Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Taten solcher ungesitteten und unwürdigen Menschen fähig gehalten zu wexden." / .7 Den - Widerspruch - dieser unumwundenen Erklärung mit der Anerkennung von Grattenaüers großem, schriftstellerischem Talent und dem Zugeständnis, daß alle seine Beschuldigungen auf : Wahrheit beruhen, kann man nur dadurch lösen, daß man auf die Duplizität und Charakterlosigkeit des geistig so hochstehenden^ Schriftstellershinweist. Gentz, der ausgesprochenste Judenfeind, der in seinen Briefen seinen Haß so unumwunden zum Ausdruck brachte, wollte-eben wegen seiner pekuniären Verpflichtungen gegen einige unter ihnen, öffent° lich einanderer scheinen, als er wirklich war. Es ist unsäglich traurig zu konstatieren, daß auch dieser Mann, der glänzendste deutsche Publizist jener Zeit, der mit den edelsten und besten/ den gebildetsten und geistreichsten Juden und Jüdinnen jener Zeit verkehrte, so wenig Verständnis für ihr Wesen, so geringe Einsicht in ihre Entwicklung besaß, daß er, der sich von so vielen Vorurteilen seiner Epoche befreit hatte, noch' durchaus in den Vorurteilen einer vergangenen Epoche gegen Juden und Judentum steckte. Ludwig Geiger. Münchener Olaudrrri. Von Fabius Schach-München. (Nachdruckverboten.) un ist für München die Hochsaison gekommen, und die Fremdenindustrie —wie das abscheuliche Wort lautet — blüht. Es ist dies eine erfreuliche Zeit für 'München, aber nicht für den Münchener. Denn was ein richtiger Oberbayer ist, haßt den „Preußen", aber sein Geld nimmt er gern. Ja, es gibt treue Stammgäste im Hofbräuhaus, die während der Fremdenzeit ihrer Lieblingsstätte fernbleiben, weil es ihnen da „zu sehr preißisch riacht". Ueberall, wohin sich das Auge wendet, lauter Fremde, in allen möglichen Trachten und Farben, und sieht man einen recht oberbayerisch zugestützt, dann ist es — ein Berliner. Natürlich sind unsere, Juden unter diesen Fremden stark vertreten. Man merkt es daran — von äußeren Merkmalen abgesehen — daß sie am wenigsten trinken und am meisten Prechen, Der Jude ist und bleibt das geselligste Exemplar, hm ist die Unterhaltung ein inneres Bedürfnis, das Trinken nur ein Mittel zum Zweck. Dem echten Münchener aber ist alles nur ein Mittel zum Trinken. München hat viel Anziehendes für den Norddeutschen, am meisten aber für den -Juden, weiler es hier gemütlich findet, weil er hier den äußeren Kulturmenschen wenigstens für kurze Zeit abstreifen darf. Wir Juden kranken ja am meisten an der Ueberkultur. Wir sind Großstädter, und unser Berufsleben verzehrt die Nerven gar zu sehr. München ist für manchen Juden, genau wie das Judentum — eine Durchgangsstation. Er versucht dann zu steigen — manchmal, um dann jäh abzurutschen. Der Unterschied besteht nur darin, daß man sich gern rühmt, in München gewesen zu sein, während man in den „vornehmen" Kreisen alle Mühe darauf verwendet, vergessen zu machen, daß man Jude war. Das Mittel hilft freilich sehr selten, denn gerade an der „vornehmen" Verachtung für alles Jüdische erkennt man den Renegaten. Ich glaube, der Renegat wird bald einen Typus im modernen, großstädtischen Gesellschaftsleben ' bilden, einen psychologisch ungemein interessanten, aber menschlich sehr unsympathischen Typus. Für mich ist es immer sehr lehrreich',! wenn ich -höre, wie die christlichen 'Beamten, sich von ihren getauften jüdischen Kollegen unterhalten. Ich wünschte nur, daß diese Objekte der lustigen Unterhaltung einmal mit