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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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;"V'-;'r/ ' beL-^Reißner)^ „Ph'antaste n eines Realisten" .(Rechner/ 1899)'; „Voltaire,- Eine Charakteranalyse, in Verbindung mit Studien zur Aesthetik, Moral und Politik" (Rechner, 1905) und „Fundament eines neuen Staatsrechts" (Reißner 1905). Hinzu kommen einzelne Aufsätze in Zeitschriften. Popper lebt gegenwärtig im Mittelpunkt eines geistig angeregten Verkehres in Men. > ,-LMt - Der Lrbrtsgettus. Von.Dr. Emanuel Schwartz-Prag. äs Gebet bildete in der letzten Zeit wieder einmal das Thema, zu dem Laien und Fachgelehrte in diesen Blättern das Wort genommen haben. Nicht kochende Leidenschaft, nicht blinde Parteiwut führte die Feder; in abgeklärter Ruhe und friedvoller Behaglichkeit sollte das Pro und Kontra sich miteinander messen. Seitdem Berliner seine Randglossen zu unserem Gebetbuche durch den Druck veröffentlichte, werden die gesetzestreuen Kreise sich wohl auch nicht länger der Erwägung verschließen können, die der deutschlesende Jude schon bei der Lektüre von Geigers erschöpfender Arbeit „der Hamburger Tempelstreit, eine Zeitsrage" (Abraham Geigers Nachgelassene Schriften. Herausgegeben von Ludwig Geiger. Berlin 1875. I. Bd., S. 113 ff.), wie auch bei der Lektüre von Steinthals lichtvollen Ausführungen über „der Juden tägliches Gebet" (Ueber Juden und Judentum, S. 251 ff.), die der hebräischlesende Jude schon nach einem Blick in Maimonides' Hilchoth Tefillah nicht kurzerhand von sich weisen kann: , der Erwägung nämlich, daß unsere Liturgie im Verlauf der Zeiten gar mannigfache Schichten von verschiedentlichem Werte angesetzt hat. Wem nun sein Judentum lieb und teuer ist, der wird mit liebevollem Verständnis den erneuten Versuchen folgen, aus dem gegebenen Material die ursprüngliche Gestalt des täglichen Gebets zu rekonstruieren und sie als ausreichend für das religiöse Bedürfnis unserer Zeit und Verhältnisse chinzustellen. Die sturmbewegten Tage des Kulturkampfes sind auch in unserem. Lager glücklich vorüber; von der alten Härte und Schärfe ist kaum noch etwas zu verspüren. Man schießt herüber und hinüber, aber man schießt doch nur in die Lust. Wer wird da gleich die Hand zur Faust ballen, weil über manche uns. von Jugend auf vertraute und lieb gewordene Stelle der bunte Stift des Zensors gefahren ist? Wer wird da noch in die Kriegstrompete stoßen, weil diese oder jene zu wiederholten Malen wiederkehrende Redefloskel als ein kabbalistisches Einschiebsel erkannt und gestrichen wurde? Und doch können wir es den Juden in Krakau nachempfinden, wenn sie sich beschweren und entrüsten über eine Schilderung von Reise-Eindrücken in diesen Blättern, weil diese unter dem vielen Häßlichen und Verwerflichen auch die Gebetsform für so abstoßend darstellt, daß es den Fremden nicht lange im Bethause, duldete. Wir haben von niemandem das Mandat übernommen, allen Bräuchen und Mißbräuchen der polnischen Beter einen ex offo Verteidiger an die Seite zu stellen'. Aber das Rezept, daß man, um den Dichter ganz zu verstehen, in des Dichters Lande gehen muß, scheint bei dem Besuche des Herrn Reisenden in einem Krakauer Bethause denn doch nicht seine Wirkung getan zu haben. Das Huronenge,schrei der verzückten . Chassidäer, ihr Schütteln und Schaukeln, ihr Tanzen und Springen . und Klatschen, das alles muß demästhetisch empfindenden Westjuden sich genau so.auf die Nerven legen wie-etwa das Geheul vorpAüstralnegern, der tanzende Derwisch, die brüllende Heilsarmee. Aber warum, gestikulieren die