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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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Wir wollen in keiner Weise den Rechtsbruch billigen, der an Finnland geschehen ist, wir wollen nicht frohlocken, daß einem Lande, das selbst Ungerechtigkeit übte, die schwersten Unbilden zugefügt, der Verlust der Selbständigkeit zuteil geworden ist, wohl aber zeigt sich hier die strafende Nemesis, die rächende Kraft der Geschichte. Ein Land, das in so mittelalterlich barbarischer Weise an den traurigsten Vorurteilen : finsterer Zeiten festhält, hat sich selbst das Urteil gesprochen 'und die Rache heraufbeschworen. Ludwig Geiger. Bit Woche. Berlin, den 30. August. 0 ärmende, rauschende Feste zu feiern, entspricht nicht jüdischem Wesen. Allein mit um so tieferer Innigkeit nehmen wir deutschen Juden Anteil an den hohen nationalen Festtagen, wie die diesjährige 40. Wiederkehr des Tages von Sedan einen darstellt. Das freudige Hochgefühl, das die rege Erinnerung an jene große Zeit in allen Herzen des deutschen Volkes auslöst, erfüllt auch uns in dem gleichen Maße wie unsere Mitbürger nichtjüdischen Glaubens, obwohl sich'uns mehr Hoffnungen, die die Morgendämmerung des neuen geeinten Reiches weckte, nicht erfüllt haben, als den anderen Mitbürgern. Als die siegreichen Krieger im Jahre 1871, nachdem im blutigen Ringen die Einheit des Reiches erkämpft war, in der Stunde der Gefahr alle Unterschiede des Standes und des Glaubens geschwunden. Tausende jüdischer Soldaten Schulter an Schulter mit ihren andersgläubigen Kameraden Leben und Gesundheit für das Vaterland eingesetzt hatten, gerade in jenen Tagen hat die Redaktion dieses Blattes ein Gedenkbuch an den deutsch-französischen Kriegs) herausgegeben, in welchem unsere damaligen Hoffnungen und Wünsche — die ach so bescheidenen — zum Ausdruck gelangten. Es hieß da: „Was unsere Hoffnungen ui.d Wünsche ausmacht, es ist leicht auszusprechen. Wir wünschen und hoffen, daß unserem Vaterlande, daß der ganzen europäischen Gesellschaft endlich einmal wieder ein dauerhafter Frieden beschieden sei, so daß, ohne die Kriegstüchtigkeit und Kampfbereitschaft zu verlieren, das Heerwesen geringere Aufmerksamkeit und weniger Opfer aus den Volksmitteln erfordere. Wir hoffen und wünschen, daß der Geist der Gerechtigkeit im deutschen Reiche durchaus erstarke und sich von den Vorurteilen vergangener Zeiten nicht mehr beschränken lasse. Wir wünschen und hoffen endlich, daß im Schoße der verschiedenen Konfessionen und noch mehr unter denselben der Geist des Friedens, der gegenseitigen Achtung und Duldsamkeit immer vorherrschender, ja allein herrschend werde. Wir wissen sehr wohl, daß diese drei Hoffnungen und Wünsche noch viele Hindernisse zu überwinden haben, daß die schroffsten Gegensätze sich ihnen entgegenstellen und die Menschenwelt nicht zur Ruhe kommen lassen. Aber was wir auch Trauriges in den letzten Zeiten erfahren haben, das Vertrauen auf die alles lenkende Vorsehung und auf die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechtes kann nicht erschüttert werden, und so dürfen wir unsere Zuversicht niemals wanken lassen." Nur einer dieser Wünsche, den wir allen anderen voranstellten, ist erfüllt worden. Der Segnungen eines dauernden Friedens hat sich unser Vaterland während dieser ganzen vierzig Jahre, die seitdem verflossen sind, erfreuen dürfen. Den anderen beiden Wünschen und Hoffnungen aber ist die Erfüllung noch immer versagt. Die „Vorurteile vergangener Zeiten" bestehen leider in den Grenzen unseres *) Gedenkbuch an den deutsch-französischen Krieg, herausgegeben von der Redaktion der .^Allgemeinen Zeitung des Judentums". Bonn 1871. Vaterlandes eher in verstärktem als in vermindertem Maße, und der „Geist der Duldsamkeit und gegenseitigen Achtung" hat sich leider gleichfalls kein Terrain erobern können. Im Gegenteil! Wir haben die Hochflut des „Klassenhaffes, und Rassenhasses" über uns ergehen laffen müssen, haben, vergeblich den Geist der Gerechtigkeit für uns und unser Recht herbeigesehnt. Was unseren Vätern und Großvätern, die den großen Tag von Sedan mitkämpfend erlebten, noch vergönnt war, den Königsrock des Offiziers in Ehren zu tragen, den Enkeln und Söhnen, selbst den der 363 jüdischen Ritter des Eisernen Kreuzes aus dem Feldzug 1870/1871, verschließt man den Zutritt zur Offizierskarriere, zu allen höheren Staatsämtern spricht man allen Staatsbürgern jüdischen Glaubens die „achtunggebietende Persönlichkeit" ab. Trotzdem können uns alle Zurücksetzungen, Kränkungen und Schmähungen, denen wir mehr denn je ausgesetzt sind, nicht die Freude an unserm großen geliebten Vaterland beeinträchtigen. noch unsere bedingungslose Hingabe an Kaiser und Reich alterieren. An nationalen Gedenktagen, wie die vierzigste Wiederkehr des Sedantages, schwinden vor der Erinnerung an jene große Zeit nationaler Erhebung die düsteren Schatten der Gegenwart. Und Stolz durchschwellt unseren Busen, wenn wir an den Denkmälern, die Pietät und Dankbarkeit allüberall den gefallenen Kriegern errichtet haben, auch Namen unserer Glaubensgenoffen verzeichnet finden, die den Tod fürs Vaterland erlitten, gleichsam die stummen und doch so beredten Zeugen und Bürgen für jenes edelgroße Wort Kaiser Friedrichs: „Ein jeglicher steht Meinem Herzen gleich nahe — haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt!" Daß diese Erinnerung an den Tag von Sedan allen, die an den feierlichen Veranstaltungen des vierzigsten Jubiläums seiner Wiederkehr teilnehmen, wach und rege sein möge, ist unser herzlicher Wunsch, den wir an diesem Tage mit dem Gelöbnis verbinden, daß wir deutschen Juden jetzt und immerdar die gleiche volle Hingabe an Kaiser und Reich zu bewähren bereit sind! Eine recht kräftige Abfertigung des Herrn Adolf Bartels enthalten die Blätter des Abwehrvereins. Herr Bartels hatte behauptet, die Juden wüßten die Lehrstühle für deutsche Literatur an den Hochschulen zu okkupieren; jene Blätter führen nun aus, daß von den 78 Professoren und Dozenten kein einziger (Jude oder jüdischer Abstammung) Ordinarius ist, daß nur neun außerordentliche oder Titular-Professoren und ein Privatdozent nicht — arischen Ursprungs sind. Man sieht auch aus dieser Feststellung, wie leichtfertig die Behauptungen des Herrn Bartels sind, die von der antisemitischen Presse geglaubt und bereitwillig nachgesprochen werden. * Aus Kroatien erhalten wir folgende Zuschrift: Im Jahre 1905 wurde im kroatischen Landtag in Agram ein Gesetzentwurf betreffend die Regelung der äußern. Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden in