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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 440 (sequence 8)
Language
German
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und das zu den teuer-idealen Gütern meines Hauses zählt» — Es war im Januar 1903, als ich in dem reizenden Heim Julius Rodenbergs weilte. Wir hatten imLimmer der Hausfrau den Tee genommen- und nun durste ich in demTuskulum meines hochverehrten gütigen Freundes nach Herzenslust herumstöbern. Vom Schreibtisch und den Wänden grüßten mich die Bilder seiner Eltern und Geschwister, denen er in seinem „Kindheitsbuch" ein so Pietät- und liebevolles Denkmal errichtet Hat, die Bilder derer, die ihm in Freundschaft nahe gestanden haben und in die Ewigkeit vorangegangen sind; ich kam mir wie auf einem Friedhof wandelnd vor. Dennoch pulsierte. reges Leben auch unter den Bildern die einzige jugendliche Tochter Rodenbergs, deren stattlicher Gatte, der reizende muntere Knabe; am meisten fesselte mich jedoch Marie von Ebner-Eschenbachs geist- und gütevolles Antlitz. Meinen Wunsch, ein Bild von ihm mit heimnehmen zu dürfen, konnte mein hochverehrter gütiger Freund nicht erfüllen,' er besaß keins aus neuerer Zeit. Aber die kluge und feinfühlende Hausfrau wußte Rat. „Juliizsdu hast noch ein Exemplar von. der Festschrift, schenke es Frau Reißer, sie" wird sich freuen!" Lächelnd gewährte er, und bald lag ein' grünes Büchlein mit Widmung in meiner Hand. Dankbar, gerührt, bereichert, verließ ich diese herrlichen Menschen. Oftmals habe ich später bei ihnen glückliche Stunden verlebt, und bei jedem Wiedersehen des lieben Büchleins gedacht, das ich so oft und gern und stets mit neuer Freude durchblättere. Die deutsche Nation, die gesamte gebildete Welt rüstet sich, Marie von Ebner-Eschenbach und Julius Rodenberg anläßlich ihrer Ehrentage zu grüßen und mit Kränzen der Liebe und Verehrung zu schmücken; mir sei es gestattet, weiteren Kreisen etwas aus diesem lieben Büchlein mitzuteilen. Anläßlich des 70. Geburtstages Julius Rodenbergs hatten sich seine Freunde, Mitarbeiter der von ihm zu so hoher Blüte gebrachten „Deutschen Rundschau" vereinigt, ihn durch Beiträge itt einer ihm gewidmeten Festschrift zu feiern; die Anregung hierzu war von Elwin Paetel ausgegangen. Schwerlich hat der Jubilar in seiner rührenden Bescheidenheit seinen Freunden Dank dafür gewußt, aber wie er von diesen hochgehalten, geliebt und geschätzt wird, nicht minder auch seine treue edle Lebensgefährtin, davon legen diese Blätter Zeugnis ab. Auch hier Gräber! Von denen, deren Besitz wir uns noch erfreuen dürfen, seien neben Marie von Ebner-Eschenbach, die nacheiner Einleitung von Elwin Paetel den Reigen eröffnet, Erich Schmidt, Paul Hehse, Bernhard Suphan genannt, aber noch gar manchem klangvollen Namen begegnen wir. In dieser Festschrift wird Julius Rodenberg in allen Phasen und auf allen Gebieten seines segensreichen Lebens und Wirkens dargestellt; ganz besonders reizvoll ist das Kapitel, das seine nun auch schon Heimgegangene Schwester Pauline Israel „Julius Rodenberg zu Hause" beigesteuert hat. Die Seniorin der deutschen Schriftstellerinnen schreibt : An Professor Dr. Julius Rodenberg zum 26. Juni 1901: Lieber Verehrtester! Heute kommen Ihre Getreuen in Scharen heran. Sie zu beglückwünschen, und jeder denkt dabei: uns selbst ist Glück zu wünschen, daß er da ist, daß wir ihn haben. In allen Tonarten wird man Sie preisen, dem edlen Menschen, dem Poeten, dem