Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
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von ihm in ein ganz neues, Helles. Licht gerückt. Er wälzte den vom Neuen Testament auf den PH arisä er gelegten Fluch, Bann und Schimpf hinweg und zeigte, daß das ihn beseelende Prinzip nicht Heuchelei/sondern Volksheiligkeit war, das Prinzip religiöser Demokratie, das das Priestergesetz neu beleben und das gesamte jüdische Volksleben mit neuer Heiligkeit durchhauchen sollte. Im Gegensatz zur anmaßenden Beanspruchung des Gesetzes und der Heiligkeit seitens der sa.dduzäischen Hierarchie, bestand das Pharisäertum auf der Priesterheiligkeit des gesamten jüdischen Volkes und auf seiner Anwartschaft auf die Lehre Israels. Zur Rechtfertigung und Bekräftigung dieses Anspruchs wurden die verschiedenen Formen und Bräuche geschaffen, die dem Alltagsleben des Juden auf Schritt und Tritt den Charakter priesterlicher Heiligkeit verleihen sollten. Also nicht Heuchelei, sondern Heiligung des ganzen Lebens .war der Zweck, den der Rabbinismus in seiner schöpferischen Periode ms Auge gefaßt hat. Das war der Gesichtspunkt, von dem aus Geiger die jüdische Geschichtsanschauung umwälzte Sein Meisterwerk „Urschrift der Bibel und ihre Uebersetzungen", das im Jahre 1857 erschien, kam — trotz mancher allzukühnen Hypothese — wie eine neue Offenbarung. Es brachte den Beweis, daß die Thora, das geschriebene wie das mündliche Gesetz, weit entfernt davon durch alle die Jahrhunderte wenig unverändert und unangetastet geblieben zu sein, vielmehr sowohl im Buchstaben wie in der Erklärung und Auslegung desselben allerlei Veränderungen, und Umgestaltungen im Laufe der Zeit erfahren hatte. Gerade weil die Bibel das Buch des Gesetzes oder der Offenbarung, die Lehre des Lebens, Erzieher und Bildner des Volkes sein sollte, mußte es im Einklang mit den herrschenden und stets fortschreitenden Anschauungen betreffs Gottes und des Menschen im Ausdruck und in der Ausdeutung immer neugestaltet und umgeändert werden. Es kann natürlich nicht meine Aufgabe hier sein, die Geigerschen Ansichten über die Sadduzäer und Pharisäer und deren Beziehungen zu den Samaritanern und Karüern oder über die alte vor-mischnaische und mischnaische Halacha auseinanderzusetzen, die der jüdischen Geschichtsersorschung eine neue Wendung gaben. Es sei mir bloß gestattet, daraus hinzuweisen, daß, während besonders die Breslauer Schule dieselben verwarf und belächelte, der von Schechter ausgefundene Ben Sira - Text die Theorie bezüglich der Herrschaft der Söhne Zadoks während des zweiten Tempels bestätigt hat, gerade wie Harkavys Fund des Seser Ha-Mizwoth von Anan die Verwandtschaft zwischen den Karäern und den Sadduzäern erwiesen, und Halevys Fund eines Werkes der Falascha über den Sabbat die Geigersche Erklärung des altmischnaischen Schebutals eine unter Todesstrafe verbotene Ruheverletzung n Gemäßheit der alten Halachah vollkommen bestätigt hat. All die alten Bräuche, Feste und Institutionen des Judentums Haben nach Geigers kritisch-geschichtlichen Untersuchungen immer neue Umänderungen und Umgestaltungen erfahren. Keine einzige Form hat sich in ihrer Ursprünglichkeit erhalten. Unter dem steten Wechsel und Wandel des Lebens mußten sie alle wechseln und wandeln. Ebensowenig konnten die Ansichten und Lehrmeinungen über Gott und den Menschen, über Israel und die Menschheit dieselben bleiben, da ja die Weltanschauung der Zeiten nicht dieselbe bleibt. Hier war und ist für alle Zeiten die Basis für die Reform gegeben, für eine Reform von innen, nicht von außen, und das bedeutet: Neugestaltung, Verjüngung. Wie die Erde beim Jahreswechsel sich verjüngt, wenn, die warme Frühlingssonne die verborgenen Saatenkeime dem Boden entlockt, daß sie in lieblichem Grün und üppigem Wachstum hervorsprießen, wo vom Winterfroft vorher alles verödet und erstarrt dalag; wie der Baum sich mit frischem Laub stets neu bedeckt und süße Frucht zeitigt, nachdem Sturm und Unwetter die welken Blätter und verdorrten Zweige abgeschlagen, so auch das Judentum. Es ist ein lebenskräftiger Baum, eine im Leben wurzelnde Wahrheitspflanzung, und wenn der verheerende Sturm die leblosen Formen, alles Abgestandene und Verwitterte, das das gesunde Wachstum verhindert, hinweglegt, so bedeutet das neues Leben und größeres Gedeihen. Da geziemt es denn dem wahren Hüter desselben, das Köstliche vom Wertlosen, das Wesentliche vom Wechselnden, den Kern von der Schale, das Gold von der Schlacke zu sondern, urid so die ewigen Wahrheiten, die wahrhaft belebenden Kräfte des Judentums zu größerer Wirksamkeit und Aberkennung zu bringen. Gerade die jetzige Krisis bildet den Uebergang des Judentums zu einer neuen Stufe seines Daseins, einer Stufe, die höher steht als die des Rabbinismus oder des priesterich - sadduzäischen Mosaismus, einer Stufe, auf der es mit seinen erhabenen welterobernden Wahrheiten berufen ist, eine um so größere Macht auf die weite Menschheit auszuüben, als diese mit allen ihren geistigen und sozialen Kräften von den Fesseln des Kirchenglaubens wie vom Druck eines seelenlosen .Zeremonienwesens sich zu befreien bemüht ist. Weg denn mit all dem Auswuchs und der Mißgestalt des Ghettolebens! Weg mit all den Satzungen und Bräuchen, die das Judentum der Schmach preisgeben, den Juden entstellen und die Jüdin erniedrigen! Weg mit dem Barbarentum des Orients, mit der Hohlheit des Formenglaubens und der Pastoralklugheit und Heuchelei des Rabbineramts! So erklang die Kriegsdrommete, der Schlachtenruf des 25 jährigen Wiesbadener Rabbinen, als er die bedeutendsten Gelehrten und freisinnigen Rabbiner Deutschlands in seiner „Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" um sich scharte; und als dann zwei Jahre nachher seine Berufung nach HStanöbilö eines Gärtners. Zu Ehren Ferdinand Cohns im Breslauer Südpark 1910 errichtet.