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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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. Heber die Zukunft der antisemitischen Partei schreibt die „Mülhaustzr Volkszeitung": . - Die antisemitischen Grüppchen, die sich lange gegenseitig in der schmlitzigften Weife befehdeten, aber jetzt wieder Zusammengehen wollen, „Reformer*,. „Christlich-Soziale" und „Deutsch-Soziale", traten vor drei Jahren, mit insgesamt 17 Mann in den Reichstag, jetzt sind es nunmehr 14 oder, wenn man genauer hinsiehteigentlich nur mehr 12 da Herr Böhme jetzt sein Gehalt aus nationalliberalen Kassen bezieh^ und Herr Bruhn aus. anderen Gründen anständigerweise doch nicht mehr mitzählt. Wieviele von diesem edlen Dutzend die nächsten Wahlen überleben, darüber ließe sich eine lustige Wette abschließen Nach den Erfahrungen von Eisenach und Zschopau muß es möglich sein, auch die Lattmann und Liebermann, die Köhler undBindewäld aus. ihren hessischen Sitzen hinanszuräuchern. Und nimmt man die Herzog, Raab, Gräfe und Gabel dazu, die ohnehin schon wanken, so kommt man zu dem Resultat, , daß drei Jahre nach Stöckers Tod vom Stöckertum nicht viel.übrigbleiben wird. Die Cholera ist im Zarenreiche seit mehr als zwei Jahrzehnten heimisch und macht sich, namentlich in den südrussischen Gouvernements, stets im Sommer besonders bemerkbar, um mit Eintritt kühlerer Witterung zurückzugehen. In diesem Jahre aber unterscheidet sie sich von ihren Vorgängerinnen durch ein, bedeutend größeres Verbreitungsgebiet und höhere relative, wie absolute Sterblichkeitsziffern.. Nach dem offiziellen Bericht der Cholerakommission, oder genauer Anticholerakommisfion, hatte die Seuche bereits Anfang August 47 Gouvernements und sechs Provinzen ergriffen; dazu dürften inzwischen noch einige hinzugekommen sein. Die'Sterblichkeit erreichte in einigen Distrikten eine gewaltige Höhe: 50 Prozent ist das Minimum. Im Kubanschen Bezirk weist die offizielle Liste sogar 60 bis 65 Prozent Sterblichkeit aus! Da die offiziellen Ziffern stets hinter der Wirklichkeit Zurückbleiben, so ist es nicht zu hoch gegriffenwenn man annimmt, daß der Cholera in Rußland in diesem Jahre bereits 100 000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Die Gründe für diese entsetzliche Erscheinung sind nicht zweifelhaft. Sie liegen in den ganz unglaublichen und unmöglichen sanitären und hygienischen Bedingungen, unter denen die Mehrzahl der russischen Bevölkerung lebt; im Mangel an Aerzten, ungenügender Ernährung, Wohnungsnot, Unsauberkeit^ Fehlenaller Schutzmaßregeln usw. Sie liegen ganz einfach in dem niedrigen Kulturniveau der russischen Bevölkerung. Die Hauptschuld aber trifft , die Regierung selbst, die unbekümmert um die mit jedem Tage steigende Zahl der Opfer das Anerbieten jüdischer Aerzte, in die verseuchten Distrikte zu gehen, kategorisch ablehnt. Fürwahr: Wen-die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. . In einem diesbezüglichen Bericht aus Rußland wird folgender kurioser Fall mitgeteilt: Das große Sterben übt aus die mit Gewalt in Dummheit zurückgehaltene Volksmenge mannigfache Wirkung aus. Prozessionen, .Auflehnung gegen die entsendeten Choleraärzte sind auf der Tagest ordnung. Man versäumt auch nicht, die Schuld an der um sich greifenden Pest den Juden aufzubürden. Aber hier und da blitzt unter den Helden der Pogrome auch ein menschliches Gefühl auf. So war es mit einem Bauer aus Lunansk, der sich im Jahre 1905 bei den Pogromen besonders hervorgetan hatte. Dieser Tage erschien er, wie „Die neue Welt* berichtet, bei einem Juden des Städtchens und erzählte weinend: „Seit dem Jahre 1905, da er an den Plünderungen