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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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Geistliche gehen noch jetzt manchmal auf die Jagd. Grausame Jagdvergnügen, Taubenschießen, Pferderennen, Stierkämpfe kommen noch jetzt vor, und der französische Antisemit Drumont hat letztere, sogar in Frankreich einführen wollen. Im Juli 1899 hat auch in der Arena von Rubaix vor eiüern Publikum'von 10000 Zuschauern ein gräflicher Kampf zwischen einem spanischen Stier und einem afrikanischen Löwen stattgesunden. Hahnenkämpfe waren in England im vorigen Jahrhundert recht häufig, kommen vielleicht* noch jetzt vor.;. Hetzjagden haben in Wien und Pest noch in der zweiten Hälfte des 18, Jahrhunderts stattgefunden, und erst ^„gottlose Aufklärung" nicht das Christentum, hat sie abgeschafft. Die Tierschützvereine sind keine christliche Einrichtung, wenn man nicht die von manchen derselben unterstützte Agitation gegen die jüdische Schlachtmethode als solche betrachten will. In Süditalien wurden, werden vielleicht noch jetzt Tiere öfter als bei uns mitleidslos behandelt. Das hat Gladstone bei seinen wiederholten Besuchen Neapels wohl gesehen; aber anders als der deutsche Dichter, zog er es vor, sich der gequälten Menschen .gegen die „zum Regierungssystem gewordene Gottesleugnung (the negation of God erected into a System of government), die sich frech das Abbild Gottes auf Erden nennt", anzunehmen. Moderne Journalisten (Interviewers), darunter leider auch Juden, schätzen sich glücklich, wenn irgend ein russischer oder rumänischer Grvßwürdenträger ihnen Audienz gewährt und verkünden dann aller Welt seine tiefen ftaatsmännischen Gedanken, und wenn er ihnen gar einen Sessel angeboten hat, loben , sie ihn über den grünen Klee. Ob Gladstone eine Audienz, beim König von Neapel, den Rebomba, gehabt hat, weiß ich nicht, aber interviewet hat er dort — die politischen Strästinge im schrecklichen Bagno von Nisida. Und wenn diese später sreigelassen, das heißt nach Amerika verbannt wurden, hatten sie es zum Teil ihm zu verdanken. Und. er hat noch mehr getan. Kräftiger und mutiger als. Zola mit seinem J’acuse hat er nicht ein paar parteiische oder, bestochene Richter, sondern einen König mit seiner ganzen Regierung vor Europa angeklagt, v : Der große englische Staatsmann war in seinen politischen Anfängen sehr konservativ, sehr fromm und kirchlich gesinnt; seine Schrift The state in its relations with the church (1838) ist deshalb von Macaulay scharf getadelt worden. Liberal und zuletzt beinahe radikal ist er erst später geworden. Da ist er für die Emanzipation der Juden und für Aufhebung einiger Beschränkungen der Katholiken eingetreten. In zwei Sendschreiben, an den Earl of Aberdeen hat er (1851) die neapolitanische Regierung wegen der Parteilichkeit der . Richter, der entsetzlichen Mißbräuche der Polizei, der grausamen Behandlung der politischen Gefangenen, der Unterdrückung jeder freiheitlichen Regung und der Mißachtung jedes Rechts vor ganz Europa angeklagt. Der oben erwähnte italienische Gelehrte meint, er habe dies aus konservativer monarchischer Gesinnung getan, um die anderen Herrscher zu warnen. Mir aber scheint, daß er gerade durch die Schändlichkeiten der monarchischen Regierung, wie er sie in Neapel kennen lernte, zum Liberalismus bekehrt wurde und daß es geraöe seine Frömmigkeit und sein ehrliches Christentum waren,, die seihe Empörung gegen die sich für eifrig katholisch ausgebende bourbonische Dynastie in Neapel erregten und ihn zur Erhebung der Anklage, trieben. Katholisch war