Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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in Frankfurt bleiben dürfe. Nun würde gestern nachmittag dem Leiter der jüdischen Truppe, NathanRichter aus New Jork, mitgeteilt, daß die Polizei die Vorstellung am Sonntag — es sollte bas letzte Auftreten der Truppe sein — nicht erlaube. . Der soeben erschienene Deutsche.Jahresbericht der ^llianee lLraelite llu! verbelle für 1909 bietet ein umfangreiches Bild der Tätigkeit dieser ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation, die sich über drei Erdteile erstreckt- Er zeigt, -auf welche Weise die Alliance ihre Aufgaben seit ihrem 50 Jahre zurückliegenden Entstehen erfüllt. Das großartig angelegte Schulwerk wird von Jahr zu Jahr erweitert. Im Jahr 1862 wurde die erste Schule mit acht Lehrern und 300 Schülern eröffnet. Zehn Jahre später hatte die Alliance 17 Schulen mit 98 Lehrern und 2800 Schülern. Noch zehn Jahre später waren bereits 47 Schulen mit 290 Lehrern und 7600 Schülern vorhanden. Heute beträgt die Zahl der Schulen 149, die der Lehrer 1275, die der Schüler 41000. Den Zahlen entsprechend sind auch die Aufwendungen für die Schulen gewachsen. Während im Jahr 1862 9800 Francs für die Schule ausgegeben wurde, betrug das Schulbudget im Jahr 1909 zwei Millionen Francs. Dabei sind die Ausgaben für Mobilien, Schulmaterial usw., deren Gesamtsumme annähernd 300 000 jährlich beträgt, nicht mitgerechnet. Aus Lemberg wird der „ Neuen Israelitischen Korrespondenz" berichtet: " - Die vom galizischen Landesausschuß einberufene Enquete über die jüdische Verarmung in Galizien wird, wie schon kurz gemeldet, am 19. September abgehalten. Ein Fragebogen, der sehr gewissenhaft abgefaßt ist, enthält das Programm der bevorstehenden Beratung. Der Landesausschuß, sollte man seine Wissensbegierde nach diesem geschickt redigierten Schriftstück beurteilen, will ein klares Bild der Berufsgliederung der Juden Galiziens entrollen. Die Ursachen des Niedergangs des jüdischen Handwerks und Handels sollen bloß-- gelegt werden, ebenso der Zusammenhang dieser Verelendung mit der allgemeinen industriellen Entwicklung oder mit der Rückständige keit Galiziens sowie mit der genossenschaftlichen Organisation der Bauern als Produzenten und Konsumenten. Die Wirkungen der Gesetzgebung — etwa der Sonntagsruhe, der Aufhebung des Propinationsgesetzes — sollen festgestellt werden. Die Teilnehmer der Enquete werden eingeladen, ihr Gutachten über eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Linderung der Not abzugeben. Dabei sind zur Diskussion gestellt: die Industrialisierung des Landes, Reorganisation des billigen Kredits, Ausgestaltung des Arbeitsnachweises, innere Kolonisationsversuche, Schaffung eines jüdischen Gemeindeverbandes, staatliche Subventionierung der jüdischen Schulen. Regelung der Auswanderung und mehrere andere Reformvorschläge. Daß aber diese Fülle des Materials, diese zahlreichen, mitunter' recht komplizierten und strittigen Probleme des galizisch-jüdischen Lebens im Laufe einer eintägigen.Diskussion auch nur entfernt, er» schöpfend erörtert werden können, müssen wir schlechtweg bezweifeln. Die Enquete wird eben nichts mehr als ein reichhaltiges Material zur Beurteilung der Lage der Juden Galiziens liefern. Für die tatsächliche Besserung der unsäglich traurigen Verhältnisse wird und kann sie Nichts bedeuten. Der galizische Landesausschuß rechnet wahrscheinlich mit der Möglichkeit der Auflösung des Abgeordneten» Hauses und geht zeitig auf den Wählerfang. Arrelisirm im alten Israel. Von Dr Sch. Ochser-Kuttenplan, ls vor einem Jahrzehnt Hugo Winkler seinen zweiten Teilder „Geschichte Israels" veröffentlichte, entfesselte erinnerhalb der jüdischen