Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 16. September 1914 74.Jahrgang. Nr. 37. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse. vegründet von Ra-blnrr Sr. Ludwig Philipps»«. Unter Leitung des Geheimen Regiernngr-Ratr Professor vr. Ludwig Geiger. Verlags - LxpecUtion: VerUn» Jerusalemer Strasse 4S/49. Alle Ansendnnge« fKt Setaftion »«d Expedition sind an dir Ädreffe: Verlag der, »Allgem. Zeitung ' de» Judentums^, - Berlin SW., Jerusalemer Straß» HS/4-, zu richten. Verlag von Anbolf MSss», verlin. Diese : Zeitung .«scheint. ^»4 chevtlich. Abonnements-Preis: durch den Büch« Handel oder dl» Post '(in Berlin und vor« orten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. Unh^lt Finnländer, Juden und Hunde. Von Dr. Marcus Landau. _ Die Woche. — Urroligion im alten Israel. Von Dr. Sch. Ochser-Kuttenplan. — Marina Syrowajec. Von Dr. Majer Va lab an.' — 'Eine Dichterfreundschaft. Marie v. Ebner-Eschenbach und Julius Rodenberg. Von Regina Ncißer. — Religion und Konfession hei Marie v. Ebner-Efchenbach. Von Victor Klemperer. — Feuilleton: Der Freigeist. Novelle, von Rosi Eraetzer. — Literarische Mitteilungen. —Büchereinla'us^ — Sprechsaal. Dev Gemeindevote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des. Judentums*). Berlin,. Danzig> Bromherg, Posen, Hamburg, Seesen a. H., Frankfurt a. M., Bamberg, Kissingen, Prag, Petersburg. — Von Nah und Fern. Mnntändrr, Juden und tzundr. '^n alter Zeit und noch bis ins 19. Jahrhundert pflegten die Dalbergs das Vorrecht zu genießen, daß bei jeder Krönung eines deutschen Kaisers ein Glied ihrer Familie den Ritterschlag zuerst erhielt. Da pflegte vor Beginn der Zeremonie ein kaiserlicher Herold auszurufen: „Ist kein Dalberg da?" Daraus trat ein junges Glied der alten vornehmen Farmlie vor, beugte sein Knie vor dem Neügekrönten und wurde von diesem zum ersten Reichsritter geschlagen. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen habe ich vor kurzem fast gleichzeitig zwei Zeitungsartikel gelesen, die gar keinen Zusammenhang mit einander zu hüben scheinen, sich aber doch aus dieselben Grundgefühle — Mitleid und Entrüstung zurückführen lassen und mir zugleich den alten Heröldsrüf ins Gedächtnis riefen. Es waren ein Aufsatz von Professor B. Zümbmi M. E. Gladstone in seinen Beziehungen zu Italien" in der - „Nuova Antologia" vom 1. Juni und ein in den Münchener Neuesten Nachrichten" vom 11. oder 12. Juli veröffentlichtes Gedicht „Das Ende der- Straßenhunde von Konstäntinopel" von Paul Heyse. Kurz vorher war in "den Zeitungen auch von Entrüstungsversammlungen und Adressen zugunsten 'der von der russischen Regierung bedrängten Finnländer zu'lesen. - ' Ob diese, übrigens recht zahmen Kundgebungen den Finnländern etwas nützen : oder auch nur zur Kenntnis des Zaren gelangen werden, weiß ich nicht. Anderseits ist die / Läge der Finnländer nicht gar so schlimm, um starke Entrüstung zu erregen.- Es geht ihnen jedenfalls viel besser als' den Juden in Rußland und Rumänien, Sie können sogar Offiziere werden, was bekanntlich den^^n im hochzivilisierten Preußen nicht möglich ist, und ihr Landtag kann auch jetzt nochden Juden die volle Gleichberechtigung versagen. Der junge Dalberg übernahm mit dem Ritterschlag auch ritterliche Pflichten : Die Unschuldigen und Unterdrückten zu verteidigen, für das Vaterland zu kämpfen usw. ^ödlesss oblige! Sie verpflichtete auch die Ritter vom' Geiste, wie ein solcher dergroße englische Staatsmann' war, der so wacker und erfolgreich für die tyrannisierten Neapoli taner eingetreten ist und wie es der große deutsche Dichter ist, in dessen Adern auch etwas jüdisches Blut fließt. Ist kein Gladstone da für die Juden? riefen wir, und da trat Paul Heyse vor und nahm sich in einem geharnischten Gedicht der — Straßenhunde von Konstantinopel an: „Wer sind Die Jammervollen? Was verbrachen sie?! Unschuldige sind^s, hier grausam eingepfercht Von Menschen, die unmenschlich sind* singt er, und wir glaubten schon, er meine die Juden, welche von der russischen. Regierung in beschränktem Territorium des ehemals polnischen Reiches „grausam eingepfercht" wurden, die sich knechtisch beugen müssen dem blinden Recht des „Stärkeren", und deren grausame Behandlung „nicht blöde Roheit einzelner, nein, kalte Staatsweisheit verordnet hat, zur Schmach des ganzen Volkes, das drein sich fügt." Aber der deutsche Dichter hat nur Mitleid mit den zur unerträglichen Plage, gewordenen türkischen Hunden; nicht mit den oft von frommen Christen so genannten Untertanen des Sultans, sondern mit den vierbeinigen, in christlichen-Landen mit Maulkorb beglückten Tieren. Mohammed, sagt Heyse, hat kein Gebot der Milde für die Tiere seinen Gläubigen eingeschärft, aber Milde „Der Gerechte, heißes Im heil'gen Buch, erbarmt sich seines Viehs." Das steht richtig im Alten Testament, aus dem auch das „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", ins Neue herübergenommen wurde. Aber von Tiersreundlichkeit und Tierschonünq weiß letzteres Nichts. Ineinem schönen rührenden Märchen, „Die Gläubigen Jesu", erzählt Frau Karoline Ring, wie Jesus sich der Kinder der Ehebrecherin, der Diebe angenommen habe, nur die Tiere-hatte er vergessen, nur ihnen galt keines seiner milden, schützverheißenden Worte. Der- Apostel Paulus hat die Tiere leider nicht vergessen. Im Gegenteil. Die schöne Vorschrift des Alten Testaments, „Du sollst dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden", legt er zum'Vorteil der Priester aus: „Sorget Gott für die Ochsen? Oder sagt er^s nicht um unsertwillen . . . Wisset ihr nicht, daß, die da opfern, essen vom Opfer? Und die des Altars pflegen, genießen des Altars?" (U Korinther IX, 9—13). Im babylonischen Talmud (Sabbat, Fol. 151 b), heißt es aber: „Wer sich der Geschöpfe erbarmt, dessen erbarmt sich Gott, und wer sich ihrer nicht erbarmt, dessen erbarmt sich Gott nicht." . ';. Die Tierfreundlichkeit und Tierschonung ist etwas ganz Modernes, nicht speziell Christliches. Papst Leo 'X. war ein „getvältiger' Jäger'vor dem Herrn",' und christliche