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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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ÜieferungSscheine; einmal, zweimal, öfters. Bis daS schlecht gezimmerte Gebäude des. Betruges zusammenbrach. Fast sievem Jahre Zuchthaus. Ich hatte Vorstrafen. Als junger Bursche^ hatte ich michverführen lassenmit anderen Genossen' der Sünde gemeinsam den Chef zu bestehlem Bandendiebstahl. Ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener.. Diese Vorstrafe ist die Tragik meines Lebens. Sie heftete sich an meine Fersen. Sie ließ mich zu keiner erträglichen Anstellung; kommen. Ich mußte den Posten nehmen, der sich mir bot. . . 'ich blicke zurück auf das Bibelwort, das .ich im vorigen Abschnitt erwähnte . . . in meinem Elend fehlten die Augen, die liebreich nach mir sahen, und ich sank . . . Dir Woche. Berlin, 6. September. us der Marienburg hat der Kaiser neulich an die Vertreter der Provinz Westpreußen eine Ansprache gehalten, in der die dringende Mahnung zu konfessioneller Verträglichkeit stark zum Ausdruck kommt. Obgleich diese Rede sich nur auf das Verhältnis der beiden christlichen Konfessionenzueinander bezieht, so enthält sie doch einige Momente) über die wir als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht achtlos hinweggehen dürfen. Wir lassen hier den wesentlichen Inhalt der Rede folgen: ,)Was lehren uns die Marienburg und der Deutsche Orden, der unserem Königreich das ragende Panier mit dem schwarzen Adler auf silbernem Felde gab? Durch feierliches Gelöbnis waren sich die Ordensbruder zugetan und stellten ihr Werk unter die Obmacht eines Höheren: Durch diese einheitliche Geschlossenheit hat der Orden diese unerhörte ^Leistung zuwege gebracht. Das soll für uns ein Vorbild sein! Das Kreuz Mf seinem Gewände bedeutet die Unterordnung unter desHimmels Willen, bedeutet, daß Deutschtum und Christentum untrennbar voneinander sind. Was sollen wir lernen? Daß dies eine Illustration für das Wort ist, was ich neulich in Königsberg gesprochen habe: So wie mein seliger Großvater und Wie ich Uns unter der höchsten Obhut und dem höchsten Aufträge unseres Herrn und Gottes arbeitend dargestellt haben, so nehme ich das von einem jeden ehrlichen Christen an, wer es auch sei. Wer in dieser 'Gesinnung arbeitet, dem wird es aber klar, daß das Kreuz /auch verpflichtet! . Wir sollen in brüderlicher Liebe Zusammenhalten, die Konfessionen und die Stämme. Mir sollen einem jeden Stamme seine Eigenheit und Eigenart lassen. Es sollen die Stämme und die Berussgenossen» schäften die Hände ineinander schlagen zu gemeinsamer Arbeit, zur Erfüllung der staatlichen Notwendigkeiten. Der Landwirt schlage in die Hand des Kaufmanns ein, dieser in die Hand des Industriellen. Der Zugehörige einer Partei ergreife die Hand des Andersgesinnten, wenn es darauf ankommt. Großes für unser Vaterland zu leisten, und eine Konfession trage die ändere mit Liebe. Dann werden wir dem Vorbild der großen deutschen.Männer, die hier einst gestanden und gearbeitet haben, Nachkommen. Dann werden wir die Schwierigkeiten, die sich uns entgegentürmen — und wo werden sich die nicht finden — überwinden. Leben heißt arbeiten, arbeiten heißt kämpßen, Mmpfen heißt Schwierigkeiten überwinden,, und die werden mit gegenseitiger Achtung und mit gegenseiter Hilfe überwunden, wenn man sie.als von oben uns in den Weg gelegte Prüfsteine ansieht/ Man kann, bemerkt die „Vossische Zeitung" mit Recht hierzu, ebensowohl Christ sein Und Nichtdeutscher wie Deutscher ' und Nichtchrist. Gibt es Christen nich t in Polen, England, Italien, in aller Welt, die genau wissen, daß sie nicht Deutsche, also Deutschtum .und. Christentum nicht Untrennbar