eigenen Ohren ihr Urteil hören möchten. Es ist doch merkwürdig, daß diese Renegatenmehr vom denen gehaßt und verachtet werden, zu denen sie sichdemütig flüchtenals von jenen, die sie arrogant verlassend Unter den Sehenswürdigkeiten des schönen München wird im offiziellen. „Führer" auch die Synagoge aufgeführt, und viele sehen sich auch das'Innere dieses Gotteshauses gegen Entree an. Nun macht die Münchener Synagoge gewiß einen imposanten, wenn auch nicht gerade warmen Eindruck. Aber — das kann man ja Freitagabend und Samstag viel billiger haben und dazu noch den herrlichen Vortrag eines berühmten Altmeisters des modernen und doch echt jüdischen synägogalen Gesanges und eines ausgezeichneten ChorA Auch den Reiz einer leeren Synagoge kann man schließlich an den Sommersabbaten genießen. Oder sollte das einen Anziehungspunkt bilden, daß man inmitten der Woche keine Predigt zu hören braucht? Auch das wäre für München, das einen der hervorragendsten Känzelredner besitzt/ -gänzlich unbegreiflich. Es will mir scheinen, daß man sich nur därnm die Synagoge als Sehenswürdigkeit inmitten der Woche gern aNsieht, weil man sich dem führenden christlichen Häusmeister gegenüber nicht „erkennen zu geben" braucht. Für diesen hohen Genuß ist allerdings 50 Pfennig nicht zu viel. — Wir fangen heute an, Schönheiten in der Synagoge zu suchen, vielleicht nur darum, weil unser Empfinden kalt und kritisch geworden ist. Die Alten haben es nicht getan, für sie war das Gotteshaus der Inbegriff alles Hohen, für sie war das Judentum wie für das Kind seine Eltern, unvergleichlich, es schloß alles in sich. - * München ist die Stadt der Künste. Das spricht einer dem andern nach, ohne sich dabei etwas zu denken. Nun hat München wunderbare Kunstschätze, herrliche Gebäude, , wundervolle Brunnen, und unvergleichliche Straßenperspektiven. Aber kaum fünf Prozent aller Durchreisenden gehen in die Pinakothek, Glyptothek oder in die Ausstellungen. Der eigentliche Münchener hat erst' durch die jüngsten parlamentarischen Debatten über die Gebühren für den Eintritt in die Kunstpaläste erfahren, daß da auch was zu sehen ist. Für ihn ist das Bier und nicht die Kunst das Lebenselement. Der Fremde bewundert pflichtschuldig das Münchener Bier, aber sehr ernst ist es ihm auch damit nicht, denn gutes Bier' gibt es heute schließlich überall. Nein, was den Fremden , hier anheimelt, ist die gemütliche, natürliche Lebensweise des Oberbayern. München ist unter den Großstädten Deutschlands die einzige, die sich ihren Charakter bewahrt hat, und in der noch ein Stück Natur lebt. Und das übt gerade auf uns moderne Menschen einen gewaltigen Reiz aus. Für den Fremden bildet die erste Kulturstätte Münchens das Hofbräu haus, die zweite das sehr prunkvolle-Cafe Luitpold, und ist das Wetter gat zu schlecht, dann geht er allenfalls in den großen Glasklumpen, den man ironisch Glaspalast nennt, für eine Stunde hinein. Diesmal findet er darin eine besondere Berühmtheit,' eine leere Stelle an der Wand. Und diese bloße Stelle bildet eine Blöße der bayerischen Regierung und der Münchener Kunstgenossenschast Es ist die Stelle, wo früher das Bild des polnischen Malers v. Fabianski, „Pogrome", hing, das man zur Rettung des Vaterlandes erbarmungslos entfernt hat. Es ist eine Schande, daß die bayerische Regierung den russischen Hoflakaien spielt, Und es ist eine Schmach, daß die Ausstellungskommission sich diese Be vormundung gefallen ließ. Prinz Ludwig/ der sich