Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
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taten. So schickte es sich unter anderem für eine österreichische Komtesse , fromm zu sein. Natürlich nicht zu fromm; denn alles Zuviel — auch das Zuviel an Fähigkeiten und Tugenden s paßte zum Ueblichen und Schicklichen genau so schlecht wie das Zuwenig. Unter solchen Erziehungsgrundsätzen, die ja nicht nur das Eigentum ihres Vaters, sondern in ihrer ganzen adligen Umgebung lebendig waren, hatte Marie Dubskh schwer und entscheidend'zu leiden. Das Bewußtsein anders veranlagt zu sein als die Menschen ihres Kreises, grüblerischer, idealistischer, dichterischer, erwachte sehr zeitig mit -großer Stärke in ihr und beherrschte ihre ganze^ Jugend. Auch als sie, erst achtzehnjährig, Moritz v. Ebner-Eschenbachs Gattin wurde und als junge . Frau größere Bewegungsfreiheit und an der Seite des gelehrten Offiziers jede Bildungsmöglichkeit erhielt, blieb doch das beengende und so zur Opposition anspornende Gefühl, von ihrem oberflächlichen und ganz auf Aeußerliches gerichteten, ganz an altüberkommenen Vorurteilen haftenden Adelskreis als die zum Lächeln herausfordernde Ausnahme betrachtet zu werden. Da könnte man denn annehmen, die ebenso leidenschaftlich Empfindende wie Denkende sei überall in völligen Radikalismus gedrängt worden. Das ist aber merkwürdigerweise auf keinem Gebiete der Fall. Malie Ebner, die glühende Parteigängerin der Armen, die harte Darstellerin adliger Willkür, ist doch eine gute Aristokratin geblieben; Marie Ebner, die freie Denkerin, hat den Katholizismus oftmals geradezu verherrlicht. Wenn diese Sonderbetrachtung im folgenden nur den religiösen und konfessionellen Elementen der Ebnerschen Schriften nachgeht,so wird sie doch begründen, weswegen die ganze Marie Ebner-Eschenbach in jeder Hinsicht eine völlig eigenartige Erscheinung geworden ist, der gegenüber die üblichen Registerworte, wie „radikal" und „konservativ", „modern" und „unmodern", so ganz versagen. Die gleiche Gewissenhaftigkeit des Denkens, die das Kind nach dem Beichtgelöbnis zum Selbstmordversuch trieb, mußte naturgemäß zu baldigen Zweifeln au Dogmen und Wundergeschichten führen. Ein harmloser astronomischer Leitfaden brachte wenige Jahre später Marie Dubkys Seelenheil in ernstliche Gefahr. Haben diese wissenschaftlichen Lehren recht oder die ganz anders lautenden biblischen Geschichten? fragte sie verzweifelt den Pater Borek, und dem immer gleichen Rat des Gütigen, nicht zu grübeln, vermochte sie beim besten Willen nicht zu folgen. Marie Ebner stellt diese Gewissensqualen in ihren „Kinderjahren" als sehr bitter hin, ohne sich auf den Ausgang der Sache einzulassen. Von ihm hat sie freilich schon Jahrzehnte vorher in ihrem philosophischsten Buch, den „Aphorismen", knappe Rechenschaft abgelegt. Dort heißt es: „Je weiter unsere Erkenntnis Gottes dringt, desto weiter weicht Gott vor uns zurück." Das ist sicher kein Ausdruck der Irreligiosität — wie denn religionslose Dichter überhaupt ein Unding sind, und wo man von atheistischen Poesien redet, irrt man immer in einem der beiden Dinge, indem entweder kein Atheismus oder keine Poesie vorhanden ist —, das ist aber auch sicher jedem an bestimmte Dogmen gebundenen Glauben und nun gar dem an Dogmen überreichen Katholizismus meilenfern. Marie Ebner jedoch, die sonst alles, was sie bewegt, in mannigfachen Geschichten zu dichterischem Ausdruck gebracht hat, schweigt sich über diese ihre religiöse Entwicklung von der Gebundenheit zur Freiheit, vom Kinderglauben zur philosophisch resignierten Gottanschauung nicht nur in jenen biographischen Blättern, sondern auch in ihren Erzählungen vollkommen aus. Häufig