Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Landtage vorgelegten und von diesem angenommenen interkonfessionellen Gesetzentwürfe, welche bestimmen, daß der Uebertritt von einer der verschiedenen christlichen Konfessionen zu einer nichtchristlichen Konfession (Judentum) bei Strafe verboten sei. Die königliche Landesregierung hat an die jüdischen .Gemeinden, aber auch an alle der Regierung unterstehenden Behörden eine Durch» führungsverordnung zu diesem Gesetze verschickt mit der strikten Aufforderung, dafür Sorge zu tragen, daß den Bestimmungen des Gesetzes entsprochen werde. Da es im Gesetze ausgesprochen wurde, daß es rückwirkende Kraft hat, so mußten Rabbiner, die bereits 40 Jahre im Amte waren, ihre Zeugnisse der hohen königlichen Landesregierung zur Verfügung stellen und lebten in der bangen Sorge, sie könnten in ihrem Greisenalter brod- und obdachlos werden. Doch wurden fast sämtliche Rabbiner in ihren Aemtern bestätigt. — Mit Berufung auf. dieses Gesetz und auf § 3 der Durchführungsverordnung vom 7. Juni 1910, Zahl 7745/1910, fordert die königliche kroatische Landesregierung in einem diesbezüglichen Zirkular vom 6. August 1910, Zahl 19881/1910, die Vorsteher der jüdischen Gemeinden auf, ihre Rabbiner zu veranlassen, daß sie bis Ende September d. I. drei Rabbiner als Vertraüenskomitee und zwei Rabbiner als Ersatzmitglieder desselben nominieren, denen es fortab obliegen soll im Rahmen des Gesetzes über Qualifikation der anzustellenden Rabbiner zu entscheiden. Von Rabbinerautorisationen (Diplom Hatara) ist in diesem Schriftstück wohl die Rede, aber nicht in ehr von einem Abiturientenzeugnis. Es scheint, daß man an maßgbeender Stelle endlich zur Einsicht gelangt ist, daß man zu übereilt gewissen Einflüsterungen nachgegeben hat und den Schaden jetzt gut zu machen gedenkt. Die Rabbiner aber haben sich nicht zu beklagen, denn ihre Stellung hierzulande ist jetzt gefestigter denn je. * Aus Lemberg wird uns geschrieben: Zum zweitenmal^ wird "am 12. September d. I. in Lemberg eine Enquete über die Notlage der galizischen Juden und über die Maßnahmen, dieser Not zu steuern, abgehalten werden. Vor 18 Jahren fand eine ähnliche Enquete statt, die mit Annahme vieler Beschlüsse endigte, welche aber nie zur Durchführung gelangten. An der Enquete, heißt es, werden alle maßgebenden Faktoren, jüdische Politiker, hervorragende Kenner der Verhältnisse, Journalisten, Kultusvorsteher, Industrielle und andere teilnehmen. Die Beratung wird nur einen Tag in Anspruch nehmen. Die zur Verfügung stehende Zeit scheint in Anbetracht der wichtigen Frage lächerlich gering bemessen. Immerhin: Man kann auch an einem Tage viel Ersprießliches sagen und hören, wenn die Experten von ehrlichem Willen beseelt sind, der Sache und nur der Sache, um die es sich handelt, zu dienen und alle anderen Gesichtspunkte beiseite schieben. Es ist daher im Interesse der Juden dringend geboten, daß keine einseitig parteiischen Richtungen allein zu Worte kommen. Jeder, der im jüdischen Leben wirkt, hat das heilige Recht, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Hoffentlich wird der Landesausschuß dieser Forderung genügen, und unbekümmert darum, ob es Freisinnige, Orthodoxe oder andere sind, alle zur Teilnahme einladen, die das jüdische Leben im Lande aus eigener Anschauung kennen. Wir wünschen nur. daß geeignete Beschlüsse gefaßt werden, und daß die Aktion nicht, wie im Jahre 1892, im Sande verlaufe. Unaufhörlich muß darauf gedrungen werden, daß die Enquete, vielleicht auch gegen den Willen der Einberufer, nicht nur Komödie bleibe, sondern daß sie tatsächlich dazu beitrage, die Lage unserer hungrigen und notleidenden Brüder in Galizien zu verbessern. * Von der großen Stiftung des Sir Ernest Cassel in London, die notleidenden Deutschen in