Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 36 Berlin. 9-September 1910 Veilagr zur „Allgemetnen Leitung deS Judentums. Lorrrkpondrn?m und Machrichten. Deutschland. *** Berlin, 6. September. Unter großer Teilnahme fand am Mittwoch, den 31. v. M. die Beisetzung des verstorbenen Geheimen Kommerzienrats Dr.-Jng. Isidor Loewe statt. Vorher ging eine Trauerfeier in der Wohnung des Entschlafenen (Bellevuestraße), die alles vereinigte, was Berlin an bekannten Persönlichkeiten auf den Gebieten von Handel und Gewerbe, von Industrie und Technik aufzuweisen hat. Aber auch die Vertreter von staatlichen und städtischen Behörden, Kunst und Wissenschaft waren in großer Zahl erschienen, dazu viele persönliche und Geschäftsfreunde des Verblichenen, die zum Teil von weither herbeigeeilt waren, um dem hervorragenden, in der Vollkraft seines Schaffens dahingerafften Manne die letzte Ehre zu erweisen. Als Vertreter des Kaisers war Generaloberst von der Goltz gekommen, der den Familienangehörigen nochmals die herzliche Teilnahme des Monarchen aussprach. Von höheren Staatsbeamten sah man unter anderen den Neichsbankpräsidenten Havenstein, den Eisenbahndirektionspräsidenten Wehrend und den Geheimen Oberregierungsrat Friedheim vom Polizeipräsidium. Die Stadt Berlin war durch Oberbürgermeister Kirsckiner und Ctadtrat Namslau sowie durch die Stadtverordneten Geheimrat Cassel, Butzke und L. Jacobi vertreten. Die Technische Hochschule Charlottenburg hatte in Vertretung des Rektors den Geheimrat Professor Kämmerer entsandt. Die Berliner Handelskammer war unter Führung ihres Vorsitzenden, Geheimrat Herz, nahezu vollzählig erschienen. Die Aeltesien der Kaufmannschaft waren durch den Präsidenten Kaempf und Vizepräsidenten Geheimrat Helfft vertreten. Ferner bemerkten wir, um nur einige derBekanntestenzu nennen, den Generaldirektor Geheimrat Rath enau, Kommerzienrat Ernst v. Borsig, Kommerzienrat Dr.Sobernheim, Generalkonsul Gutmann, Geheimrat Müller, Geheimrat Witting, Direktor Dr. Salomonsohn von der Diskontogesellschast, Julius Ja coby, Sanitätsrat Dr. W. Feilchenfeld.MoritzManheimer, die Geheimen Kommerzienräte Arnhold, Goldberger, Fromberg und Steinthal, Geheimen Regierungsrat Samuel u. a. m. Für den Hansabund war dessen erster Vorsitzender, Geheimer Justizrat Professor Rieß er, für den Verein Berliner Kausleute und Industrieller Geheimer Kommerzienrat Jacob erschienen. Von dem Kuratorium des Vereins „Lehrlingsheim Pankow", dessen Vorsitzender der Entschlafene war, waren erschienen die Herren Rudolf Mosse, Justizrat Kraft, M. D. Feilchenield, Kommerzienrat Leopold Friedmann, Oskar Tietz, Professor Strelitz, Dr. Feist und der Anstaltsleiter Direktor Israel. Die Anstaltszöglinge, denen sich auch ehemalige anschlossen, nahmen im Trauerzuge Aufstellung. Das Kuratorium der Baruch Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten war durch Kommerzienrat Lohns! ein, Dr. Felix Lieb erma nn, Dr. Paul Lachmann und Direktor Mankiewicz vollständig vertreten. Der .Hilfsverein der Deutschen Juden hatte die Vorstandsmitglieder Generalkonsul Landau und Geheimen JustizratTimendorffer,der Gesellige Verein der Gesellschaft der Freunde, dem der Verstorbene viele Jahre lang als allgemein verehrtes Mitglied angehört hatte, den Stadtverordneten Dr. L e v h entsandt. Tie vornehm schönen Empfangsräume in der Wohnung des Dahingeschiedenen, die durch herrlichen Blumenschmuck in stimmungsvoller Weise dekoriert waren, konnten die Zahl der Leidtragenden ebensowenig fassen wie die Fülle der Blumenspenden, die von nah und fern eingegangen waren. Der schlichte schwarze Tannensarg verschwand völlig unter der Fülle herrlichsten Blumenschmucks. Nachdem die tiestrauernde Witwe, geleitet von ihrem .Schwiegersohn Direktor Oliven, mit ihrer Tochter und ihren Söhnen Platz genommen hatte, leitete weihevoller Gesang des Synagogenchors der Oranienburger Straße mit dem Liede . „Selig sind die Toten" die Feier ein. Sodann hielt Rabbiner Dr. Weiße die Trauerrede. Er erinnerte an die Worte der alten jüdischen Weisen, daß die Art, wie man um einen Verstorbenen trauere, für