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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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^^">-?-^!-7^ r^.^^^!--^- r-.c-.i-v' r^Sv**36-'-* 415 Gentz, herausgegeben von F. C. Wittichen, München 1910, Band 2) die kleine Levy, oder kurzweg die Kleine, benennt. Aber auch von ihr spricht er meist ganz kurz, etwas ausführlicher erwähnt er Madame Levy, die bekannte Sara Levy, die Ende des 18. und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhundertsein großes Haus machte, und ihre Schwester Madame Ephraim, über die man jüngst durch Chamissos Briefe nähere Aufklärungen erhielt. Diese beiden Frauen bezeichnet er als die „einzigen Juden, die er liebe". Er „dürste", wie er einmal schreibt, „nach einem Briefe von ihnen", und sagt ein andermal, „diese beiden trefflichen, braven und liebenswürdigen Frauen, denen ich die Freundschaft, die sie mir im vorigen Sommer erwiesen haben, nie verdanken kann" (verdanken, steht hier merkwürdigerweise in der Bedeutung: vergelten; ein eigentümlicher Sprachgebrauch). In Wien, wo Gentz seit dem Jahre 1803 bis zu seinem Tode lebte, war er ein Stammgast in den jüdischen Häusern Eskeles und Arnstein. Während er die erstere (beide sind Töchter des bekannten I. D. Jtzig aus Berlin) zu schätzen weiß, ist er gegen die letztere sehr streng. Man ist gewohnt, die Gesellschaft im Arnsteinschen Hause als die vornehmste und feinste des damaligen Wien zu betrachten; mit dieser Auffassung, die freilich für die Zeit des Wiener Kongresses gilt, kontrastiert Gentz Schilderung von der Oede des Arnsteinschen Salons und der Unbedeutendheit oder Unwürdigkeit der Persönlichkeiten, die dort verkehren. Noch schlimmer als über Frau Arnstein spricht Gentz über deren Tochter Henriette, und deren Gatten Pereira; der enthusiastischen Schilderung dieses Paares, die sich z. B. in den verzückten Briefen des jungen Körner finden, widersprechen die gehässigen Darlegungen unseres nüchternen Beobachters durchaus. Eine einzige Frau in Wien, auch sie von Juden stammend, wird von Gentz gelobt: es ist die bekannte schöne Frau Marianne von Ehbenberg, geborene Meyer. Der Verkehr des Publizisten mit dieser schönen, vielbegehrten Dame war ein so inniger, daßman in manchen Kreisen Wiens und auswärts von einer Verehelichung der beiden redete. Das Gerücht war so stark, daß Marianne es für nötig hielt, Goethe, dessen Gunst sie gleichfalls besaß, zu berichten, daß Gentz nur kameradschaftlich mit ihr verkehre und in ihr nur den guten Gefährten, nicht aber die Frau sehe. Gentz selbst spricht von ihr mit den Ausdrücken höchster Anerkennung. Er nennt sie einmal „meinen Trost, ineine Freundin, meine Stütze" und sagt ein anderes Mal „wenn auch nicht unmittelbar dem Höchsten verwandt, erinnert sie doch sehr glücklich an das Höchste und versteht übrigens alles". Im Gegensatz zu dieser wenigstens halben Anerkennung jüdischer Frauen steht seine scharfe Wendung gegen Männer, die dem Judentum angehörten oder wenigstens entstammten. An keinem läßt er ein gutes Haar. David Veit, der ihm als Günstling der Rahel nicht unsympathisch war, wird von ihm einmal spöttisch „Mon David“ genannt; von demselben sagt er, „doch würde es mich freuen, wenn der Doktor Veit besser deutsch, als sein letzter elender Brief im „Journal Frankreich" verriet, gelernt hätte". Noch viel schärfer spricht er über den Geheimrat Ephraim, den etwas aus der Art geschlagenen Sohn des bekannten Münzjuden, der als Diplomat eine selt° same Rolle spielte. Des Genannten Schrift über seine Gefangenschaft wird einmal 1806 folgendermaßen charakterisiert: „Ihr Jude Ephraim war mir ein Lebensbalsam, weil er mich — und auch jetzt noch — so zum Lachen bringt, daß es mir . scheint, als wären die ganzen Königsproklamatiouen und alle anderen Freveltalen dieser unerhörten und unglaublichen Zeit