Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · p. Seite 428

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228944--66797-3278953
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

wir uns freuen, behaupten zu können, daß er im Westen zu mindestens so selten geworden ist, daß sein Auftauchen , im Osten eine Erklärung geradezu herausfordert. Juda Halevi in seinem Kusari 2, 80 (Berliner in seiner Schrift „Ueber den Einfluß des. ersten hebräischen Buchdrucks auf den Kultus und die Kultur der Juden" hat auf Seite 23 irrtümlich: Kusari 2, 49) läßt den Meister antworten: „Man sagt, es geschieht (daß die Juden sich bewegen, wenn sie Hebräisches lesen), um die animalische Wärme aufzuregen; ich glaube aber, daß es von dem kommt, worüber wir sprechen. Da nämlich viele zugleich lesen konnten, so war es möglich, daß sich zehn , oder mehr um ein Buch vereinigten (deswegen sind auch unsere Bücher groß); jeder der zehn mußte sich nun immer beugen, um das Wort anzusehen, und wieder zurück, und sich wieder beugen und wieder zurück, indem das Buch auf der Erde lag. Dies war die erste Veranlassung; später wurde es Gebrauchs weil man ihre Bewegung stets betrachtete und ansah, und weil es in der Natur der Menschen liegt, das, was man sah, nachahmte." Diese Erklärung hält nur vor bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst. Heute, wo jeder ein Gebetbuch für sich allein hat, warum sollte er beim Lesen oder Beten den Körper bewegen? Soll die Macht der Gewohnheit fünf Jahrhunderte überdauert haben, warum hat sie vor dem Westen haltgemacht? R. Aharon Hakohen aus Lunel berichtet in seinem Orchoth Chajim II, 25 (editio Schlesinger), daß man die Kinder bei dem Unterricht aus den heiligen Schriften früh schon daran gewöhnte, hen jungen Körper in Schwingungen zu bringen, um zu erfüllen, wie bei der Offenbarung der Lehre auf dem Berge Sinai geschrieben steht: „Das Volk sah es und erbebte." Auch der König David sagte: „Dienet dem Ewigen in Ehrfurcht." Diese Notiz, die sich auch im Machsor Vitry, S..628, befindet, aber in Sal. Pleffners „Die kostbare Perle" noch nicht ihren Platz erhalten konnte, sie bringt uns schon etwas näher dem Verständnis für die erklärungsbedürftige Sitte oder Unsitte, die dem Körper beim Beten die Rolle eines schwebenden Pendels vorschreibt. Dem Kinde-wurde im Lehrhause eine heilige Scheu vor dem überlieferten Schrifttum anerzogen; heilige Schauer durchrieselten den jungen Körper vor den großen dickleibigen Folianten. Die kleinen Menschen schüttelten und schaukelten sich streng nach der Instruktion, die ihnen von den gläubigen Lehrern pflichtgetreu erteilt wurde. Je länger der Unterricht währte, und er dauerte fast den ganzen Tag, desto mehr stieg auch die Zahl der ihn begleitenden Körperbewegungen. Allein, das Lehrhaus war zugleich auch das Bethaus; die Zeichen der heiligen Scheu bei der Entgegennahme der Lehre übertrugen sich auf die fromme Andacht. Wer sich früh schon daran gewöhnt hatte, den ganzen Tag nach dem Rhythmus des gesprochenen Wortes sich zu wiegen, dem wurde die . Gewohnheit zur. Natur beim gesungenen Worte des .Gebetes. Und was das Kind in der zarten Jugend angenommen hatte, das wurde der Mann im Leben nicht mehr los. Von ihm, dem unterrichteten Glaubensbruder, der dem ungebildeten Volke Muster, und Vorbild war, sprang der. Brauch auch auf solche über, die zu seiner Uebung die Berechtigung nicht besaßen, die ihre Jugend nicht gerade im Lehrhäuse verlebt hatten. Im Osten, wo die Schulen gefüllt sind mit lernbegierigen Jünglingen, die doch nicht den ganzen Tag über bewegungslos vor dem aufgeschlagenen Talmud sitzen können, sondern nach eingelernter und