die Bedeutung, die er im Leben eingenommen, kennzeichnend sei. Einer der bedeutendsten Pioniere der deutschen Großindustrie, ein Mann, ausgezeichnet durch Klugheit und Tatkraft, durch weitblickende geschäftliche Genialität und ungewöhnliches Organisationstalent, sei mit Isidor Loewe dahingegangen. Was sein unvergeßlicher Bruder mit hohem Wagemut begonnen, das hat er mit außerordentlichem Geschick und ungewöhnlichem Erfolge fortzusetzen und zur Blüte zu bringen gewußt. Hand in Hand niit dieser ungewöhnlichen praktischen und technischen Begabung gingen bei ihm ein hohes theoretisches Interesse, ein weitblickendes Verständnis für die Aufgaben der Wissenschaft. Aber so hoch die geistige Bedeutung des Dahingeschiedenen, so hoch seine äußeren Erfolge zu schätzen seien, höher standen doch noch seine ganze edel-sittliche Persönlichkeit und die geradezu vorbildliche Weise, in : der er als Mensch unter Menschen lebte und wirkte. Bei allen glänzenden Erfolgen, von denen sein geschäftliches Wirken gekrönt war, bewahrte er sich stets die schlichte Anspruchslosigkeit, die Bescheidenheit des wahrhaft vornehmen und geistig hochstehenden Menschen. Eine innerlich reiche Natur, ein vielseitig gebildeter Geist, nahm er an allen Fragen und geistigen Interessen. die unsere Zeit bewegen, lebhaften Anteil. Das höchste Glück aber fand er im Kreise seiner Familie au der Seite seiner teueren Lebensgefährtin und im Kreise seiner Kinder und Enkel, denen er stets der treueste Freund und Berater war. An der berechtigten Trauer um den vorzeitigen Tod eines solchen Galten und Vaters mögen die Hinterbliebenen in dem Gedanken Trost finden, einen solchen Mann von edelster, sittlicher Persönlichkeit und vorbildlichem Wirken den ihrigen haben nennen zu dürfen. Hierauf widmete Geheimer Kommerzienrat Ernst Borsig namens des Verbandes Berliner Metaüindustrieller warmherzige Worte ehrenden Nachrufes, in dem er die stete Fürsorge Loewes für seine Angestellten und Arbeiter rühmend hervorhob. Als Freund des Hauses rief Albert Träger dem Dahingeschiedenen den letzten Gruß in die Ewigkeit nach. Nicht nur die Seinigen, die sein Herz mit innigster Liebe umfaßte, nicht nur Berlin, nein, das ganze deutsche Vaterland trauere um den einzigen Mann, der zu den Großen auf dem Siegesfelde der deutschen Industrie zählte, der die Ehre des deutschen Namens bis in das fernste Ausland getragen, der ein Deutscher in des Wortes edelster Bedeutung gewesen sei. Mit dem Choral „Sei getreu" schloß die eindrucksvolle Feier. Es folgte die Ueberführung der irdischen Hülle nach dem jüdischen Friedhofe in der Schönhauser Allee. Dem imposanten Trauerzuge schritten die Fahnendeputationen sämtlicher Maschinenfabriken des Verbandes voran, Marschälle mit Trauerstäben gingen vor dem vierspännigen Leichenwagen, dem drei Kranzwagen und die Equipagen folgten. Auf dem langen Wege durch die Dorotheenstraße, am Stammhause Loewe vorüber, und Unter den Linden, am Schloß vorbei, sorgte ein starkes Polizeiaufgebot für die Ordnung. Auf dem Friedhofe fand nach dem Hazutamim-Gebet und abermaligem Gesang die Beisetzung statt. --- Berlin, 6. September. Vom Hilfsverein der Deutschen Juden.erhalten wir folgende Zuschrift: In einigen antisemitischen Zeitungen stehen Nachrichten über das Lehrerseminar des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem. Die Behauptungen, die dort aufgestellt sind, sind dem Charakter der Zeitungen entsprechend so absurd verlogen und gehässig, daß sich ein Eingehen darauf erübrigt. Selbstverständlich sind die Mitteilungen nichts weiter als eine Kette von Entstellungen und Unwahrheiten. Wahr ist nur, daß einige Schüler des Lehrerseminars, wie es wohl an allen Schulanstalten der Welt vorkommt, wegen Angehörigkeiten disziplinarisch bestraft werden mußten auf einstimmigen Beschluß des gesamten Lehrerkollegiums. Diese Strafen gingen nicht über den Rahmen derjenigen hinaus, die in allen Ländern üblich sind. Ueber die Schulen des Hilssvereins in Palästina sei hier ein unbefangenes Urteil aus der neuesten Zeit angeführt, das des Großrabbiners der Türkei Chaim Nahum, der