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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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- ^„Nachdemwas das Gericht vernommen, kam es zur Ueberzeügung, daß ein solches Verbrechen selten odersast unerhört und der allgemeinen katholischen Religion schädlichsei, lasterhast gegen Gott und den heiligen Glauben Christi. Gemäß dem Speculuw saxoni cum (speculum Uber 6) Artikel 79, welcher besagt, daß ein jeder Apostat mit dem Feuertode bestraft werde, befiehlt das Gericht, - daß die Witwe Marina Syrowajec lebend am Scheiterhaufen verbrannt werde. Bevor sie aber den Scheiterhaufen besteigt, soll ihr das Fleisch mit der Zange dreimal gerissen werden und in das Feuer geworfen, wobei man aber achtes daß sieam-Leben bleibe; nachher soll sie den Scheiterhaufen besteigen und verbrannt werden." „Das Mädel Maria, Töchter Adalberts (Wojciechowna), die reuig zum Christentum zurückgekehrt und Christin werden will, wird nach dem allgemeinen Rechte als Abtrünnige am Halse gestraft. Sie soll den Kopf durch das Schwert verlieren, und nachher soll ihr Leib am Scheiterhaufen verbrannt werden." „Von den fünf Juden wird der Kranke Jankel Josefowicz befreit; die anderen aber, die erklärt haben, sie hätten nicht gewußt, daß Maria eine Christin sei — sintemalen Maria selber nicht bestimmen konnte, ob sie es gewußt haben — werden zwar von der halspeinlichen Strafe befreit, sollen aber zu je 100 Peitschenhiebe am Pranger bekommen und aus der Stadt verjagt werden." „Da aber diese Schandtat in Dubno geschehen ist und der Kahafl seine Pflicht vernachlässigt hat und die Apostaten eine Woche lang. bei sich behalten und die Trauung vorzunehmen erlaubte, daher soll der Kahal folgende Summen bezahlen: 1. Der Pfarre zu Dubno: zwei Steine Wachs, vier Steine Talg; 2. dem Konvent der Minoriten (Bernhardiner) zu Dubno : einen Stein Wachs, zwei Steine Talg; 3. dem Frauenkloster der Karmeliterdas gleiche; 4. der ruthenischen Kirche zu St. Nikolaus in Dubno: einen Stein Wachs, similiter der Kirche zu Elias dem Propheten und St. Georg in Surmicz; 5. dem Baslianer-Münster in Dubno und den Basilianerinnen „hinter dem Wasser" je einen Stein Wachs. Ueberdies soll der Kahal dem Stadtherrn, Sr. Durchlaucht dem Fürsten soviel bezahlen, wieviel er selbst bestimmen wird. Auch soll der Kahal dem Stadtmagistrat die Kosten des Prozesses ersetzen." „Anbei wird von nun an den Juden verboten, christliche Diener beiderlei Geschlechtes zu halten sub po6na 100 Mark — wie es die Statuten des Königreichs Polen io articulo (sacrilegium) libro (sic!) 3 enthalten. Der christliche Diener wird mit einer Gefängnis- und Geldbuße bestraft werden." „All dies soll am Ringplatz drei Tage nach der Bestrafung der Missetäter ausgerufen werden." Das Urteil wurde am Marktplatz zu Dubno vollstreckt. I' Marie v. Gbner-Lschenbach Oesterreichs größte Dichterin beging am 13. d. M. ihren achtzigsten Geburtstag. Line MchtkrkreunLlchskt. Marie v. Ebner-Eschenbach und Julius Rodenberg. Von Regina Neitzert - „Lehre uns unsere Tage zählen, daß wir ein weises Htzrz davantragen." ede Stunde ihres reichgesegneten Erdendaseins haben sie ausgefüllt in rastloser Arbeit, die edle Frau und der treffliche Mann, denen diese Zeilen gewidmet sein sollen. Marie v. Ebner-Eschenbach, die Meisterin deutscher Erzählungskunst, beging ihren achtzigsten Geburtstag, nur noch wenige Monate, und der ihr in langjähriger Freundschaft innig verbundene feinsinnige Dichter und Schriftsteller Julius Rodenberg wird den gleichen Festtag feiern dürfen. Weisheit und Güte sind die Grundzüge beider Wesen. Eine eigenartig fesselnde Persönlichkeit, ein vorbildlicher - Charakter, ein hochkultivierter Geist, ein warmesvon echter Menschenliebe erfülltes Herz und ungewöhnliche Bescheidenheit, eine rührende Pietät zeichnen beide aus, beide genießen die höchste Verehrung ihrer Zeitgenossen. Beide kennen keine Altersmüde, nur Altersweisheit; die Erfahrung und Abgeklärtheit des Alters breitet einen verklärenden Schimmer über ihre Alterswerke, die gleich allen ihren früheren an Wert gewinnen, da sie zur Erhebung derer, die sich mit diesen beschäftigen, beitragen; beide sind durch den.großen Einfluß, den sie seit fast einem halben Jahrhundert auf ihre Zeitgenossen ausgeübt haben, zu den Erziehern: des Menschengeschlechtes zu zählen., Beide haben während ihrer langen Lebensdauer das Dichterwori: „Und einen Freund kann jeder haben. Der selbst versteht, ein Freund zu sein," beherzigt und betätigt, beide sind geradezu Genies der Freundschaft. Beiden ist das hohe Glück zuteil geworden, die erlesensten Geister der Zeit, die besten Männer und Frauen ihre Freunde nennen zu dürfen; allerdings teilen sie das Los aller derer, die ein hohes Alter erreichen: an Gräbern zu stehen und zu klagen. Frau von .Ebner-Eschenbach betrauert Grillparzer unb; Laube, Friedrich Halm und Hieronymus Lorm, /Bettys Paoli, Luise von Francois, Jda von Flaischl und gar viele andere; Julius Rodenberg neben seinen fürstlichen Freunden der Königin Marie von Hannover, dem Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar und dem Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, Emanuel Deutsch, Gottfried und Johanna Kinkel, Malvida von Meysenbug, Ferdinand und Jda Freiligrath, Heinrich Marschner und Joseph Joachim, dessen Zaubergeige so oft in dem entzückend traulichen Poeten-' Winkel in der Margaretenstraße erklang, Hermann Grimm und: Ernst von Wildenbruch, allen voran Elwin Paetel und ebenfalls noch gar viele! Nur sie sind einander geblieben, -bie» beiden Getreuen, Marie von Ebner-Eschenbach und Julrus Rodenberg! Vor mir liegt ein liebes herziges Büchlein, 8as zu besitzen nur wenige der Ehre und Freude teilhaftig 'sind

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