frommen Beter in Galizien so heftig? Woher ihre konvulsivischen Körperbewegungen beim Beten? Warum ist ihr Verhalten beim Gottesdienste so ganz anders als das des -gesitteten Europäers? Darüber hätten wir gar zu gerneinmal /etwas gehört, insbesondere von einem Forschungsreisenden. Wir werden auch darauf die Antwort finden, wenn wir des Näheren eingehen überhaupt auf den Gebetsgestus. Die Geberdensprache beim Gebet ist naturgemäßer Ausdruck des Verhältnisses des Menschen zu Gott. Der Zug nach oben ist der religiös angelegten Menschennatur schöpferisch eingegründet. Der nach Gott und einer besseren Welt ausschauende Blick des Menschen richtet sich instinktmäßig gen Himmel. „Die Augen aller warten auf Dich (Gott), und Du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit. Du tust Deine Hand auf und sättigst alles Lebende mit Segen." Bei diesen Worten des liturgischen Psalm (145, 15, 16) erhebt der religiös orientiertet Jude seine Augen in die Richtung des Himmels und falte seine Hände dergestalt zusammen, als ob sie sich bereithielten zur Entgegennahme der erflehten Güte und Gnade Gottes. Ob das Händefallen beim Gebet sich eingebürgert hätte in der Synagoge, wenn es genügend offenkundig gewesen wäre, daß diese Gebetsgeste nicht jüdischen Ursprungs ist? Die älteste Darstellung des Händefaltens bei den Germanen verkörpert ein gefangener Gothe auf der Siegessäule Theodosius des Großen (391 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung). Das Händefalten ist indogermanischer Brauch, drückt Unterwerfung aus und wurde als Gebetsgestus durch die germanischen Stämme nach Europa und in die christliche Kirche eingeführt. (Vierordt, Studien und Kritiken 1853, S. 79.) Auf ägyptischen Bildern kehrt der Betende die Handfläche dem Altäre oder Götzenbilde zu. (Stade, Biblische Theologie des Alten Testamentes I, 151.) Eine antike Bronzestatue im Berliner Museum stellt einen betenden Knaben mit gen Himmel erhobenen Händen dar. Hier ist der Gestus festgehalten, wie wir ihm bei den betenden Gestalten der Bibel als dem ursprünglichen Ausdruck der frommen Geberdensprache begegnen; hier ist er vor-, beziehungsweise nächgebildet. Im Kampfe gegen Amalek siegte Israel, so lange Mose seine Hand erhoben hielt (2. Mos. 17, 11). Die Tradition, die Mischna in b. Roschaschana 29 a, sieht in der hocherhobenen Mosishanddas Symbolfür Israels Gottsuchen und Gottanbeten Als Pharao den Mose und Ahron zu sich rufen ließ und sie bat, daß sie für ihn zu Gott flehen mögen, da antwortete ihm Mose: „Wenn ich ans der Stadt gehen werde, will ich meine Hände zum Ewigen aüsbreiten, der Donner wird aushören und der Hagel nicht fürderhin sein." (2. Mos. 9, 29.) Das herrliche Gebet, mit dem Salomo das neuerbaute Heiligtum einweihte, leitet der biblische Bericht mit dem Satze ein: „Und Salomo stand vor dem Altar des Herrn, gegenüberderganzen Gemeinde Israels, und er breitete seine Hände gen Himmel aus." (1. Könige 8, 22; 2. Chronik 6,13.) . '. .: vy \ Das Händeausbreiten, auch das Händeerheben, ist im biblischen Zeitalter identisch mit dem Beten selbst. „Mein Auge vergeht vor Elend; ich rufe Dich, o Herr, Tag für Tag; ich breite zu Dir meine Hände aus." (Psalm 88, 10.). „Und obgleich auch ihr Eure H ände au s breit et., ich verberge meine Augen vor Euch; und, wenn Ihr auch viel betet, ich mag es nicht hören." (Jesaia 1, 15.) „Höre die stimme meines Flehens, wenn ich zu Dir bete; wenn ich meine Händ e erhebe zu Deinem heiligen Tempel." (Psalm 28, 2.)./ „Erhebet Eure Hände zum Heiligtum und preiset den Ewigen" mäi

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