Schriftsteller, dem Leiter einer führenden Zeitschrift, aus der Tausende Belehrung und Erquickung schöpfen, Huldigungen' darbringen. Ich stimme jedem warmen Worte, das zu Ihnen gesprochen wird, ■. bei und lobe mir im stillen den Freund. Dem danke ich heute, dem immer Getreuen, dem Förderer und- Beschützer meiner geistigen Kinder. Ihn begrüße ich nicht bloß, wie eine; .die teilnimmt an seinem Feste, sondern wie eine, die dazu gehört. Sie selbst geben mir dieses Recht, und mit freudigem Stolze mache ich es geltend. Unserem kleinen Stern Erde wird zwar viel Böses nachgesagt; das aber kann der verbissenste Pessimist nicht, leugnen, das etwas Köstliches auf ihr gedeiht: echte treue Freundschaft! Gesegnet, ist das Leben eines jeden, der sie empfindet und erfährt, gesegnet ist Ihr Leben, mein verehrter Freund! Rom. Marie' v. Ebner-Eschenbach. Gesegnet ist das Leben dieser Frau, deren reine und edle Gesinnung, deren Bescheidenheit und Dankbarkeit diese Zeilen widerspiegeln. Ihr, der treuen Freundin, hat Julius Rodenberg" wenige Jahre später sein „Kindheitsbuch" gewidmet. Möge Marie v. Ebner-Eschenbach und Julius Rodenberg gleichermaßen ein freundlicher Lebensabend beschieden sein! Für beide gilt das Wort: „Eine schmückende Krone des Lebens ist das graue Alter, im Wege der Tugend erreicht." Aeligion und LonkeMonen bei Marie o. Lbner-Llchenbach. (Zu ihrem 80. Geburtstag am 13. September 1910.) Von Victor Klemperer. II. o bekämpft sie im „Bertram Vogelweid " den tschechischen Antisemitismus mit leidenschaftlichem Zorn. Dort schildert sie mit aller Abneigung einen Lehrer, der „Jungtscheche und Antisemit" ist. Sie läßt den Mann anfangs in Schutz nehmen, er „deklamiere" nur gegen Juden und Deutsche, schädige aber niemanden, und zeigt dann die .abscheuliche .Wirkung dieses Deklannerens an einer späteren. Stelle. ,>Antisemitischer Wahnsinn, importiert aus Obositz (dem Wirkungskreis jenes Lehrers). Die Leschkowa hat mir eben empfohlen, auf meine Kinder achtzugeben, damit sie nicht einem Ritualmorde zum Opfer fallen, und er, Leschka, will, daß alles daran gesetzt werde, den einzigen Juden, den wir im Dorfe haben, den kleinen Handelsjuden Moschko, der seit zehn Jahren unangefochten hier haust, nur sein Wohnungsrecht zu bringen." Wieder wird Meisenmann entschuldigt, er deklamiere nur „und würde doch keinem ein Haar krümmen". Da lautet die grimmige Entgegnung des Gutsherrn: „Werden die Leute, die er verhetzt, ebenso Platonisch hassen? Ich glaube, daß sie sehr aufgelegt sind, zu Knütteln und Beilen zu greifen. Das bedenkt er nicht, der Maulheld, oder er macht sich kein Gewissen daraus. Ein roher Kerl, der aus eigenster Ueberzeugung selbst dreinschlägt, ist mir lieber." Ergreifender als dieses parlamentarische Auftreten gegen die Antisemiten wirkt eine kleine Charakterskizze im „Vorzugsschüler". Dort schildert Marie Ebner den tragischen Ausgang einer sinnlosen Erziehung. Ein guter Junge, nur für die Musik ausnehmend, sonst aber kaum durchschnittlich begabt, wird von seinem tyrannischen Vater zu Musterleistungen in der Schule verpflichtet, vermag das von ihm Geforderte auf die Dauer nichb zu bewältigen und geht in seiner Verzweiflung schließlich ins Wasser. Zu diesem Knaben, der unter der allzu großen Last des ihm Auferlegten zusammenbricht, hat nun die Dichterin ein rührendes Gegenbild gezeichnet, den fünfzehnjährigen Hausierer Salomon; Levi, der einen Kaftan träg t

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