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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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Nachts, tagsüber zog sie sie. in eine layge schmale Spalte zusammen. Sie schritt mit fauler, langsamer Grazie herum, faul sonnte sie sich stundenlang. Die Katze war unser Liebling, unser einziger Zeitvertreib, mit ihr brachten wir unsere Freistunden zu. „Herschele, gib mir die Katze! Habe keine Angst, ich werde sie nicht fallen lassen!" „Herschele, gib ihm die Katze!" Pflegte der gute Jossele zu sagen. „Herschele, Du Räuber," brauste ich auf, „gib die Katze her! Gehört sie denn Dir? Setze sofort die Katze auf den Boden, hörst Du, Herschele?".... „Schon wieder mit der Katze! In den Cheder, Taugenichtse!" erscholl die ärgerliche Stimme der Mutter. Eine schallende Ohrfeige. Der betäubte Herschele läßt die Katze zu Boden fallen. Auch wir erhalten jeder einen Puff, und heulend gehen wir nach dem Cheder. — Ob die Katze sich beim Fallen nicht weh getan hat? Ein Lichtstrahl erhellte unser trübes Dasein. Etwas Außerordentliches, etwas Ungewöhnliches, etwas Wunderbares ist geschehen ... An diesem Tage saßen wir im Cheder, ungeduldig, zerstreut, aufgeregt. Das Licht wollte gar nicht bis an den Strich herunterbrennen. Der Rebbe war in besonders schlechter Laune. „Ins Buch schauen, zerstreutes Pack!"' schrie er. Wir waren nicht bei der Sache. Ohrfeigen hagelten, und sie taten so weh! Die Augen wurden naß, aber bald trockneten sie, und erfüllt von freudiger Unruhe vergaßen wir Schmerz und Schmach. „Drei Kätzchen, Herschele," flüsterte ich mit unterdrücktem Entzücken, sobald uns der Rebbe den Rücken kehrte. „Drei Kätzchen'."wiederholte ganz aufgeregt derruhigeJossele. „Drei Kätzchen!" frohlockte Herschele, der sonst immer so ernst war. Wir hatten drei Kätzchen, drei kleine neue Kätzchen. Unsere Katze hatte nachts geworfen. Konnte man da ruhig sitzen und das schwere Buch lesen, wo zu Hause auf dem Boden uns die Kätzchen erwarteten, so klein, so lieb, so süß. Unruhig rückten wir auf den Bänken herum. Unsere kleinen Herzen wollten vor Ungeduld bersten . . . Aber der Rebbe quälte uns unerbittlich, und das Licht wollte nicht bis an den Strich herunterbrenneu. Endlich brannte das Licht herunter, und wir durften nach Hause gehen. Wir wollten nach Hause rennen, aber der Behelfer (Begleiter und zugleich Gehilfe des Lehrers) zwang uns, ruhig und gemessen zu gehen, und der Weg erschien uns unendlich lang. Zu Hause erwartete uns das Abendbrot, das kärgliche Abendbrot einer bis zum Betteln dürftigen, jüdischen Familie. Wir berührten das Essen nicht, wir waren nicht hungrig; unsere Gedanken waren ganz wo anders — wir hatten auf dem Boden drei kleine Kätzchen. Durch die Löcher des alten Daches drangen die Strahlen des Mondes, und es war ganz hell auf dem Boden. Wir hocken ganz erstarrt und verfolgen jede Bewegung der Katze und ihrer Kleinen, sie trägt sie vorsichtig in den Zähnen von einem Platz zum anderen; sie hängen dabei so schwach, so hilflos mit allen vier Pfötchen in der Luft. Sie legt sich dann zu ihnen hin, um sie zu nähren, und gierig drücken sich die kleinen Kätzchen an ihre Zitzen. Satt fallen sie ab und strecken ihre blinden Köpfchen in die Luft. „Herschele, sag. tut es ihnen nicht weh, wenn die Katze sie in die Zähne nimmt und herumträgt?" fragt der mitleidige Jossele. „Oj! Herschele, schau hin, sie sind blind!" „Das schadet nichts," antwortet ernst Herschele, „voriges Jahr hatte unsere Katze auch blinde Junge, aber später fingen sie an zu sehen." Und von unten hörte man die ärgerliche Stimme der Mutter: -- „Schon wieder haben sie mit der Katze zu tun, Sorgen hat man mit ihnen!" — Langsam vergeht die Zeit im Cheder. Der Rebbe ärgert sich über unsere Stumpfheit, Ohrfeigen fliegen, und doch sind wir glücklich, wie wir nie glücklicher sein werden. „Herschele," flüstere ich ihm zu, „wir werden teilen. Jeder wird sich ein Kätzchen nehmen, und jeder wird sein eigenes Kätzchen haben, ja? Herschele, nicht wahr?" Auf dem Heimwege sprechen wir nur von den Kätzchen und der Teilung. „Weißt Du, Herschele, ich werde mich nie von meinem Kätzchen trennen. Wenn ich selbständig werde, wird es bei mir sein, und wenn mir Gott helfen wird, werde ich ihm jeden Tag Milch geben." „Mir scheint," sagte Jossele ernst und träumerisch, „die Kätzchen müssen eine Seele haben, denn sonst könnte man sie doch nicht so lieben." „Noch heute wollen wir die Kätzchen unter uns teilen," bemerkte der praktische Herschele, „jeder soll fein eigenes Kätzchen haben." Wir nahmen die Verteilung vor. Alle Kätzchen waren so lieb und so hübsch, daß dabei kein Streit entstand. Unser Glück dauerte ganze drei Tage. Drei helle Tage für eine ganze Kindheit, ist das nicht zu wenig? Aber dafür kann ich noch jetzt nicht ohne wärmste Empfindung an jene Tage zurückdenken. Die große Katze verschwand plötzlich. Spät kamen wir vom Cheder zurück. Hilflos drückten sich die Kätzchen aneinander und wimmerten wehleidig. Die alte Katze war nicht da. Wir suchten überall, aber vergebens. Bis auf den heutigen Tag habe ich nicht erfahren können, wohin sie verschwunden war. Lange und unruhig saßen wir bei unseren Kätzchen und wußten nicht, was wir anfangen sollten. Morgens fingen wir wieder an, die Katze zu suchen. Wir fanden sie nicht, und die Kleinen wimmerten, es schien uns, als ob sie weinten. „Sie müssen hungrig sein," meinte Herschele, „wer wird sie ohne die alte Katze füttern?" „Sie werden verhungern," sagte ich und blickte Herschele besorgt an. „Arme Kätzchen, goldige, süße Kätzchen." sagte Jossele fast weinend. Diesen Tag saßen wir im Cheder, traurig und niedergeschlagen. „Herschele, Du bist der älteste, Du mußt was erfinden, nu?" Und der gescheite Herschele hatte endlich etwas erfunden. Abends lauerten wir der Katze des Nachbarn auf und brachten sie auf den Boden. Zwei von uns hielten sie, fest, der dritte legte die Kätzchen an, aber die Kätzchen wimmerten wehleidig weiter, die Katze zerkratzte uns die Hände, machte sich los und lief davon. Wir brachten eine schreckliche Nacht zu. Wir hörten das Gewimmer der hungrigen Kätzchen, und wir selbst weinten, den Kops in den Kiffen vergraben. Herschele fand einen neuen Ausweg — die Kätzchen mit Milch zu füttern. Wir zählten unsere Reichtümer nach. Herschele und Joffele hatten jeder zwei Kopeken, ich hatte nur eine, die andere hatte ich für Süßigkeiten ausgegeben. Wir beschlossen.

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