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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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auch den Juden gegenüber stets als edler, hochherziger Fürst und vornehmer Mensch gezeigt hat, tat vor einigen Wochen den Spruch: „Es gibt in der ganzen Welt kein freieres Volk ' als das bayerifche.7 Ist dieser Spruch wahr, dann ist Herr ' Staatsrat v. Lössl, der Held dieser Tragikomödie, wenig bayerisch. Natürlich hat dieser Herr, wie er mir versichert, nicht auf den ÄVink Rußlands gehandelt, sondern die russische Aufschrift der Fahne, auf dem Bilde offenbarte sich ihm Plötzlich, wochenlang nach der Eröffnung der Ausstellung, in ihrer ganzen furchtbaren Gestalt, und da Mußte er zum Schutze der „freien Kunst" die Entfernung schleunigst betreiben. Das Bild ist -blutig/und ein bayerischer Staatsrat kann kein Blut sehen, nicht einrnal gemaltes. lind so ein Ttaatsrat findet auch Mit scharfem Sinn Tendenzen, die dem Maler selber fernlagen. Er ist eben ein feiner Kunstkritiker und weiß alles — um mit Goethe zu sprechen — unterzulegen, wo nichts anszulegen ist. Der-Maler wird jetzt das Bild noch leichter verkaufen als früher, und auch als Künstler hat ihm die Sache gewiß nicht geschadet. Als Moses Mendelssohn zum Mitglied der Akademie gewählt und vom König nicht bestätigt worden ist, sagte er: /Hätte mich der König vorgeschlagen und die Akademie abgelehnt,' dann wäre ich wohl beleidigt." Der Maler v. Fabianski kann dasselbe von sich sagen. Für München aber bildet die Sache eine ewige Blamage. Münchener Künstler in devoter Stellung vor einem russensreundlichen bayerischen Staatsrat, das ist eine Karikatur für den „Simplicissimus". Nächstens wird man als besondere Münchener Artikel im Fremdenführer aufführen: Historisch bedeutende leere Stellen im Glaspalast, die patriotisch-russisch leuchten, Münchener Künstler in Wadelstrümpfen mit dem Maßkrug in der Hand, blutscheue Ministerialdirektoren, alkohölfeindliche Bürger, tugendhafte Kellnerinnen, Schwabinger Dichterlinge und schlotternde Malweiber. Ich hätte auch noch den jüdischen Jndifferentismus mitgezähltaber — das ist leider kein spezifisch Münchener Artikel.! Giovanni Virginia Schiaparrlli. ■ Von Tr. Benno Heisz-Sisfek. . it dem Tode Schiaparellis hat die astronomische Wissenschaft einen großen Verlust erlitten. Einer ihrer größten war er, Bahnbrecher und Entdecker auf astronomischem Gebiete. Namentlich waren es der Mars und die Kometen, auf die er seinen erfinderischen Geist und den astronomischen.Refraktor richtete. Die Bahnen des Himmels waren Schiaparelli so bekannt wie die Straßen von Mailand, wo er seit dem Jahre 1862 . Direktor des dortigen Observatoriums war. Schiaparelli befaßte sich viel mit der Bibel. Sein allerjüngstes Werk war „I/Asironomia neH’ Antico Testamento“. — Die kritische Besprechung dieses Werkes sei ein Kranz aus das frische Grab dieses großen Astronomen gelegt. Hellas, Rom und Juda, die die mächtigen Kulturträger der antiken Welt waren, haben aus dem Volksgeiste heraus Weltanschauungen geschaffen, die, wenn sie sich auch gegenseitig ausschließen, am letzten Ende doch eine Harmonie bilden. Hellas ist der Träger der philosophischen Weltanschauung und der Kunst; Rom ist Begründer der rechtlichen Kultur, und Juda —„seine eigene Anlage und der. Lauf der Ereig-; nisse machten es dafür fähig zu der nicht minder wichtigen; Missiondas relig iö se Ge füh l zu reinigen und dem Mono-; theismüs die Wege zu bereiten". Man'darf aber nicht glauben, daß die Hebräer gegen die Naturereignisse und ihre