England, bedürftigen Engländern in Deutschland zugute kommen soll, ist in den öffentlichen Blättern viel die Rede gewesen. Es ist eine großzügige Stiftung, würdig eines Menschenbeglückers, die jedes konfessionellen Beigeschmacks entbehrt und nur dazu beitragen kann, das Friedens- und Freundschaftsband zwischen beiden Ländern zu festigen. Darum mußte die Spende von jedem Menschheits- und Vaterlandsfreunde, welcher politischen und welcher religiösen Richtung er auch angehörte, gepriesen werden. Der „Staatsbürgerzeitung" blieb es Vorbehaltenauch diese Stiftung zu begeifern, indem sie Herrn Cassel den Rat gab, mit seinem Gelde den Deutschenhetzern in England, die nach der Annahme des Antisemitenblattes lauter Juden sind, den Mund zu stopfen. Für wahrhafte Humanität besitzt dieses Organ keine Empfindung. & Aus Rußland häufen sich die Nachrichten von Verfolgungen und Bedrückungen, die immer mehr den traurigen Geist eines unerhörten Systems verdeutlichen. So ist in dem sibirischen Badeorte Schiro den Juden der Besuch verboten worden; infolge davon sank die Frequenz von 2000 Gästen auf 200. Die jüdischen Privatghmnasien sind durch eine ministerielle Verordnung ihrer Vorrechte verlustig gegangen. Aus Smolensk sind die jüdischen Hochschüler, die bisher unbeanstandet dort weilen durften, ausgewiesen worden. Eine jüdische wohltätige Gesellschaft in Minsk ist ausgelöst worden, weil sie angeblich zur nationalen Absonderung der Juden beitrage. In Irkutsk wurde der Rabbiner S. Ch. Beilin, der 12 Jahre dort gewirkt hatte und neugewählt worden war. nicht bestätigt und mußte das Land verlassen. Jüdische Abiturienten, die sich nach Petersburg wegen Aufnahme in eine Hochschule wenden, werden von dem Minister und dessen Gehilfen nicht mehr empfangen, sondern einfach entfernt. Einem solchen starren System gegenüber können Bittgesuche wenig nützen. Das einzige Heil sehen daher viele nur in der Auswanderung. Infolge der jüngsten Repressalien, wird aus Rußland berichtet, macht sich unter der jüdischen Bevölkerung im Süden des Landes eine außerordentlich rege Auswanderungsbewegung bemerkbar. Besonders stark ist diese Bewegung im Gouvernement Podolien. Hier funktionieren in verschiedenen Städten und Landflecken 36 In» formationsbureaus für Emigranten. Im Lause der letzten drei bis vier Monate sind aus Podolien zirka 6000 jüdische Familien ausgewandert. § Zur ferneren Kennzeichnung des aller Zivilisation und Gesittung hohnsprechenden Verhaltens der russischen Regierung gegenüber den Juden, sei folgende Drahtmeldung aus Petersburg, datiert vom 26. August, vermerkt: Das Ministerium des Innern veröffentlicht einen für europäische Begriffe unerhörten Befehl, der zeigt, wie streng die Rechtsbeschränkung gegen alle Juden in Rußland gehandhabt wird. Der Befehl lautet: ,,Das Ministerium des Innern hat dem amerikanischen Botschafter in Konstantinopel Oskar Strauß, der dem jüdischen Bekenntnis angehört, nebst seiner Familie den Besuch Petersburgs gestattet!" Roosevelts einstiger Handels - minister, der jetzt sein Vaterland am Bosporus vertritt und eine sehr eifrige Wirksamkeit für die ökonomische Betätigung der Amerikaner in der Türkei entfaltet, ist einer der tüchtigsten und rührigsten Diplomaten, über die die Union verfügt. Er will jetzt Rußland kennen lernen und zu diesem Zweck Odessa, Kiew, Moskau, Petersburg besuchen. Also selbst dem jüdischen Vertreter einer befreundeten Nation ist der Besuch Petersburgs ohne besondere Erlaubnis untersagt. Man kann sich denken, welchen Eindruck der mittelalterliche Erlaß in den Vereinigten Staaten machen wird. ' 4 Ueber die Karäer in Rußland entnehmen wir dem „Berliner Tageblatt" folgendes: Neben den sechs Millionen Juden, die in dem großen Zarenreiche ihr trauriges Dasein fristen, existieren noch ungefähr