sind? Äöev wirnn der Kaiser meint, nur ein guter Christ könne ein guter Deutscher sein, so wird diese Behauptung vielseitig bestritten werden. Der Philosoph von Sanssouci war. ein ebenso schlechter Christ'wie Immanuel Kant, und Goethe nannte sich einen „dedizierten Nichtchristen". Und doch wird man ihnen und mit ihnen ungezählten geistigen Führern! und tüchtigen Bürgern nicht füglich das Deutschtum absprechen wollen. * ♦ Die „Zeitschrift des Königlich Bayerischen Statistis chen Land es amt es" bringtin Heft 3 des laufenden Jahrganges, wie im „Gemeindeboten" der vorigen Nummer kurz mitgeteilt ist, neben verschiedenen wirtschafts- und sozialpolitischen Arbeiten eine Darstellung der Verhältnisse der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern nach dem Stande des Jahres 1907. Aus ihr ergibt sich, daß in Bayern 311 israelitische Kultusgemeinden mit 52 378 Gemeindemitgliedern bestehen, so daß 94,6 Prozent der bayerischen Israeliten in den Gemeindeverbänden vereinigt sind. 271 Kultusgemeinden liegen in den fränkischen und pfälzischen Landesteilen. Auf die altbayerischen Landesteile, in denen sich im Gegensatz zu den eben genannten Gebieten erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine jüdische Bevölkerung in größerem Maße angesiedelt hat, entfallen nur 11, auf Schwaben 17 zum Teil sehr alte Gemeinden. In bezug aus die Mitgliederzahl wurden große Gegensätze zwischen den Stadt- und Landgemeinden festgestellt. 47 Prozent aller Kultusgemeindemitglieder sind in den sechs größten Gemeinden München, Bamberg, Fürth-Langenzenn, Nürnberg, Würzburg und Augsburg vereinigt, während 234 Gemeinden, die hauptsächlich auf dem Lande gelegen sind, weniger als 100 Mitglieder zählen. Dieses Ergebnis erklärt sich aus der erheblichen Zuwanderung der jüdischen Bevölkerung in die Städte, die seit der gewerberechtlichen Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern vom Jahre 1861 zu beobachten ist. Infolge dieser Bevölkerungsverschiebung erfüllen nur mehr 30 Gemeinden (9,6 Prozent) die Forderung des Judenediktes vom Jahre 1813, daß eine Kultusgemeinde mindestens 50 Familien zählen müsse. Den veränderten Verhältnissen trägt die Verwaltungspraxis seit Jahren dadurch Rechnung, daß sie die Neubildung einer Gemeinde in Uebereinstimmung mit der jüdischen Lehre bereits bei dem Vorhandensein von zehn religiös selbständigen, d. h. über 13 Jahre alten männlichen Israeliten gestattet. Synagogen sind in 294 (94,5 Prozent), Ritualbäder in 209 (67,2 Prozent), Religionsschulen in 174 (55,9 Prozent) und Friedhöfe in 156 (50,2 Prozent) der Gemeinden errichtet. Die tatsächlichen Verhältnisse entsprechen also der israelitischen Anschauung nicht mehr, daß jede Gemeinde die bezeichneten vier Kultuseinrichtungen besitzen müsse. Rabbinate bestehen nach neueren Ermittlungen in Bayern 22. An den Religionsschulen wirken 141 Religionslehrer und an den 85 konfessionellen Volksschulen 110 Lsshrer; jedoch werden die Lehrer mehrfach an beiden Schulen und in einzelnen Fällen auch als Kultusbedienstete verwendet. An Aktivvermögen besitzen sämtliche Gemeinden Wertein Höhe von 10,4 Millionen Mark, welchen 2,4 Millionen Mark Schulden" gegenüberstehen. Das Immobiliarvermögen (5,6 Millionen Mark) entfällt hauptsächlich auf die Landgemeinden mit den zahlreichen Kultusgebäuden; das Kapitalvermögen (2,8 Millionen Mark) ist in den Stadtgemeinden konzentriert, 72,3 Prozent allein in der Gemeinde München. Die Umlagenerträge schwanken in den meisten Gemeinden zwischen 500 und 200 Mark, sieben Gemeinden bringen mehr als 10 000 Mark auf. An Stiftungsvermögen wurde lediglich das Vermögen für Kultuszwecke erhoben, es betrug 315 214 Mark. *

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