nur Träume einer -fieberhaften Qual" Womöglich noch ärger wird über Jacob L. Salomon Bartholdy zu einer Zeit geurteilt, als der Genannte, später Christ, noch Jude war (1804). „Dieser Bube, hat ohne allen Streit, Verstand — das ist aber die Todsünde der Juden. Verstand Haben sie mehr oder weniger alle; nur der soll noch geboren werden, in dem ein Funke von Gemüt, ein Funke wahren Gefühls zu finden wäre. Der Fluch, der über sie ausgesprochen ward und der sie verfolgt bis ins zehntauseudste Glied, ist eigentlich der, daß sie zu ihrer und der Welt Plage aus der Sphäre des Verstandes im engeren Sinne des Wortes nie heraus können, sondern sich darin herumdrehen müssen, bis ihre schwarzen Seelen zur Hölle fahren. Darum sind die Ungeheuer auch allenthalben, wo der Verstand, der blöde und frevelnde Verstand sich anmaßt, allein zu regieren, auf ihrem wahren Felde; geborene Repräsentanten des Atheismus, des Jakobinismus, der Aufklärerei usw. Noch nie hat ein Jude ernsthaft an Gott geglaubt! Noch nie hat eine Jüdin — ich spreche ohne alle Ausnahmen — die wahre Liebe gekannt! Alles Unglück in der modernen Welt kommt, wenn man es bis in seine letzten Gründe verfolgt, offenbar von den Juden her; sie allein haben Bonaparte zum Kaiser gemacht; sie allein haben den Norden Deutschlands mit so schmählicher Blindheit geschlagen, daß Villers' Preisschrist dort für ein kanonisches Buch gehalten wird! — Aber genug von diesen Kannibalen." Es lohnt sich nicht, diese törichten Exklamationen ernstlich zu widerlegen. Am schlimmsten kommt unter den Juden der wackere Markus Herz fort. Gegen diesen trefflichen Mann und seine ausgezeichneten Leistungen kann Gentz allerdings nichts ernsthaftes Vorbringen; aber da er ihn einmal zu erwähnen hat, so meint er, er könne den Gedanken nicht ausdenken, daß Herz, eben weil er Jude ist, zwischen Börhave und Buffon gestellt werden sollte. Nun ist es besonders interessant, wie sich Gentz über die bekannten antisemitischen Grattenauerschen Schriften (1803 ff.) ausspricht. Er redet sehr ausführlich von ihnen, bewundert ihren Witz, gibt ihm in der Sache recht, nennt sie geradezu meisterhaft geschrieben, wird bei ihrer Lektüre an den Lessingschen Stil erinnert und glaubt konstatieren zu dürfen, daß der Schlag, den die Juden dadurch erlitten, sehr ernsthaft und mächtig gewesen ist. Um so auffälliger ist es daher, daß er allerdings, ehe er die Schriften gelesen hatte, seinen schon oben genannten Freund Brinckmann autorisiert, in den Berliner Zeitungen zu erklären, daß er (Gentz) in keiner Weise an diesen Grattenauerschen Schriften beteiligt sei. Eine solche Vermutung war vielleicht öffentlich irgendwo ausgesprochen worden, privatim, besonders in'den Kreisen der Juden, mag sie durch den Umstand hervorgerufen worden sein, daß Grattenauer Gentz' Anwalt war, namentlich in seinen verwirrten, pekuniären Verhältnissen ihn zu vertreten hatte. Einen solchen Verdacht zu entkräften, war des Publizisten eifriges Bemühen, er schrieb daher: „Den Verdacht an seinen infamen Scharteken^den entferntesten Teil zu nehmen, ertrage ich nicht. Ich bitte Sie daher inständigst, so allgemein, so laut und so nachdrücklich, als es Ihnen nur immer möglich ist, zu erklären, daß ich bis jetzt von der Grattenauerschen Schrift nicht einen Buchstaben gesehen, daß ich von der Existenz derselben, von der Erscheinung der mit den bekannten Lettern gedruckten großen Anzeige keine Kenntnis, keine Ahnung gehabt habe, daß ich, weit entfernt, diese Schrift jetzt oder künftig zu beschützen, sie zum voraus mit allen Kräften meiner Seele mißbillige, verwerfe und verstoße, und daß ich es durch keine meiner gegenwärtigen oder vergangenen Handlungen um das Publikum verdient zu haben glaube, der Teilnahme an solchen pöbelhaften Produkten und überhaupt an den Schriften und

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