sie aber nur in Äeußerlichkeiten, Zeremonien, Bilderverehrüng mnd Aberglauben. Und Aehnliches sehen, wir jetzt, bei-den zwei grausamsten die Juden verfolgenden Regierungen, die sich ja. auch/dre alleim „rechtgläubigen" (Orthodoxen) nennen. . Die neapolitanische Regierung hat sich damals in ziemlich ungeschickter, verlogener Weise gegen die Anklagen Gladstones verteidigt und sich nicht im geringsten gebessert. Das hat die Haltung Englands während Garibaldis Expedition nach Sizilien (1860) bestimmt und zum Stürze der neapolitanischen Bourbons beigetrögen. Denn Glädstones offene Briefe sind nicht unbeachtet geblieben wie die irgendeines „sich lästig machenden Fremden". Lord Palmerston hat sie damals allen, europäischen Regierungen mitgeteilü gewissermaßen als Warnung: Discite justitam moniti, et non temnere Divos. Wer ein Treiben wie dem der neapolitanischen Regierung von 1850 bis 1860 oder dem gegenwärtigen der russischen und rumänischen Regierung gleichgültig zuschaut, Macht sich' zum Mitschuldigen. Freilich, bei manchen Ministern kann man es noch dem altgewohnten Respekt vor der russischen Macht (trotz, der Niederlagen in Ostasien!) zuschreiben; aber warum duldet man den Wortbruch des kleinen Rumänien, das, sich griechisch-orthodox nennend, mit einem jesuitischen Kniff die Juden für Fremde erklärte? Und hat der deutsche Prinz, der die Krone dieses Landes trägt, nicht bedacht, daß es der Bojarenoligarchie einmal einfallen könnte, auch ihn als lästigen Fremden auszuweisen? Auf Grund des Berliner Vertrags von 1878 haben die. Großmächte Europas das Recht, ja die Pflicht,, gegen Rumäniens Wortbruch einzuschreiten, aber sie sehen gleichgültig zu. Der Finnländer und der türkischen Hunde nimmt man sich an, aber für die Juden Rußlands und Rumäniens ist kein Gladstone da! Dr. Marcus Landau. Die Woche. Berlin, 13, September. ie Rektoratsrede des Kronprinzen in Königsberg, hat durch einige an den Sprachschatz der Antisemiten anklingende Wendungen die judenfeindliche Presse zu der Behauptung ermutigt, der deutsche Thronfolger gehöre, mit seinen Sympathien zu ihnen. Der Kronprinz sprach in seiner. Königsberger Rede bekanntlich vom „deutschnationalen Volkstum" im Gegensatz zu „internationalisierenden Bestrebungen", und von „völkischer Eigenart". Es ist eine willkürliche An-/ nähme, die durch alles, was bisher über den Kronprinzen bekannt ist, widerlegt wird, daß in diesen Ausdrücken etwa ein Bekenntnis zum Antisemitismus läge. Der deutsche Thronfolger hat sich darin , vielmehr, was durchaus selbstverständlich ist, zum deutschen Nationalismus bekannt, wie er jedem Deutschen ohne Unter. schied der- Konfession und Parteistellung innewohnt. Daß der Kronprinz nichts weniger als antisemitisch gesinnt ist, würde schon seine Sympathie für Direktor Reinhardt und seine.Auszeichnung gerade jüdischer Schau-' spieler, würde seine der Witwe Dr. Isidor Löwes offiziell be-. kündete Anteilnahme bezeigen. Aber wir haben. noch ein/ anderes Zeugnis dafür, daß dem Kronprinzen antrsemitische Vorurteile fremd sind. In der bislang einzigen. Charakter-, Zeichnung des Kronprinzen,, die: 1905 von Willy Seibert, der Oeffentlichkeit unterbreitet worden ist.-- („Der: Deutsche Thronfolger im Licht unferep, Zeit",/ Perlag'.von Speier-L-Cp., -- Berlin 1905) heißt es (Seite 35): „Wer das- Temperament;des Kronprinzen kennt, darf da beruhigt sein, / Er ist völlig, frei von Voreingenommenheit" . . Und an einer anderen Stelle schreibt Seibert mrt Beziehung auf den Besuch/des Kronprinzen im „Verein deutschem Studenten^„Wer mrS;

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