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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 427 (sequence 7)
Language
German
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(Psalm 134, 2.) „Also will ich Dich preisen mein Leben lang, . in Deinem Namen an f heben m ein e Hande^" (Psalm 63, 5.) Häufiger, gebräuchlicher und verbreiteter ist ein anderer Gebetsgestus, von dem wir beim Eintritt in, das Gotteshaus mit dem Psalmendichter sprechen: „Ich aber darf ob der Fülle Deiner Gnade in Dein Haus kommen, darf mich bück en vor Deinem heiligen Tempel in der Furcht vor Dir." (Psalm 5,8.) Das Sich bücken und Sichverneigen, das Hinknien, die Längs- *■ Hinstreckung auf das Angesicht, find stufenmäßig sich steigernde Kundgebungen der Selbstdemütigung vor dem Allerhabenen und des Ueberwältigtseins vom Gefühle seiner Majestät und Machte Elieser, der treue Knecht seines Herrn, verneigt sich und bückt sich vor dem Ewigen, nachdem ihm ein Zeichen der göttlichen Güte und Gnade zuteil geworden war. (1. Mos. 24, 26.) Salomo spricht das bereits erwähnte herrliche .Gebet bei der Einweihung des von ihm erbauten Tempels aus den Knien liegend. (1. Könige 8/54; 2. Chronik 6, 13.) Daniel und Esra beteten gleichfalls kniend. (Daniel 6, 11; Esra 9, 5.) Der Psalmendichter fordert seine Gemeinde auf — und wir sprechen es ihm jeden Freitag Abend beim Einzug des Sabbats nach — „Kommet, wir wollen uns bücken und niederknien und preisen den Herrn, unseren Schöpfer." (Psalm 95, 6.) Kranke vollziehen den Brauch auf ihrem Lager. Der sterbenskranke Jakob, nachdem ihm sein Sohn Joseph geschworen hatte, daß er den letzten Willen des scheidenden Vaters respektieren werde. (1. Mos. 47, 31.) Der kranke König David, nachdem er die Thronfolge endgültig in seinem Sinne und im Einverständnis mit seinem Lieblingsweibe geregelt hatte. fll. Könige 1, 47.) Der kranke König Hiskia wandte sein Angesicht zur Wand und betete zum Ewigen. (2. Könige 20. 2.) Auch der König Salomo wandte sein Angesicht, als er die versammelte Gemeinde im neuen Tempel zu segnen sich anschickte, während die ganze Gemeinde stand. (1. Könige 8, 14; 2. Chronik 6, 3.) Hiob fällt zur Erde und bückt sich, als ihm der Bote die Trauerkunde von der Unsallstätte seiner Kinder brachte. (Hiob 1, 20.) In der großen Versammlung vor dem Wassertore, in welcher Esra und die Leviten eine Vorlesung aus der heiligen Schrift veranstalteten, verneigte und bückde sich das Volk mit dem Angesicht zur Erde. (Nehem. 8, 6.) Von allen diesen Gesten und Geberden bei öffentlicher und privater Andacht ist das Händeausbreiten beim Gebet aus unseren Gottes- und Familienhäusern spurlos geschwunden, während die übrigen Zeichen der stummen Gebetssprache, teils in den ursprünglichen Formen, teils in Modifikationen sich überall dort erhalten haben, wo Juden zu dem G otte ihrer Väter beten. Das Milieu, das ein anderes war im Morgenlande und ein anderes wurde im Abendlandes hat die so überkommenen Riten nicht im geringsten beeinflußt. Der fremde Kult, der, vom Händefalten abgesehen, unsere Geberdensprache redet, hat an diesen altüberlieferten Gebetsformen eine wesentliche Aenderung nicht veranlaßt. In Amsterdam und in Rom, in Prag und in Konstantinopel, in Berlin und in Czernowitz ist ausschlaggebend bis aus den heutigen Tag einzig und allein: die lebendige Ueberlieferung. Im Osten und im Westen, im Norden und im Süden ist die Mischna in b. Joma 66 a das Signal zum Niederknien, so oft am heiligsten Tage des Jahres, am Versöhnungstage, die Worte der angeführten Mischna in unseren Gotteshäusern zitiert werden: „Die Priester und das Volk, daS in der Halle stand, als sie den Hohepriester den Namen Gottes aussprechen hörten, da kn ieten sie n i e d er, b e u gten sich vornüber, fielen