abgelauschter Art sich hin- und herbewegen, dort gilt auch von den Bethäusern das Wort in Samuel Hanagids Spottgedicht auf eine Lehranstalt seiner Zeit: - „Und sieh da, der Lehrer und die Schüler schütteln ihre Köpfe wie der Strauch in der Steppe " (Berliner am angeführten Orte, wo das hebräische Zitat in der Fußnote korrumpiert ist.) Der Gymnasiast wird auch im Osten, wenn er, zum Mediziner oder Juristen herangereist, das Beten nicht verlernt hat, mit Anstand und Würde vor seinem Gotte beten. Denn Anstand und Würde schreibt ja auch die Tradition für das Beten vor. (b. Joma 19 b), aber den unerschütterlichen Anhängern der Kabbalah im Osten galt von jeher die Tradition nicht soviel als die Lehre ihrer Sekte, und sie tanzen und springen und klatschen und johlen lustig weiter beim Gebete, zumal sie aus den Schriften ihrer Führer Belege für ihr Tun und Treiben herbeibringen. (Likute Amarim S. 1, angeführt bei Peter Beer, Geschichte, Lehren und Meinungen aller bestandenen und noch bestehenden religiösen Sekten der Juden und der Geheimlehre oder Kabbalah II, S. 226.) Von hier erklärt sich auch das Verhalten der Beter in Krakau, die wir wohl fliehen dürfen, aber nicht, bevor wir sie verstehen gelernt haben. Selimon und lkonkelüonen bei Marie tr. Lbner-Llchenbach. (Zu ihrem 80. Geburtstag am 13. September 1910.) Von Victor Klemperer. I. ^n den wunderschönen autobiographischen Blättern „Meine Kinderjahre", die Marie Ebner als Fünfundsiebzigjährige mit ebenso großer Frische wie tiefer Weisheit schrieb, erzählt die Dichterin, zwei im ersten Augenblick recht gegensätzlich anmutende Dinge von ihrem Vater. Der sehr autoritätssüchtige und zum Jähzorn neigende Mann befiehlt, daß seine Töchter bereits als ganz unreife Kinder zur Beichte gehen sollen. Der gütige Pater Borek hegt für die siebenjährige Marie schwerste Bedenken. Das Kind ist unendlich grüblerisch und phantastisch veranlagt, dabei aber doch noch keineswegs imstande, den Sinn der Beichthandlung zu begreifen. So bittet dann der Pater für Marie um Aufschub. Graf Dubsky lehnt zornig ab — seine Kinder dürften nicht ohne Religion aüfwachsen —, das kleine Mädchen muß seine Sünden beichten .und hinterdrein das vorgeschriebene Gelöbnis sprechen: lieber sterben als noch einmal sündigen zu wollen. Und weil Marie nun in: voraus weiß, daß sie im Leben noch manche Sünde auf sich laden wird, und weil sie nicht meineidig werden will, so begeht sie in heroischer Logik unmittelbar nach der Beichte einen Selbstmordversuch, dessen tragischen Ausgang nur ein Zufall verhindert: sie will sich aus einem Turmfenster stürzen, schlägt mit dem Kopf gegen das Fensterkreuz und fällt betäubt zurück. Hiernach erscheint doch Graf Dubsky als ein verbohrter Fanatiker, der gewiß auch in jedem Andersgläubigen einen schlechten Menschen. sehen muß. Als aber die Cholera im mährischen Lande wütet, und sich im Verein mit dem edlen Pater,Borek der kunstreiche und aufopferungsvolle Doktor Engel, „ein großer dunkelbärtiger Jude", auszeichnet, da sagt Graf Dubsky zu seinen Kindern: „Der heißt nicht nur Engel, der ist ein Engel." - Und später kann er nie von jener Schreckenszeit - erzählen, ohne hinzuzufügen: „Ja, der jüdische Arzt und der katholische Geistliche, allen Respekt! Beide waren Helden." Also Fanatismus und Toleranz im selben Menschen. Der Widerspruch löst sich, sobald man den seltsamen Mann genauer kennen lernt. Graf Dubsky war kein Fanatiker des Katholizismus, er war nur ein Fanatiker des Schicklichen, des Konventionellen. Es sollte jeder- und nun gar jede genau das tun, was die übrigen . Angehörigen des betreffenden Kreises

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.