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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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Die Winde sind nach diesen Systemen eingeteilt, und die Hebräer schreiben jedem Winde besondere Eigenschaften zu. Regen, Hitze, Dürre und Kälte, das sind die Haupteigenschaften. Und deshalb sagt Wagner im „Faust", indem er die Winde als Geister personifiziert: „Von.Norden dringt der .scharfe Geisterzahn Auf Dich herbei, mit pfeilgespitzten Zungen; Von Morgen ziehn vertrocknend sie heran Und nähren sich von Deinen Lungen; Wenn sie der Mittag aus der Wüste schickt, Die Glut auf Glut um Deinen Scheitel häufen. So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt, Um Dich und Feld und Aue zu ersäufen." Vom täglichen Lauf der Sonne und des Mondes hatten die Hebräer eine klare Vorstellung; jedoch die Sonnen- und Mondfinsternisse waren ihnen nicht bekannt. Sie wußten nicht hre Ursachen und faßten deren Eintreffen als ein göttliches Strafgericht auf. (Vergl. Joel 3, 3 bis 4 und Amos 8, 9.) Die astronomischen Kenntnisse der primitiven Völker waren sehr begrenzt; doch waren ihnen der Große Bär, der Orion und die Gruppe der Plejaden bekannt. Eine Bezeichnung befindet sich in der Bibelnurfür sechs Sternbilder, und zwar: der Große Bär, der Kleine Bär, Orion, die Plejaden, die Hyaden und die sogenannten „Kammern des Himmels" — lön (Vergl. Hiob 9, 9; 37, 9 und 38,31; Amos 5,8.) Nicht richtig ist die Erklärung zu „<;eba basobamajim" — „Heer des Himmels" I. Könige 22, 19 und II. Ehr. 18, 18 und andere. — Der Verfasser ist der Ansicht, daß das „Heer des Himmels" zur Klaffe von Gestirnen gehören müsse, deren Anbetung die Assyrer und Babylonier die Hebräer lehrten. Nun steht aber vor überall das Kollektivum bsb .= alle, ganze, das eine Verehrung»der Sternenwelt überhaupt andeutet, nicht aber eine bestimmte Sternengruppe allein. Auch in der Weissagung des Propheten Michijahu (I. Könige 22, 19), die also beginnt: „Ich sah den Herrn auf seinem Throne sitzen und das „ganze Himmelsheer" gu seiner Rechten und Linken bei ihm stehen", will Schiaparelli den Einfluß der babylonischen Theologie erkennen. Man sieht den Grund zu dieser Annahme weder hier noch an anderen Stellen ein! Von den Planeten lassen sich nur zwei im Alten Testament Nachweisen, und zwar: Venus, hebräisch Mazzaroth — rrHTft (Hiob 38, 32) und Saturn, hebräisch: Kijjün oder Kevän — (Amos 5, 26). „Doch ist es nicht ausgeschlossen, daß dieHebräer eine vollständige Kenntnis der Planeten besaßen." Der astrologische Aberglaube hat beim biblischen Israel vielfach Eingang gefunden, aber er war nur eine jeweilige Stimmung des Volkes gewesen, verschwand immer schon nach kurzer Zeit. „Es ist," schreibt Schiaparelli, „keine kleine Ehre für dies Volk, daß es die Nichtigkeit jener und aller modernen Arten der Divination erkannt hat. Der große Prophet des Exils (Deutero Jes. 47, 13) wirst sarkastisch den Babyloniern vor, daß sie auf die Zerleger des Himmels die Astrologen) ihr Vertrauen setzen und in den Sternen die Zukunft zu lesen versuchten; während Jeremia 10, 2 ausruft: „Zittert nicht vor den Zeichen des Himmels, weil die Heideuvölker vor ihnen zittern!" „Der Verlauf der Geschichte beweist, daß die Mahnung ihren Erfolg hatte. Von welchen anderen der Naturvölker kann man ähnliches sagen?" Die letzten drei Kapitel der „Astronomie des Alten