Gelehrtenwelt einen Sturm des Entsetzens. Die Freiheit, mit der er die alte Geschichte behandelte, sein Streben, alles, was wirklich Geschrchte, ist, vorn Mythus zu scheiden, hatten ihn so weit geführt, selbst, die Makkabäer als sagenhafte Heroen darzustellen. Seine kurzen knappen Ausführungen wirkten verblüffend und wurden mit ^Stillschweigen übergangen. Es war aber keineswegs eine philosophische Basis, aus die Winkler seine kühnen Behauptungenbegründete, sondern die den Vorurteilslosen. bestrickenden Beweise waren vom Forscher den Keilschriften entnommen. Das „Buch der Bücher" ward in einen aus . vielen verschiedenen durchaus mythischen, zum - geringsten Teile historische Quellen enthaltenden Kodex verwandelt, an den man nur mit Auferlegung der größten Reserve heran« treten durfte, um aus der Urvergangenheit Israels für die Geschichte etwas zu gewinnen. Genau in demselben Rahmen bewegen sich die neuesten Forschungen Salomon Reinachs, welche auf philosophischer Grundlage eine Betätigung alles dessen bieten, was der oben genannte Gelehrte auf einem anderen Gebiete gesucht und gefunden hatte. Das Buch Reinachs^) bildet den weiteren Ausbau jener Theorien, welche schon Max Müller und Tylor und vorher schon Voltaire für die Entwicklnng der Religionen im allgemeinen aufgestellt hatten. Was aber jene unterlassen, nämlich die Darstellung der Entwicklung der christlichen Religion, das hat Reinach einzubringen versucht, indem er dem Christentum allein mehr als die Hälfte seiner Ausführungen widmet. Die folgenden Zeilen aber sollen ein Versuch sein, nur dasjenige aus der Fülle des Interessanten zu bieten, was .sich auf die Uranfänge der Religionsanschauung und ihrer Entwicklung im alten Israel bezieht und sie bis zu dem Zeitpunkte verfolgen, wo die Bibel die Gestalt und Form angenommen, in der sie jetzt vorliegt. Den Ursprung aller Religionen bildeten jene Bedenken, welche schon die Urmenschen beseelten und sie an der vollständigen Betätigung ihrer Fähigkeiten behinderten. Der Summe all jener Bedenken entstammten vier Hauptmomente und zwar das Tabu mit dem Animismus und das Totem mit der Magie als ihrer Folgeerscheinung. Was Tabu anbetrifft, so ist es ein polynesisches Wort, und schließt den Begriff all dessen in sich, was das erste menschliche Bewußtsein als unverletzlich betrachtete, ohne aber den Grund dieses Bedenkens auch nur im entferntesten ausdrücken zu können. Das Tabu äußert sich in allen Religionen, von dem Fetischismus angefangen bis hinauf zum Modernismus; und wie bei allen Völkern läßt es sich auch bei den Urahnen Israels aus der Bibel heraus leicht Nachweisen. Jahwe Elohim befahl aber dem Menschen von einem Baume des Gartens nicht zu essen (Gen. II, 16—17). Den Berg, auf dem die Gesetzgebung verkündet werden sollte, durfte niemand berühren, geschweige denn denselben besteigen (Ex. XIX, 12). Keiner, der außerhalb des levitischen Stammes stand, durste sich dem Heiligtum nähern (Nu. I, 51).. Aber auch das Berühren der Lade war verpönt, ein Beispiel hierfür liefert der uralte vom Redaktor aufgenommene, aber bereits unverstandene Bericht über die Einholung der Bundeslade durch David. Die Rinder, die den Wagen zogen, wurden unruhig und die Lade wurde beinahe'hinausgeschleudert; als Uzza sie in der Angst ergriff, entlud sich der Zorn Elohims über ihn und er fiel tot nieder (Sam. II, VI, 6—7). Alle oben angeführten Beispiele zeugen von der hohen. Entwicklung des Tabu im alten Israel. Für diese sämtlichen „Verbrechen" war als Folge Todesstrafe festgesetzt, für keines aber der Grund oder auch nur eine Andeutung der Unverletzlichkeit angegeben. 0 Salomon Reinach, Orpheus Allgemeine Geschichte der Religione n. Deutsch von A. Mahler, Wien und Leipzig, 1910.