der Juden teilgenommen, ist jedes Glück von ihm gewichen. "Ein Schicksalsschlag nach dem anderen kam über ihn. Jetzt nun, da die Cholera ihm Frau und' zwei- Kinder hinweggerafft hatte, ^erscheinen ihm die Verstorbenen nächtlicherweise im Traume und machen ihm die bittersten Vorwürfe darüber, daß sie wegen der Sünden, die er an den Juden begangen halt, sterben mußten. Jetzt lebe er in unausgesetzter Angst vor dem Tode, und er finde nicht eher Ruhe, bis er nicht wenigstens ihm, dem Juden, dem er bei den Pogroms seine Nähmaschine raubte, deren Wert samt Zinsen zurückerstatte. Der Jude weigerte sich, das Geld anzunehmen. : „Du bist nicht schuld daran,* sagte .er dem vor'Angst zitternden Bauern, „schuldig sind jene, die Dich und alle Uebrigen zum Plündern und Morden gedungen und gehetzt haben . .,." •; ^: * ' ' ' Nicht minder traurig, ja in mancher Beziehung noch schlimmer, ist die Lage der Juden in Rumänien, wo die Regierung unseren Glaubensgenossen gegenüber das alte Pharaonische Verfahren anwendet. ' •': Man schreibt uns : Das rumänische Amtsblatt veröffentlicht einen Erlaß an! hie Regierungsanstalten, in. welchem diese aufgesördert werden, bei-allen Arbeitsvergebungen rumänische Arbeiter und "Unternehürer-'-' - den Fremden vorzuziehen. Damit jedoch darüber kein Zweifel obwalte, daß unter den „Fremden* in erster Reihe Juden zu.verstehen seien, betont der Erlaß ausdrücklich, daß „Fremde auch!, solche, sind-.die keine Rumänen sind, wenngleich sie beim rumä nischen Militürvgedient haben.* Ä Die vom „Jewish Chronicle" kürzlich verbreitete Nachricht, daß der Kardinal-Staatssekretär Merrh bet Val in einem Rundschreiben alle Bischöfe der römisch-katholischen Kirche auf gefordert habe, keine Einsührungsbriese für Audienzen beim Papst an Juden zu geben, auch nicht an solche von Bedeutung, erweist sich als nicht zutreffend. Wie der römische' Korrespondent des „Katholischen Herold" berichtet, hätte der Vatikan nicht im geringsten an solch einen Erlaß gedacht, und sei auch in keiner. Weise zu solch einer Verfügung veranlaßt worden. Ebenso stellt der römische Korrespondent des „Irländischen Katholiken" dieses angebliche Rundschreiben in, Abrede, bemerkend, in seiner allwöchentlich stattfindenden, Audienz empfange Her Papst Männer aller Rassen und Konfessionen. Wie das „Jewish Chronicle" nun berichtet, hat es vyin Sekretariat des Erzbischofes von Westminster ein Schreiben, erhalten-, in dem jegliche Kenntnis einer derartigen Verfügung, wie sie Her Papst erlassen haben soll, bestritten wird. , „ fm . . _ LommerÄmrst Lenjsmul tzirlch, tzalberttsdt. .! iner der drei Vorsitzenden des ,;Deutsch-Jsräelitischen Gemeindebundes",Herr Kommerzienrat B^enfa-min Hirsch, Halberstadt, begeht am 11. d. M. - in erfreulichster .Frische des Geistes und Körpers seinen 70;,-.-sr diesem Anlaß überreicht ihm der „Deutsch -- Jsräelitische Gemeindebund" eine G l ü ck w unsch äd resse in- - prächtigem Einbande, in welcher dem um den „Gemeindebund"-' -stM-um die Förderung aller seiner Aufgaben hochverdienten Männe Dank und Anerkennung ausgesprochen unddem Wunsche Ausdruck geliehen wird, daß es dem Jubilar noch vield Jahre vergönnt, sein möge, seine wertvolle- Kraft im Ehrendienste des Gemeindebundes zu betätigen. -Die - Bedeutung ' -des Jubilars als hervorragender Industrieller,- deffen'geschäftlicher Wirkungskreis wett über Deutschlands.Grenzentzinausreicht, die allgemeine Wertschätzung, deren sich der - JiMW' in allen Schichten der Bevölkerung erfreut, das großt-Änsehew/ düs er überall, besonders! - auch in feinet VaterstüW rkÄnM, ^allgemeinen öffentlichen Leben genießt, sollen hier nur kurz gestreift

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