Gesetze gleichgültig waren. Sie haben versucht, in ihrer Weise sich von den wunderbaren Natnrschauspielen Rechenschaft zu geben; sie waren bestrebt, die astronomischen und kosmologischen Gesetze kennen zu lernen. Eine Fülle von diesen astronomischen Ergebnissen sind uns im Alten Testament aufbewahrt. Den astronomischen Beweisführungen schickt Schiaparelli im ersten und zweiten Kapitel seines Buches eine kosmologische Betrachtung voraus, deren Hauptquelle die Kapitel 38 und 39 im Buche Hiob sind. Hier wird Gott selbst redend eingeführt, um Hiob zu überführen, daß er unrecht hat, sich über sein Unglück zu beklagen. „Und zu diesem Zwecke führt er ihm der Reihe nach die großen Geheimnisse der Natur vor Augen, damit sich Hiob von der eigenen Torheit und der eigenen Nichtigkeit überzeuge." — Vornehmlich auf Grund dieser Kosmologie in Hiob baut Schiaparelli seine „Astronomie im Alten Testament" auf. Die Frage ist aber, ob man von der poetischen Anschauung eines Dichte.rs auf die Vorstellung des gesamten Volkes und der gesamten Literatur schließen darf. Auch scheint uns die Ansicht des Verfassers, daß die Kosmologie im allgeinen bei allen biblischen Schriftstellern einen „gemeinsamen Typus" haben, fraglich, denn die kosmologische und astronomische Anschauung der Genesis und des Verfassers des Buches Jos.ua z. B. ist eine ganz andere, als die des Koheleth. Denn während Koheleth von der ewigen Konstanz der Naturgesetze spricht (1, 4 bis 9), erzählt die Genesis (7,21 bis 23) von der Vernichtung des ganzen Naturwesens; und Josua (10, 12 bis 13) läßt den Lauf per Planeten durch ein Machtgebot einer gottbegeisterten Persönlichkeit zum Stillstände bringen. Der gemeinsame Zug bei allen biblischen Schriftstellern liegt darin, daß sie von Anfang an die Betrachtung der kosmologischen und astronomischen Erscheinungen zu den Ehren der Po esie erhoben. „In keiner der alten Literaturen hat die Natur den Dichtern so reichliche und lautere Quellen der Begeisterung gespendet." Alexander v. Humboldt schreibt über diesen Gegenstand in seinem „Cosmos" (Band 2) folgendes: „Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesie der Hebräer, daß, als Reflex des Monotheismus, sie stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfaßt, sowohl das Erdenleben als die leuchtenden Himmelsräume. Die Natur wird nicht geschildert als ein für sich Bestehendes, durch eigene Schönheit Verherrlichtes; dem hebräischen Sänger erscheint sie immer in Beziehung aus eine höher waltende geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffenes, Angeordnetes, der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der Sinnenwelt. Deshalb ist die lyrische Dichtung der Hebräer schon ihrem Inhalte Nach großartig und von feierlichem Ernst." - Von der Gestalt der allgemeinen Anordnung der sichtbaren Welt hatten die Hebräer ungefähr dieselbe Vorstellung, die wir fast bei allen antiken Völkern finden. Wie Himmel, Erde und Mond, hat auch der'Abgrund — BWl — seine Grenzen. Im tiefsten Teile des Abgrundes befindet sich die Scheöl, der Ort, an dem die Dahingeschiedenen als Schatten wohnen, aus dem man niemals zurückkehrt; analog dem Hades der Griechen, dem Orkus der Lateiner und dem Aralü der Babylonier. — „Kein hebräischer Dante hat die Beschreibung dieses Ortes geliefert" — doch die Mystik kennt den Ort und beschreibt ihn mit dantischen Farben. Ueber die Orientierung am Horizont wird in der Bibel vielfach berichtet. Es sind drei Richtungssysteme, von denen jedes auf. ein bestimmtes Prinzip gegründet ist.

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