Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 4S7 -7- Als Tabu ersten Ranges galt der Sabbat, an dem ohne näheren Grund die vollständige Ruhe angeordnet wa? (Ex.XXlll, 12). Auf das Zuwiderhandeln war gleichfalls die Todesstrafe gesetzt. Nicht weniger Tabu war auch das Aussprechen des - Gottesnamens Ihwh, an dessen Stelle man in ältester Zeit einfach „Elohim", später „Adonai" der Herr, setzte. Das Tabu enthält aber in sich bereits den Uebergang zu einem sinngemäßen Verbote und schließt auch in sich die Geschichte des Gesamtfortschritts des menschlichen Geistes. Hand in Hand mit dem Tabu, ohne auch nur imstande zu sein, eines von dem anderen zu trennen, geht der Animismus, jener Drang im Menschen, die ihm undefinierbaren Naturerscheinungen zu beleben, sie sich selbst anzuähneln und sie mit dem eigenen Verstände auszustatten. Sah der Indianer im fließenden Wasser den fliehenden Geist, so erblickte der alte Israelit im Winde oder im Hauche das höchste Wesen. Der „Ruach Elohim" schwebt über den Wassern (Gen. I, 2). Durch das Einatmen des Ruach Elohim wird der erste Mensch zum belebten Wesen (Das. II, 7). Derselbe Ruach sank dann zum „Zephyr" herab. Eliah erriet das höchste Wesen im „Kol Demama“ im leisen Lispeln (II. Kön. XIX, 12). Zweifellos erblickte aber auch der Israelit das höchste Wesen im Feuer. Die Verkündigung des Dekaloges ging unter solchen Feuererscheinungen vor sich, daß die versammelten Israeliten vor dem Geprassel derselben entfliehen wollten '(Ex. XX, 18). Ein/ewiges unauslöschliches Feuer mußte im Heiligtum erhalten werden (Lev. VI, 6). Außerdem wurde ein ewiges Licht von den Priestern erhalten (Ex. XXVII, 20—21). Das Altarseuer und das ewige Licht sind die greifbarsten Spuren, welche der Animismus im alten Israel zurückgelassen hatte. Das Tabu und der Animismus haben die Menschheit auf den Totemismus und die Magie geführt. Der Totemismus bezeichnet die göttliche Verehrung, die solchen Tieren oder Pflanzen dargebracht wurde, welche der Mensch als hehre Verbündete ansah. Das Totemtier oder die Totempflanze galt deswegen als Beschützer des Clans und war unverletzlich. Wirklich hatte sich der Totemismus solange erhalten, bis das Totemtier zum Haustiere herabgesunken war. Zwecks eigener Heiligung ging man so weit, das Totem heimlich zu töten, um es durch Essen dem eigenen Ich einzuverleiben und um desto mehr gegen äußere Schäden gefeit zu sein. Es war dies die erste Mandukation eines göttlichen Wesens, welches in anderer Form auf das Judentum und das Christentum übergegangen ist. Für letzteres genüge hier der Hinweis auf den Mazebenkult in ganz Kanaan und das Gebot der Beschneidung (Gen. XVII, 11, zu vergleichen mit Josua V, 7—8!). Das heiligste und älteste (daher auch zum Essen unreinste) Totemtier des alten Israel' war der Eber, weswegen auch insgeheim noch nach der Zerstörung des ersten Tempels die Mandukation mit demselben vorgenommen wurde (Jes. LXV, 4 und noch ausdrücklicher LXVI, 17). Jünger als der Eber, aber ebenso verehrt, war die Schlange. Sie war vielleicht das Totem des Clans, dem Moses angehörte, da er ihren Kult sonst schwerlich selbst eingesührt hätte (Nu. XXI, 9). Sicherlich war sie aber der Totem des Clans, dem David entstammte, Kaleb, weil sie ihren Platz im jerusalemischen Tempel erhielt, und erst Hiskijah schaffte ihren Kult ab (II. Reg. XVIII, 4). Ein bis in die ägyptische Zeit zurückreichendes Totem war das Lamm, welches alljährlich um die'Zeit der Sonnenwende getötet und dessen Blut dann zum Abhalten böser Dämonen an die Türpfosten gesprengt, wonach man es ganz verzehrte (Ex. XII). Eine Liste der Totems einzelner israelitischer Clans bieten Lev. XI und Deut. XIV. Zu vergleichen wären die oben angeführten Stellen aus Jesaias.. Der Stier 'i als Totem