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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 36 Berlin, 9. September 1910 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 'Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preir: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten Lurch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»«. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger. Verlags > Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/40. Alle Zusendungen fl*.' Redaktion und Expedition find an dir Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/H% zu richten, vertag von Andolf Masse, Berti«. Aus einsamer Zelle. Von Kreisrcibbiner Dv. V eerm ann- IJUiJuU* Insterburg. — Die Woche. — Kommerzienrat Benjamin Hirfch-Halborstadt. — Juden als Erfinder und Entdecker. Von Dr. Max Grunwald. — Der.Gebetsgestus. Von Dr. Emanuel Schwarz-Prag — Religion und Konfession bei Marie v. Ebner-Eschenbach. Von Victor Klemperer. — Feuilleton: Ter Freigeist. Novelle von Rosi Graetzer. — Literarische Mitteilungen. — Bücher einlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Eydtkuhnen, Wreschen, Oppeln, Hamburg, Bremen, Darinstadt, Mondorf, Bamberg, Wien, Konstantinopel. — Von Nah und Fern. Aus rinlsmer Lellk? Nach wirklichen Bekenntnissen eines Gefangenen frei bearbeitet von Kreisrabbiner Dr. Beerm ann-Insterburg. ier die weiße Wand mit dem schmalen, gelblich angestrichenen Tische davor, gegenüber mein hartes Lager, ein Stuhl, eine Lampeein Waschbecken, das ist mein Reich. Durch das eisenumgitterte, kleine Fenster dringt spärlich das Tageslicht, heute noch reichlicher als sonst. Draußen scheint die Welt im Sonnenglanz zu liegen. Durch das runde Guckloch der Tür das spähende Auge des Aufsehers. Ich kann getrost, weiterschreiben. Ich habe die Vergünstigung, in arbeitsfreien Zeiten ein Tagebuch zu führen. Fünf Jahre sitze ich nun in dieser Zelle. „Das ist Deine Welt, das heißt Deine Welt." Ja, ich bin nicht ungebildet, habe manches gelesen und ein treues Gedächtnis. Unser Geistlicher wundert sich, daß ich imstande bin, den Gedankengang feiner Predigt ziemlich treu wiederzugeben. Heute fühle ich mich ganz besonders elend. Kränklich war ich eigentlich immer. Die traurige Jugend; meinen Vater habe ich kaum gekannt, ich erinnere mich , nur dunkel, daß er einmal in der Trunkenheit meiner Mutter die brennende Lampe nachgeworsen hat. Dann das Lotterleben mit schlechten Gesellen, so fühlte ich mich siech und schwächlich, als ich noch draußen in der Freiheit des Daseins Bürde .schleppte. Die lange Haft hat mich körperlich noch mehr zermürbt. Die meinem schwachen Magen unzuträgliche einförmige Kost — meine Leidensgefährten nennen sie „den blauen Heinrich" — der Mangel an längerer, freier Bewegung in frischer Luft, die eintönige Beschäftigung mit der Schneideret, und vor allem die seelische Not, die Sehnsucht nach Weib und Kind, die Selbstvorwürfe und Gewissensbisse, das Bewußtsein, bei aller Schuld, von der ich mich keineswegs h Möchten diese Zeilen mir helfen bei der Fürsorgearbeit an den entlassenen Gefangenen (auch außerhalb Berlins). Wer zur Mitarbeit bereit ist. schreibe an meine Adresse. B. freispreche, doch allzu hart und streng bestraft zu sein, das alles hat mich körperlich und seelisch gebrochen. Ich bin ein müder, todwunder Mann. Was jüngst unser Rabbiner so erschütternd in seiner Predigt ausführte: „Am Abend sprichst Du, o wäre es Morgen, und am Morgen sprichst Du, o wäre es Abend." Wie oft habe ich die Wucht und Wahrheit dieses tief ernsten Wortes an mir.erfahren. Ich suche im Schlafe Vergessenheit, er flieht mich — wie die Sünde; ach, es ist kein Vergleich, es ist traurige Wirklichkeit— und wälze mich auf meinem Lager. Dürfte ich wenigstens Licht anzünden und lesen, aber das ist ja gegen die strenge, starre Hausordnung. Ihr sollen wir uns bedingungslos unterordnen, meinte unser Seelsorger, und in ihrer gewissenhaften Befolgung unseren Sinn für Erlaubt und Unerlaubt schärfen. Ich fürchte nur, daß mein Wille in diesen langen, endlos langen Jahren ganz ausgehöhlt wird und mein Verstand in dem grauen Einerlei des Elends allgemach verblödet. Und am Tage, wenn die schlaffe Hand mit der Nadel mechanisch über das Tuch gleitetdann tanzen und spielen wild und wirr in meinem Kopf die Gedanken und verfolgen mich wie die Rachegeifter den Ruchlosen in Shakespeares Macbeth. Ich sehne den Abend herbei: Schlaf, Schlaf. Wie heißt es doch in dem jüdischen Volksliede, das ich einmal gehört habe: „Schlafen ist das beste Mittel, bis es kommt, das gute Quittel". — Der Abend kommt und mit ihm neuer Schrecken. Im Religionsunterricht besprachen wir heute das Wort: „Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen, und unsere Augen es nicht gesehen." Wie warm und innig unser Lehrer sprach! Wie rührend und herzlich waren des Rabbiners Worte: Die Menschen dürfen nicht teilnahmslos nebeneinander hergehen, sie sollen sich liebend umeinander kümmern. Einer für alle, alle für einen. Soziales Gewiffen — das war der Ausdruck, den er uns, zu erläutern suchte — das ist die brennende Sehnsucht, Gesunkene zu heben. Leidenden zu helfen. Es genügt wahrlich nicht, so führte er aus, daß wir kein Blut vergießen, und uns sorgsam hüten, unserem Nächsten zu schaden, wir dürfen auch nicht ruhig mit ansehen, wenn Leid ihn drückt und Not ihn quält, ja, wir sollen die Augen weit öffnen und unseren Blick schärfen für das Elend unserer Brüder. Wie war's doch mit mir. Gewiß ich war leichtsinnig — aber zu Hause waren doch Weib und Kind krank. Kein Geld da für Nahrung, kein Geld da für Heizung. Kein Brot im Hause, keine Hoffnung im Herzen, mein Verdienst als Hrovisionsreiserrder so gering, daß ich kaum meine eigenen Reisespesen decken konnte; so ging ich hin und fälschte

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