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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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der ihrer Mutter Trost gewesen, mußte ihres Lebens Tröster werden — das hatte Gott gefügt.; . Der holde Liebreiz der weltfremden, jungen Frau wurde dem ernsten Mann Erfrischung und Aufheiterung in feinem schweren Beruf. Er ließ sie, wie sie^s von Hause, gewohnt, nachsichtig lächelnd ihre frommen: Bräuche halten, geschah es doch, wie er meinte, um das Andenken der Mutter zu ehren. Erst als ihr Kind geboren, war, begann der Kampf zwischen religiöser und''freigeistiger Anschauung. Wohl mußte er, um die damals überaus schwache Frau nicht tödlich zu erregen, darein willigen, den Knaben in den Bund der'Väter aufnehmen zu lassen, aber diese Nachgiebigkeit, seinen Grundsätzen entgegen, blieb die einzige. Als sie den sechsjährigen Jungen das erstemal mit ins Gotteshaus nehmen wollte, litt es der Vater nicht. „Dem Jungen sollte, wie er sagte, mit übersinnlichen Vorstellungen nichtder Kopf verdreht werden." Entsetzt hatte sie-ihn damals angestarrt: „Aber er muß doch seinen Glauben kennen und lieben lernen." — Und ernst fielen seine Worte: „Sein Glaube soll der sein, daß kein willkürlicher Einzelwille über ihm steht, und daß man aus Pflichtgefühl seine Schuldigkeit tun muß." — Mergiß doch nicht die Bedürfnisse einer Kindesseele!' 'Und welch wundervolles Gefühl des Gebörgensems, sich eins zu wissen mit seinem Gotte," rief sie aus. — „Nicht mit Gott, mit der Natur sollen wir uns eins fühlen, die Harmonie in ihrem Schaffen lehre uns die Harmonie in unserem Tun. Liebes Frauchen, auch ich bin fromm erzogen worden, und doch erst zufrieden, feit ich mich zu meiner heutigen Anschauung durchgerungen," tröstete er sie. Doch Frau Eva blieb verstört. Nie und nimmer konnte sie diese Ansichten billigen, um so weniger, als ihr Junge ganz ihre träumerische, weiche Gemütsart hatte. Und seit, das Kind selbst das Gespräch immer wieder auf Gott brachte, von den Unterhaltungen mit den Kameraden erzählte, die beten und fromm sein durften, und in heiße Tränen ausbrach, als sie auf das Gebot des Vaters hinwies — da war ihr Entschluß gefaßt: Ihr geliebtes Kind sollte von der Quelle der Schönheit und des Trostes trinken, die ihr so reich, strömte. Die nüchternen, naturwissenschaftlichen Erklärungen, die der vielbeschäftigte Vater in seltenen Mußestunden dein Knaben gab, waren keine Labung für dessen nach Religion dürstendes Gemüt. Und ihr Kind darben lassen, wenn sie im Ueberflnß besaß, ging über die Kräfte einer Mutter. Nie vergaß sie den Nachmittag im Garten, da sie zum erstenmal dem selig aufhorchenden Knaben biblische Geschichten erzählte, all seine Fragen nach Gott und seinem Walten beantwortete — und wie diese Feierstunden immer wiederkehrten, wenn der Gatte fern war. Nie erfuhr er etwas von dieser köstlichen, verbotenen Zwiesprach, denn eifriger noch als die Mutter hütete der Junge das wundervolle Geheimnis, das von nun an den schönsten Inhalt seines Kinderlebens ausmachte. Kamen Frau Eva Bedenken, daß sie mit ihrem Manne nicht ehrlich um den Jungen kämpfte, so brauchte sie sich nur der mehrfachen, aufregenden Unterredungen darüber zu erinnern, die die zarte Frau noch in Gedanken-zittern machten. Sie fühlte sich zugrunde gehen, wenn sie in anhaltender Fehde am eisernen Willen ihres Mannes rüttelte — und für ihren Jungen mußte sie sich erhalten, für ihren Hans, der ohne sie so..wenig leben konnte, wie sie ohne ihn. 