des vereinigten Zehnstammes des Nordreiches blieb D bis zur Eroberung des Staates durch die Assyrer. Das Rind- | opfer im jerusalemischen Tempel bis ins christliche Zeitalter . " D hinein ist ein verfeinerter Totemkult. — Die Folge des Toterm kultes war die Magie in ihrer gröbsten Art. Moses selbst -M spielt noch in der Bibel die Rolle eines Magiers. Um den Pharao einzuschüchtern, verwandeln die Befreier Israels ihre ■■■...mk Stäbe in Schlangen (Ex. VII, 10). Moses führt vermittels /Ä eines Zauberstabes die Israeliten trocknen Fußes über das > Ä Rote Meer (Das. XIV, 16). Sein Zauberstab bringt den Jsrae- ■■■■■ ■ liten Wasser aus dem Felsen. (ältester Bericht Ex. XVII, 6). ■ v.-ds Eliah und Elisa sind hartnäckige Verteidiger des Jahwe-Kultus und bekräftigten ihre Agitation durch Magierkünste. Die Er- — ^4 forschung des Willens Gottes geschah gleichfalls durch Magie, durch die Urim und Tumim, welche Würfel waren, die in x-k einer Truhe, Ephod genannt, aufbewahrt wurden. Aber die jüdische Priesterschaft, welche sich aller Magie sowohl, als auch der Vorstellung eines Nachlebens der Seele nach dem Tode schon in ihren Anfängen feindlich gegenübergestellt hatte, rottete i , diese Gepflogenheit des Animismus nach und nach aus. 4 Das älteste Israel anerkennt einen Polytheismus. Die .. Redaktoren der Bibel haben die alten Berichte und Traditionen in dieselbe ausgenommen und so die Erinnerung an jenen > aufbewahrt. Während das erste Kapitel der Genesis von einer Weltschöpfung durch die „Elohim" spricht, erzählt das zweite in Juda entstandene von der Schöpfung durch „Jahwe Elohim". Nach der Eroberung Kanaans nahmen die einzelnen Stämme den Bäal-Kult an, der von Phoenizien herübergekommen und bei den Ureinwohnern Kanaans feste Wurzel gefaßt hatte. Das Buch der Richter, welches die ältesten Stücke überhaupt enthält, bietet der Beispiele genug, wie sehr sich das alte Israel diesem Kultus ergeben hatte. Noch nicht ganz aufgeklärt erscheint die göttliche Verehrung, die man dem Terafim zollte. Sie gehörten mit zum Haus- Lararium des David und retteten ihn vor dem Zorne Sauls, aber auch der Jahrhunderte später lebende Prophet Hosea, der als Anhänger Jahwes auftrat und predigte,^ erachtete sie als zum Kult unbedingt nötig (1. Sam. XIX, 13—16 und Hos. III, 4). Ein Monotheismus oder reiner Jahwismus kann nur der Priesterkaste zugesprochen werden, und diese waren es auch, die den Jahwe-Kult innerhalb des jüdischen Volkes zur höchsten Blüten brachte, aber fünf Jahrhunderte, von der Rückkehr aus der Gefangenschaft bis zur christlichen Aera, dauerte diese Arbeit, bis sie zu einem gewissen Ziele führte. Dem Mosaismus, welcher vor dem Exile größtenteils nur auf mündlicher Tradition beruhte, verhalsen erst zu eigentlicher Geltung Esra und Nehemia in der zweiten Halste des fünften vorchristlichen Jahrhunderts. Aus den gegründeten Theologenschulen hervorgegangene große Männer sammelten die alten Traditionen und Mythen, kompilierten und modernisierten sie. Die alten TabU-Kodices wurden als Gotteslehre umgearbeitet; was den neuen Anschauungen nicht mehr entsprechen konnte, wurde in ein jahwistisches Gewand gekleidet, was unverständlich war, nicht etwa ausgeschieden, sondern meist unverändert belassen. Als unabänderliches Tabu blieben z. B. das Allerheiligste des Tempels der alten Bundeslade entsprechend; der Opferkultus, entsprechend dem alten Stierkultus und die zu jener Zeit 4 schon unverständlichen Speiseverbote. Im neuen Lichte erschienen, wenn auch ein Tabu, der Samstag als Bundeszeichen zwischen Juda-Jsrael und Jahwe, und ebenso die Beschneidung. Auch das Frühlings-und Herbstfest erhielten im i Pesach und Sukkoth eine neue Basis, neue Ursachen zur Ab-; Haltung dieser Feste wurden untergeschoben. Aber auch hierbei 4