Testaments" enthalten eine eingehende Untersuchung über die Einteilung der Zeit bei den alten Hebräern. Der Verfasser bietet in vorliegender Untersuchung manches Neue und Interessante, und jedem, der-über die astronomischen Kenntniffe der alten Hebräer eine klare Vorstellung haben will, dein bietet vorliegendes Buch die beste Gelegenheit. . Die klare und kritische Behandlung des Stoffes und die Tatsache, daß der Autor in vorliegender Untersuchung auch die neuesten Ergebnisse der Keilinschriftforschung geschickt verwertet hat, sichern dem Buche wie dem Autor selbst einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der alttestamentlichen Wissenschaft. ' ' ' Die Lätzchen. Aus dem Leben jüdischer Kinder. Erzählung eines meiner Bekannten. Von M. Berlin. Aus dem Russischen übersetzt von Dr. G. I. v. Rosenberg. i^^ch hatte eben das sechste Jahr vollendet, Joffele> mein \ zweiter Bruder, war ein Jahr älter, mein ältester Bruder Herschele war volle acht Jahre alt. Wir alle hatten schon die Last des Lebens erkannt, und. wir saßen alle abgemagert und blaß, gekrümmt über den großen Büchern im dumpfen Cheder, des Lichtes und der Luft beraubt. Neben uns saßen ebenso kleine Kinder wie wir, mit großen, ernsten Augen, mit durchsichtigen, welken Gestchterchen. Kinderspiele waren uns unbekannt, wir wußten nichts von kindlichem Frohsinn, wir kannten das sorgenlose Lachen nicht. Wir waren schweigsam, in uns gekehrt, verzagt. Es schien, als ob wir schon früh für die trostlose Zukunft, die uns erwartete, vorbereitet würden. So eingeschüchtert und verhetzt wir aber auch waren, manchmal drang doch der Kindertrotz, das kindliche Aufflammen bei uns durch. Ermüdet und kraftlos wollten wir doch tollen und scherzen wie Kinder, weil wir Kinder waren. Aber eine rauhe Hand dämpfte sofort unseren unschuldigen Drang. „Fort in den Cheder, Taugenichtse, Tagediebe," schrie und tobte unsere Mutter, und teilte manchen Puff aus. Sie j konnte unsere Kinderseele nicht verstehen. Immer von Kummer niedergedrückt, immer in Sorgen ums tägliche Brod, verstand sie es nicht zu herzen und zu liebkosen. Ich sage das nicht, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen — auch ohne Zärtlichkeiten liebte sie uns mit aller Kraft ihrer blutenden Seele. Und als unser armer Bruder Jossele erkrankte, wo fand sie die guten Worte und Zärtlichkeiten her. Und als er starb, unser unglücklicher kleiner Bruder, welche wahnsinnigen Tränen weinte sie über ihn. welch trostloser Jammer entfärbte vorzeitig ihr altes Haupt. Kalte düstere Kindheit; trübe, freudlose -Jugend. — Ohne herzbeklemmende Traurigkeit kann ich nicht an Euch denken . . Ihr spiegelt Euch in meiner Phantasie, erfüllt von mürrischer, die Seele zerreißender Poesie. .. Ein niedriges schmutziges Zimmer .. . Der Rebbe — ein rauher Greis mit langem weißen Bart... Wir Kinder, müde und hungrig, psalmodierten unsere Aufgaben ... Auf dem Tische brannte ein dünnes Licht. Mit verzehrender Ungeduld schielten wir jeden Augenblick hin. Nach dem Lichte berechnete der Rebbe die Zeit — er hatte mit hartem Nagel einen Strich darauf gezeichnet. Noch einige Augenblicke und das Licht brennt bis. an den Strich herunter; die Stunde ist zu Ende, und die Jungen gehen.nach Hause. Wir hatten eine Katze, eine große weiße Katze mit dunklen Flecken. Ihre Augen waren grün, und sie leuchteten. des

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