'Wohl legte sie sich öfters bangend die Frage vor, was geschehen würde, wenn ihr Mann doch einmal ihrZuwiderhandeln entdeckte, und den Jungen) den-. lieben, zarten Jungen ihr mit Gewalt entrisse? Aber das würde ja Gott nicht zugeben, oder dann war ihr Hans schon so durchdrungen von der Glaubensliebe, so erstarkt in seiner Religion, daß er vereint mit 'ihr, selbst der eisernen Energie des Vaters, widerstehen würde. . Ja, sie träumte von einer Zeit,! da sich der Gatte dankbar überzeugen würde, wie der fromme Glaube des Jungen Sinn veredelte,, wie er einsehen lernte, daß die Bedürfnisse der Menscheil eben verschieden seien. Dann: ging auch ihr glühender Wunsch in Erfüllung, ihn als Konfirmanden vor. Gottes Altar treten und ihn sich stolz und. frei zu seinem Glauben bekennen zu sehen, den sie ihm . heute schon so teuer machte in unermüdlichem Hinweis auf seine Schönheiten. Denn bereits hatte sie begonnen, ihm die .„Sprüche der Väter" zu enthüllen, die in ihrer tiefen Sittlichkeit selbst auf den elfjährigen Knaben Eindruck Machten, und begeistert strahlte sein Blick, wenn sie ihm von den Ruhmestaten der Voreltern erzählte, die kühn und siegreich für ihre Religion gestritten hatten. Weiche Kinderarme legten sich um den Hals der sinnenden Frau, und ein liebes Sümmchen rief frohlockend: „Vater ist fortgegangen, komm' in den Garten, Mutti." Arm in Arm schritten sie durch die dämmernden Gänge, Hans Plauderte von den Erlebnissen des. heutigen Schultages, und welche famose Genugtuung er gehabt hätte. Der dicke Frieder, der ihm seinen guten Platz neidete, und ihn durch Püffe und Schmähreden so oft gekränkt, sei heute von einigen starken Mitschülern tüchtig „verbläut" worden. „Der Peter und der Franz," erzählte Hans eifrig,,„hielten ihn fest und schrien mir entgegen: „Hans, komm schnell, jetzt tut er Dir nichts, jetzt kannst Dws ihm heimzahlen." Und da sprang ich auch schon mit geballter Faust auf ihn zu — aber — wie ich ihn sah, von den Jungens so fest gepackt, daß er sich nicht rühren konnte, und wie er, ganz außer sich über die Schande, den Kopf hin und her drehte — weißt Du, Mutti," — errötend über das Bekenntnis drückte er seinen Lockenkopf an die Schulter der Mutter — „da fiel mir der Spruch unserer Väter ein, .den Du mir gestern gesagt: „Beeile Dich nicht. Deinen Feind zu sehen, wenn er tief gesunken" — und da lief ich weg!" — „Lieber, lieber Junge," bewegt zog Frau Eva ihr Kind an sich, und in traulichem Plaudern verstrich die Zeit, bis der Vater heimkehrte, früher als beabsichtigt, denn mächtig zog es doch den ernsten Mann zu Weib und Kind. Und als er mit seinem Knaben, selbst wieder jung, im Garten tollte, ihm Turnkunststücke zeigte, ihm dann beider Lampe Heldensagen vorlas — da schien kein Schatten das sonnige Familienglück, zu trüben. Wie bange schlug Frau Evas Herz, als sie sich eines Morgens zu einer längeren Reise rüsten mußte, um die schwer erkrankte Mutter ihres Mannes zu pflegen. Unendlich gern hätte sie Hans mitgenommen, aber sie sah ein, daß er die Schule nicht versäumen konnte. So trennte sie sich denn an der Bahn mit herzlichem Kuß von ihrem Jungen, immer wieder dem Gatten ans Herz legend, recht lieb mit ihm zu sein. „Damit sollls keine Not haben, nicht wahr, mein Junge?" sagte lächelnd der Vater, seinem Sohn auf die Schulter klopfend. „Wir werden uns schon vertragen! Fleißig spazieren gehen und Botanik studieren!" . Eifrig schwenkte Hans sein Mützchen, so lange er der Mutter Taschentuch aus dem davoneilenden Bahnzug flattern sah, dann schritt ec still neben dem Vater dahin. War es der Trennungsschmerz um die Mutter, war es das Bewußtsein, nun für unbestimmte Zeit sein inniges, religiöses Gefühl unterdrücken zu müssen, kurz, das sonst so fröhliche Kind trabte mit gesenktem Köpfchen an der Seite des , Vaters, der in seine Gedanken vertieft .war, dem Hause zu. - (Schluß folgt.)

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