Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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414!'#• i( Breslau erfolgte und der Streit mit Tiktin die Geister in höchste Spannung versetzte, da ward er die leitende Persönlichkeit und der Mittelpunkt der ganzen Reformbewegung. Während er aber für stetigen Fortschritt und ungehemmte freie Forschung kämpfte, unterließ er es nicht, das Prinzip der historischen Kontinuität bei jeder Gelegenheit zu betonen. Er wollte eine ruhige Evolution, keine stürmische Revolution. Er wollte ein gesundes Wachstum des Ganzen; nicht ein Losreiben von demselben, das die Entwicklung benachteiligen muß; kein Schisma, keine Trennung. Er bestand auf seinem Titel als Rabbiner und wollte kein Reformprediger sein, noch hielt er es für vollgültig, der Führer eines ausgesprochenen Reformtempels, „eines Oppositionsinftituts" wie er es nannte, zu sein, oder einer Sonntagsgemeinde. Er liebte Holdheim ob seines Freimuts und seiner Wahrheitsliebe und hielt die Leichenrede über ihn; aber er bekämpfte seine radikalen Ansichten, mißbilligte „sein unhistorisches Verfahren" und lehnte es ab, sein Nachfolger zu werden, wie er von Anfang an diesen Posten anzunehmen sich geweigert hatte. Während von gewisser Seite die Reformrabbinen des Liebäugelns mit der Kirche geziehen worden, war Geiger der ausgesprochenste, beharrlichste und gefürchtetste Gegner des offiziellen Christentums, Er opponierte der Sonntagsfeier an Stelle des historischen Sabbat, weil er darin eine gefährliche Konzession an die Kirche erblickte. Keiner bestritt der Kirche das Recht, für sich den Titel einer neuen und höheren Wahrheit zu beanspruchen als die das Judentum lehrt, mit so mächtigen Waffen als er. Keiner forderte die Autoritäten der Christenheit aller Schattierungen in so kühner Sprache heraus, ihre anmaßenden Behauptungen betreffs der Geringwertigkeit des Judentums auf Tatsachen zu stützen, als er. Ihm war das Judentum nicht eine, sondern die Wahrheit, nicht ein System toter Glaubens- oder Uebungsformen, sondern sich stets neu entfaltendes und reisendes Geistesleben, das in steter Entwicklung, in stetem Fortschritt begriffen ist, bis sein Gedankengehalt in die Gesamtmenschheit eingedrungen ist, um also das messianische Ideal zu verwirklichen, ein Entwicklungsprozeß, der vom Geist der Geschichte in Bewegung gehalten wird, dem Gottesgeist, der die Menschheit durch die verschiedenen Jahrhunderte leitet und ihrem Ziele zulenkt. So geht er denn auch in seiner Begründung der Notwendigkeit moderner jüdischer Lehranstalten, für die er zuerst die Anregung gab, mit dem engherzigen Seminargeift, der der freien Forschung Dämme setzen will und die Unehrlichkeit der Gesinnung und das Versteckensspiel der Kasuistik an die Stelle der strengen Wahrheitsliebe setzt, scharf zu Gericht. Nur eine Lehranstalt, die mit dem Geist freier Forschung, wie er auf den Universitäten herrscht, in engster Berührung bleibt, hebt und verkörpert in Wahrheit den jüdischen Gedanken, sagt er. Besonders beherzigenswert ist folgender Ausspruch: „Eine Religion der Minorität, eine Religion, die nicht im ganzen Staatsleben wurzelt, so daß sie von diesem getragen wird, die nur aus sich selbst ihre Nahrung zieht und um erhöhten Einfluß ringen muß, erhält sich nur, wenn sie sich auf der Höhe des geistigen Lebens erhält, wenn sie vorangeht im Kampfe der Geister, wenn sie durch Gediegenheit und Innerlichkeit die Gemüter festigt, durch Wissenschaftlichkeit und Freiheit auch die Geister der außerhalb stehenden bewältigt." In seinem geschichtlichen Ueberblick des mittelalterlichen