Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Milch zu kaufen. . Das Geld sollte einer nach dem anderen geben. Die erste Kopeke gab Jossele. Heimlich nahmen wir aus der Küche ein Schüsselchen und kauften im Kramladen Milch. Zum Einkäufen gingen wir alle zusammen. Herschele. als der älteste, trug die.Schüssel. . „Herschele, paß auf, verschütte die Milch nicht!" „Herschele, vorsichtiger!" Herschele hatte die Schüssel auf die Erde gestellt, und wir fingen an, die Kätzchen zu tränken. Wir steckten ihre Schnäuzchen in die Milch, aber sie pusteten nur, und wimmerten weiter. „Trinkt doch, Kätzchen, trinkt!" Aber die Kätzchen verstanden es nicht zu trinken. Wir ließen die Schüssel auf dem Boden, vielleicht würden sie in unserer Abwesenheit trinken. „Sie haben wahrscheinlich Angst vor uns," sagte ich, und meine Vermutung beruhigte uns alle. Als wir nach Hause kamen, war die Milch noch unberührt, und das Wimmern der unglücklichen Kätzchen zerriß uns die Seele. : „Herschele, was tun? Du bist der älteste." Aber hier fand auch der gescheite Herschele keinen Ausweg mehr. - „Herschele, sie werden sterben!" „Wozu weinen?" sagte Herschele, aber seine Stimme bebte, und seine eigenen Augen wurden feucht. „Herschele, wie sie sich quälen! Ich kann ihre Qual nicht mehr mit ansehen!" Jossele hob die gefalteten abgemagerten Hände zum Himmel, und mit tränenglänzenden. Augen vergaß er sich ganz im Gebet: „Du Fürst des Alls, Gott der Barmherzige. Gott der Liebende! In Deinen Händen ist Leben und Tod von allem, was da ist . , ." Schluchzen erstickte sein flehend Gebet. „Wozu sollen sie sich umsonst quälen," sagte Herschele mit dumpfer, zitternder Stimme. „Am besten ist es, sie zu ertränken. Sterben müssen sie ja doch. Sie werden wenigstens aushören, sich zu quälen." „Oj! Herschele, was sagst Du! Unsere Kätzchen ertränken! . . . Ich überlebe das nicht! . . . Wir selber! . . . Mit unseren eigenen Händen!? .. ." Und Jossele betet immer weiter. Er schaukelt inbrünstig seinen ganzen Körper und schlägt mit seinen schwachen Fäusten auf seine hohle Brust. Herschele überwindet seine Aufregung und bemüht sich, ganz rnhig zu sprechen: „Jeder wird sein-Kätzchen nehmen, wir tragen sie an den Teich. Wir stellen uns dann mit dem Rücken an das Wasser, damit wir nicht sehen, wie die Kätzchen untergehen, und werfen sie dann über die .Schulter hinweg , . ." „Sie werden winseln, Herschele, ich werde keine Kraft haben, mein Kätzchen zu werfen." „Wir werden laut beten, um nicht zu hören, wie die Kätzchen wimmern." „Herschele, woher hast Du das Herz eines Mörders genommen?" Aber wir sahen ein, daß Herschele recht hatte, nahmen unsere Kätzchen — jeder sein eigenes Kätzchen. Wir liebkosten sie, wir streichelten sie, wir küßten sie zärtlich, und vorsichtig drückten wir sie an uns, aber die Kätzchen wimmerten, und unsere Herzen wollten in Stücke springen. Wir standen am Teiche, wir drehten uns um, jeder sein Kätzchen in den Armen, was für eine lautlose Stille! Wie kummervoll, wie laut schlügen unsere Herzen! .; „Verlaß uns nicht in Deines Liebe in Ewigkeit", fängt ' Herschele das alte Gebet nach uralter Synagogenmelodie zu singen an. Trillernd, ohne Worte, unterstützen und wiederholen wir den Sang. Herschele gibt ein leises Zeichen: die Kätzchen fallen ins Wasser! / f ' Von panischem Schrecken erfaßt, rasen wir wahnsinnig nach Hause. ' / ' Wie die Mutter uns sah, erschrak sie. Unsere Gesichter waren verzerrt, wir konnten kein Wort heraus bringen. Jossele war weiß wie ein Linnen.. „Was ist mit Euch geschehen? Haben Hunde Euch überfallen? Haben Euch Gassenbuben verfolgt?" Wir haben unser Geheimnis nicht verraten, und wir weinten und weinten. Viele Jahre sind vergangen, und ich kann die Kätzchen nicht vergessen. Viele Jahre sind vergangen, und vieles Wasser ist dahingeflossen. Der gescheite Herschele ging übers Meer, um in fremden Landen ein besseres Schicksal zu suchen, einfacher gesagt ... um tägliches Brot zu finden. Mein armer Jossele ist gestorben ... Immer war er ein sieches Kind und barg die Keime der Schwindsucht in sich. Frische Luft und gute Nahrung verordnete ihm der Arzt- Frische Lust in einem kleinen, verseuchten, jüdischen Städtchen, frische Luft, wo eine vielköpfige Familie sich in einem Zimmer und in einer Küche unterbringen muß. Gute Nahrung, wo kaum die Mittel da waren, Brot zu schaffen. Ausgetrocknet ist unser guter, gottesfürchtiger Jossele erloschen, ruhig, ohne Klage. Die Mutter hat alle ihre Tränen ausgeweint über dem Bettchen des sterbenden Kindes. „Mein teueres Söhnchen, mein Kätzchen, mein goldiges Kätzchen, sag> mir, was willst Du? Soll ich Dir eine Kopeke schenken? Willst Du Süßigkeiten? Sprich doch, mein Kleinod, mein Kätzchen!" Aber der sterbende Jossele hatte gar keine Wünsche. Im Fieberwahn murmelte er nur: „Die Kätzchen... Drei Kätzchen ... Arme Kätzchen. Sie sollen nicht wimmern! ... Ruhig, ganz ruhig ... Die Kätzchen weinen" . . . Die Kätzchen waren sein letztes Wort. Und ich . .. Armer Jossele, ich beneide Dich um Dein Schicksal ... Litersrilche Mitteilungen. Mühselige und Beladene. Novellen von Otto Alscher. Verlag von Egon Fleischet & Co., Berlin 1.910. Nicht eigentlich Novellen, sondern Skizzen und Momentbilder aus dem Leben der Zigeuner und der Rumänen. Teils die Feindschaft dieser beiden illustrierend, teils das eigenartige Dasein des. Wandervolkes beschreibend. Oft sind es grausige Geschichten, oft melancholische Darlegungen, die absonderlichen Sitten dieses Volksstamme», seine mächtigen Instinkte, seine starken Laster, Mitunter die empörende Gleichgültigkeit gegen Sitte, Sittlichkeit und Gesetz behandelnd. Der Verfasser besitzt eine ganz merkwürdige Gabe anschaulicher Vorführung fremden Lebens. Kommt auch von Juden in diesem Buche nichts vor, so sei das Werk des außerordentlich talentvollen Verfassers doch auch an dieser Stelle erwähnt, weil iw diesen Skizzen so manches an die'Juden gemahnt: das ewige Wandern, das Bedrücktwerden von seiten anderer Völker, bas Ankämpfen gegen den stummen und lauten Haß, die Sehnsucht, sich anzuschtießen, und die brennende Frage an das Schicksal: warum? L. G. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berli«