Marie Ebner ihren Helden einen schönen Entwicklungsgang. Die Erzählung spielt im polnischen Revolutionsjahr 1846, und jener Schwärmer, der Rosenzweigs Unwillen erregte, ist der „Sendbote" Dembowski, ein Aristokrat und Großgrundbesitzer, der seinen Privilegien und Reichtümern entsagt hat („Vorrecht ist Unrecht!") und nun dem Volke ein Reich predigt, „darin es weder Ueberfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft gibt, das Reich — das Christus gepredigt hat". Wie gesagt, ist Rosenzweig im Anfang über die utopischen Elemente dieser Lehre entrüstet, und da er die heillose Verwirrung sieht, die sie in den Köpfen des ungebildeten Volkes anrichtet, und da er rein persönlich von der Revolution für sein so schwer erworbenes Besitztum Gefahren befürchten muß, so sucht er selber auf die Verhaftung dieses gefährlichen Schwärmers hinzuwirken. Aber das rein Sittliche und Menschliche der Dembowskischen Anschauungen, das ja weder ausschließlich christliches, noch ausschließlich jüdisches Eigentum ist, tönt doch in dem Manne nach, der selber so lange Zeit zu den Bedrückten gehört hat. Tönt nach und gibt seinem Wesen die Milde, die ihm einzig zum völligen Adel gefehlt hat. Der gerechte und pflichtgetreue Rosenzweig wird nun auch ein gütiger Mensch. Und so rettet er selber im entscheidenden Augenblick den „Sendboten" vor seinen Verfolgern. Daß die utopischen Pläne des Schwärmers notwendig fehlschlagen müssen, verkennt er deshalb keinen Augenblick, bleibt der gleich' realistische, gleich feste Mann, der er vordem war, und verklärt gewissermaßen nur sein weiteres Wirken durch größere Menschlichkeit. Das Schicksal des „Sendboten" erfüllt sich bald; die Revolution wird niedergeschlagen, er selber bleibt im Gefecht, wie es heißt: tödlich getroffen, Nach Jahren aber begegnet Rosenzweig dem Verschollenen und Totgeglaubten in einem entlegenen Dorfe. Dembowski ist damals nach schwerer Verwundung von einem Wohltäter mit falschem Paß ausgestattet worden und lebt seitdem, im bescheidenen Kreise Gutes wirkend, als Bauer unter Bauern. Der Wunsch, noch einmal als Messias hervorzutreten, ist ihm vergangen. „O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens, und der vermeinte Prophet