Judentums sagt er: „Das Judentum ist keine Tragödie, nicht ein Ding, über das man weint. Auch die Tragik des Mittelalters umschließt eine große Idee. Das große Drama der Geschichte ist nicht abgeschlossen. Nur der letzte Akt entscheidet, und wir leben und hoffen und warten. Frohe Zuversicht muß daher in der Synagoge und im jüdischen Gebet erklingen."; Das waren die Grundideen Geigers, der im gesamten modernen Judentum, auch im konservativen, und was es seither geschaffen, fortlebt. Ohne Geiger hätten weder Frankel noch Graetz das leisten können, was sie geleistet. Selbst das Bedürfnis einer Neubelebung häuslicher Andacht im jüdischen Kreise übersah Geiger nicht. Ja, Neubelebung. nicht Wiedererstehung des Toten wollte er. Es ist mir nicht mehr gestattet, auf das einzugehen, was er als Prediger geleistet, und er war ein mächtig begeisternder Kanzelredner; oder als Reformer im Kultus, als Historiker und Kritiker, oder als Uebersetzer der mittelalterlichen Dichter und Schriftsteller, und er besaß einen wahrhaft klassischen Stil, ob er deutsch oder hebräisch schrieb; oder schließlich als Lehrer und Theologe an der Berliner Hochschule. Genug, an Fruchtbarkeit und Reichtum des Geistes, an wissenschaftlicher Tiefe und Genauigkeit, an Umfang des Wissens und des Gesichtskreises wie an unermüdlicher Arbeitskraft und Arbeitslust hatte er kaum seinesgleichen; man müßte dann schon auf Maimonides zurückgehen als einen ihm Ebenbürtigen. Es gab wohl kein Gebiet der Literatur und der Forschung im ganzen Bannkreis des Judentums, das er nicht bereichert, vertieft und erweitert hätte. Seine Schriften sind eine unerschöpfliche Fundgrube des Wissens und anregender Ideen für den Studierenden. Wie es von Moses heißt, seine Augen wurden nicht trübe, seine Geistesfrische nicht matt. Sein Enthusiasmus und sein Eifer für die Wahrheit des Judentums erhielten ihn jung, bis der Tod den großen Arbeiter in. seinem 65. Jahre eingeschläfcrt. Größer jedoch als der Gelehrte, der Schriftsteller, Prediger und Führer war der Mensch, seine freundliche, liebenswürdige und herzgewinnende Persönlichkeit. War sein Geist glänzend hell wie Stahl, so war sein Gemüt das reinste Gold. Als der Befehl Pharaos die israelitische Jugend dem Wassertode preisgegeben hatte, da ward das kostbare Leben des kleinen Moses durch die Königstochter gerettet, die das Knäblein aus dem Binsenkörblein nahm und dessen Pflegemutter ward. Doch war das Rettungswerk nicht eher vollbracht, als bis Jochebed herbeigerusen kam, um den künftigen Gesetzgeber Israels mit der Milch der jüdischen Mutter zu nähren. So ward von Abraham Geiger der Geist der jüdischen Geschichte herbeigerufen, auf daß er der Reform den Nährsast jüdischen Lebens, jüdischen Denkens und jüdischen Selbstbewußtseins eingebe und sie also zur rettenden und erhaltenden Macht für das moderne Israel gestalte. „Mögen jene, die mich anfeinden, fluchen! Du, o Gott, wirst segnen," schrieb Geiger, und er ward zum Segen, zum Quell des Lichts und der Begeisterung für viele. Möge sein Geist, sein Beispiel und sein Lebenswerk uns in unserem Wirken für die Sache Gottes, Israels und die Menschheit bestärken und begeistern! Friedrich v. Gentz und die Juden. ^^^er berühmte Politiker Friedrich v. Gentz verkehrte in Berlin und in Wien sehr viel in den Kreisen geistreicher und schöner Jüdinnen und war trotzdem ein arger Judenfeind. Seine Beziehungen zu Henriette Herz waren sehr lose, dagegen gehörte er zu dem intimen Kreise der Rahel, die er, wie die Vertrauten überhaupt, in seinen Briefen, namentlich in denen an den Schweden Brinckmann (Briese von