auf i hr A n g e si cht (berührten mit der Stirn .die Erde) und sprachen: Gepriesen sei der Name, die Herrlichkeit seines Reiches immer Und ewig." Und noch ein zweites Mal ringt der Jude auf dem ganzen Erdenrunde im Gebetvor Gott auf den Knien: am Neujahrstage, bei den Worten des Gebetes von Rab, das jeden Tag jeden Gottesdienst beschließt und nur von einer leichten Verneigung der betenden Gemeinde begleitet wird, bei den Worten: „Wir aber knien nieder, bücken uns und danken dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei er." Eine Kontroverse in b. Berachoth 28 d zeigt, daß das Niederknien beim Gebet als eine Pflicht proklamiert wurde für alle Tage des Jahres. Schade, daß die Ansicht des R. Chanina, der das Niederknien durch ein leises Kopfnicken ersetzt wissen will, stehender Brauch in Israel geworden ist. Es gibt nichts Ergreifenderes, nichts Packenderes für das jugendliche Gemüt des Kindes als der Anblick des knienden Vaters vor Gott. Nicht in der alten Art wie das Niederknien, dafür aber häufiger wie dieses, wird ein anderer Gebetsgestus geübt: das Nied erfallen aus das Angesicht. Es ist das biblische Niederfallen aus das Angesicht zur Erde, wie wir es oben aus Hiob 1, 15 und aus Nehemia 8, 6 angeführt haben, und wobei man mit der Stirn die Erde leicht berührte.- Die Abessinier, die im vergangenen Sommer in der Prager Ausstellung das Leben und Treiben der braunen, Stämme Äthiopiens auf unverfälschte Weise vorführten, zeigten auch das Niederfüllen auf das Angesicht vor ihrem dürftigen Tempel, diese immerhin komplizierte Körperbewegung, mit staunenerregender Geschicklichkeit und vollendeter Grazie Wir beobachten eine Abart dieses Brauches beim Morgen-und Abendgebet an den Werketagen, indem wir das Angesicht aus den Arm legen, auf den rechten morgens und auf den linken abends, und zwar wenn wir uns zu dem Gebete setzen, das mit den Worten aus 2,-Samuel 24, 14 eingeleitet wird: „Da sprach David zu Gad: Mir ist sehr weh! Doch laß uns fallen in des Ewigen Hand, denn groß ist seine Barmherzigkeit, doch in die Hand der Menschen möchte ich nicht fallen." Bleibt noch das „Sichbücken", das in der Bibel durchgehends gleichbedeutend ist mit Beten. (1. Samuel 1, 3^ Jesaia 2, 8; 66, 23; Jeremia 8, 2.) Das Sichbücken, das Mittelglied der aus drei Teilen zusammenhängenden Abodäh, aus dem Niederknien, aus dem Sichbücken und aus dem Niederfallen auf das Angesicht, es war anfangs ein Längshinstrecken mit Händen und Füßen, (b. Berachoth 34d.) Losgelöst von seinem vorderen-und hinteren Nachbar, ist es uns geblieben in der Gestalt einer beiläufigen Verbeugung, die sich aus Grund der Tradition (Tosefta Berachoth 1, 11; b. Berachoth 34a; Maimonides, Hilchoth Berachoth 5,10; Tur- Orach Chajim 113) festgesetzt hat bei unserem Gottesdienste in Bet- und Wohnhäusern. Und das ist gut so; denn der Brauch des Sichbückens in seiner auf uns gekommenen Form ist ein Gestus voll Anstand und Würde. Aengstlich fromme Gemüter werden sich hier feit jeher gern ein Mehr geleistet haben; vielleicht daß das demokratische Prinzip des Judentums auch hier zum Durchbruch kam und das Volk die Beschränkung auf fünf Verbeugungen beim Achtzehngebet sich nicht gefallen ließ, nachdem für den Hohepriester eine weitaus größere Anzahl von Verbeugungen statuiert und für den König überhaupt eine eigene Norm geltend gewesen; kurz, das Mindestmaß des Zulässigen dehnte sich aus dem einen oder änderen Grunde immer mehr und mehr, bis es am Ende so lang wurde, daß das Sichbücken ohne Unterlaß einem Wiegen und Wackeln, einem Schütteln und Schaukeln des Oberkörpers gleichkam? So entwickelte sich allmählich ein Gebetsgestus, von dem wir nicht sagen können,. däß er schönsei, und vvn dem

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