schildert sie güte Katholiken, tüchtige Laien, hingebende Priester; ein einziges Mal, in „Glaubenslos?", vertieft sie sich in die Seele eines Klerikers, dem der Glaube an etliche Dogmen verloren geht — und da weicht sie scheinbar genau so von dem aufgestellten Thema ab wie in ihren „Kinderjahren" und läßt bedenklichsterweise den Pater Leo im Priesteramt verbleiben. Bedenklichsterweise, wie gesagt; ich wenigstens habe diese Seiten nie ohne ein peinliches Widerstreben lesen können. Ich habe aber auch nirgends die Konsequenz der zugrunde liegenden Weltanschauung mehr zu bewundern gehabt, als gerade hier. Um jedoch zur Klarheit über diese zu gelangen, ist es besser, vorerst auf eine andere Novelle einzugehen. In „Ihr Traum" wird eine alte Dame geschildertdie schweres Unglück in stillen Wahnsinn versenkt, hat. Die Gräfin hat ihre beiden Enkel verloren, ist sich in lichten Stunden des Verlustes auch völlig bewußt, glaubt aber die meiste Zeit und hält krampfhaft an diesem Selbstbetrug fest, ihre Enkel lebten noch und könnten täglich zu ihr zurückkehren, wo sie denn auch Tag und Nacht alles zum Empfang der seit Jahren Erwarteten bereit hält. Man hat der Gemütskranken einen Arzt beigegeben, der sie zu heilen und also dauernd aufzuktären bemüht ist. Diesen Mediziner schildert Marie Ebner als einen niedrigen und ganz unsympathischen Gesellen. Und den Vertreter ihrer eigenen Ideen, einen Maler, läßt sie der Gräfinzurusen: „Heil Ihnen, edle Frau, Heil Ihrem Traum, Ihrem Wahn, Heil Ihrem schönen Glauben. Halten Sie so lange an ihm fest, als Ihnen niemand eine Wahrheit bringt, die schöner ist > als er." Dieser Rat entspricht genau einem Satz der bereits | zitierten „Aphorismen": „Wenn Du durchaus nur die Wahl hast zwischen einer Unwahrheit und einer Grobheit, dann wähle die Grobheit; wenn jedoch die Wahl getroffen werden muß zwischen einer Unwahrheit und einer Grausamkeit, dann wähle die Unwahrheit." Nun ist freilich im erzählten Fall die Wahl eine sehr leichte. Es handelt sich ja doch um eine Kranke, der man die Lüge als Arznei reicht. Aber Marie Ebner hält eben dem Satze, daß grausame Wahrheiten zu unterdrücken seien, eine sehr viel weiter reichende Treue. Pater Leo in „Glaubenslos?" ist über die Dogmen hinausgewachsen; (daß ihm die Dichterin gerade astronomische Interessen gegeben hat, mag in der Erinnerung an das Entstehen ihrer eigenen Zweifel begründet sein). Jenem Satz vom notwendigen Verschweigen grausamer Wahrheiten geschähe jedoch vollauf Genüge, wenn sich Pater Leo, ohne der Gemeinde etwas von seinem Zweifel einzuflößen, stillschweigend von seinem Posten zurückzöge. Er tut es nicht, er bleibt Priester, und Marie Ebner versieht gar das auf ihn bezügliche „Glaubenslos" mit einem an allen Dogmen rüttelnden Fragezeichen. Die Erklärung des Seltsamen liegt hierin: Pater Leo hat die Ueberzeugung gewonnen, daß er gerade in seinem Amt aus einige dumpfe Menschen erzieherisch und läuternd einwirken könne. Das scheint ihm die Hauptsache, und deshalb bleibt er aus seinem Posten, obwohl er subjektiv Unwahres zu lehren nicht immer wird vermeiden können, und deshalb kommt ihrü auch nach Marie Ebners Meinung der Titel eines Glaubenslosen doch wohl nicht zu,. weil er ja noch an das Wesentliche, an das Gute im Menschen an seine Erziehbarkeit glaubt. Das Höchste für Marie Ebner ist also die versittlichende und beglückende Einwirkung aus den Nebenmenschen, und diesem Zweck hat sich das Mittel zu fügen. Es kann nur manchmal Wahrheit sein; Güte steht über der Wahrheit, und Güte fordert bisweilen Lüge. Man sieht die doppelte Gefahr dieser Anschauung. Die Verherrlichung der Güte kann zur Schwäche, die Zulassung der Lüge zum Jesüitismus führen.