Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Beiden Gefahren aber -ist' die Dichterin durch ihr intuitives Erfassen desSittlichen entgangen und durch die fast asketische Strenge des Pflichtgefühls,* mit dem sie dem. einmalerfaßten Sittlichen zustrebt. Der starke _ Realismus ihres Schilderns, der bei aller Stilschönheit nicht vor dem Häßlichen zurückschreckt, dazu ihr leidenschaftlich. soziales Empfinden gesellt Marie Ebner der modernen Literaturrichtrmg bei; daß sie aber die Wahrheit unter die Güte stellt, entfernt sie wiederum von der Gruppe der Zola- und Ibsen-Schüler. ■ So steht sie. denn ganz für sich, und jedes Registerwort scheitert an ihrer Eigenart... Sie glaubt an das Göttliche im Menschen, sucht es mit milden Mitteln herauszubilden und grübelt nicht mehr über das Unerforschliche — so könnte man vielleicht die Lebensweisheit Marie Ebrrers' in kürzester Formel darstellen. Daraus geht nun ohne weiteres hervor, daß die Dichterin tolerant sein muß gegen jeden Gläubigen und Ungläubigen, wofern er nur ein guter Mensch ist. Nun ist aber seltsamerweise die Toleranz des modernen christlichen Schriftstellers eine leichte (weil nur philosophische) Sache gegenüber. dem Christen der anderen Konfession, auch gegenüber dem Muselmann, Buddhisten oder Heiden, eine sehr schwere dagegen (weil nicht nur philosophische, sondern in' süufzigsacher Beziehung gesellschaftliche) dem Juden gegenüber. Marie Ebner hat es hier so wenig wie in allen anderen Punkten an echter Toleranz fehlen lassen, ja ist gerade für die Juden mit warmen Worten und anziehenden Charakterschilderungen einigemal eingetreten. (Schluß folgt.) Der Freigritt. Novelle von Rosi Graetzer. ^vielstimmiges Kinderlachen schallte vom Rasenplatz vor dem Hause empor zu der glücklichen Mutter, die lächelnd, über ihre Handarbeit gebeugt, am. offenen Fenster saß. Unter hundert' anderen hätte sie die helle Stimme ihres Jungen herausgehört, der sich mit seinen Gespielen vergnügte. Aber — war das nicht auch ihr Hans, der plötzlich ganz verändert und heiser redete? Sie beugte sich hinaus — wirklich, da stand er, die Schultern zusammengezogen und sprach, vielfach unterbrochen von einem krächzenden Husten: „Und ich sage Euch, Ihr Schlingels — hu, hu — Ihr habt ganz andere Dinge im Kopfe — hu, hu — wie Eure Grammatik! Ru-hu-hu-e!> Kein Widerspruch! Flau-hu-hu-scn!" Gar weh tat es der Mutter, wie da ihr sonst zart empfindendes Kind so recht gefühllos dem alten Lehrer nachahmte.! Der Beifall der Kameraden, der sich eben wieder in Hellem Gelächter Lust machte, hatte ihn wohl dazu herausgefordert; kaum konnte die Mutter erwarten, bis die,anderen Knaben sich verabschiedet hatten, und ihr Junge endlich zum gewohnten Plauderstündchen zu ihr ins Zimmer stürmte. In seine Zeitungen vertieft lag der Vater aus dem Sofa, da konnte sie es schon wagen, ungestört von ihm, ihren Liebling leise zu tadeln: „ „Hansi, ist es nicht recht lieblos von Dir, Deinen alten Lehrer lächerlich zu machen?" * „Wieso, Mutter?" „Du ahmst sein Gebrechen nach, sprichst wie er heiser und hustest dazwischen, ist das recht? .Fürchtest Du nicht, daß Gott Dich dafür strafen kann?" Betroffen senkte das Kind den braunen Lockenkopf — als es ihn wieder hob, standen die blauen Augen voll Tränen: „Vergib, Mutter!" „Ach was," tönte die Stimme des Vaters dazwischen „Drohe dem Jungen nicht mit gött li che r Strafe! Du weißt, ich will diesen sklavischen Glauben nicht. Der Gott, der Dich strafen wird, sitzt nur in Deiner Brust, das ist das Gewissen, das sagt uns genau, was Recht und Unrecht ist, verstanden Junge?" „Ja, Vater," stammelte eingeschüchtert der Knabe; murmelte etwas von noch anzufertigenden Schularbeiten und war wie der Wind hinaus, denn dem Vater Rede und Antwort stehen, wenn er „ungemütlich" wurde, war kein Spaß. Seufzend legte auch die Frau ihre Arbeit zusammen, und erregt schritt der Mann im Zimmer auf und nieder. Zaghaft begann Frau Eva: „Herrmann, ich kann es nicht länger zugeben, daß Du jede Gelegenheit wahrnimmst, dem Jungen das Walten eines Gottes in Abrede zu stellen, und ihn nicht am Religionsunterricht teilnehmen lässest. Ein 11 jähriges Kind braucht den Glauben; es braucht Liebe, und weil Gott die Liebe ist —" „Aber ich dulde nicht die unnützen Sentimentalitäten." rief , der Mann, „wie oft soll ich es Dir sagen! Ein freier Geist soll mein Junge werden, wie ich es bin, ein guter Mensch soll er sein, doch dazu braucht er nicht das Bewußtsein von einem liebenden oder strafenden Gotte. Nicht früh genug kann die Erkenntnis in ihm geweckt werden, daß man ganz allein die Verantwortung für sein Tun zu tragen hat und selbst sein strengster Richter sein muß. Glaube mir, Eva," fügte er weicher hinzu, „ich liebe den Jungen so sehr wie Du, aber ich muß ihn nach meinen Grundsätzen erziehen." Traurig blickte Frau Eva ihm nach, als er das Zimmer verließ, schritt schweigend ans Fenster und preßte die Stirn an die Scheiben, in die Dämmerung starrend. Was hatte sie erreicht? Wie immer— nichts! Der Kampf, den sie hier kämpfte, blieb aussichtslos. Die geistigen Waffen ihres Mannes, von scharfem Verstand geschliffen, blitzten ihr entgegen, blendeten sie, und ließen die Einwendungen, welche ihr ein tiefes, religiöses Gefühl diktierte, bald erlahmen — so unterlag sie in jedem Wortgefecht. Sie warf den Kopf zurück — mochte ihr Mann im Reden siegreich sein, im Handeln für ihr Kind war sie es! In strenger Religiosität von der verwitweten Mutter erzogen, hing Frau Eva von Kindheit an mit der ganzen Innigkeit einer reinen Seele an ihrem jüdischen Glauben und an den frommen Bräuchen. Der Segen, den, die Mutter nach dem Anzünden der Festtagslichte über sie aussprach, gab ihrem Tun für die ganze Woche die Weihe; die Heilighaltung des Sabbat war ihr so wichtig wie das Sprechen des Ahendgebetes „Zed'ma jisroel", und die Vorbereitungen für die Festtage waren für sie von Poesie umwoben. Dies fried- und freudvolle Leben wurde durch die ernste Erkrankung der Mutter bedroht, die sie aufopfernd pflegte, unterwiesen von einem jungen, tüchtigen Arzte, dem sie blind vertraute, da er so oft der geliebten Mutter die Schmerzen linderte. Als aber dennoch der Tod sein Opfer forderte, und das junge Mädchen ihre beste Freundin sterben sah, brach sie bewußtlos zusammen. . Sie war damals kaum verwundert gewesen, an der Brust des treuen Arztes zu erwachen — so sollte es tvohl sein, er,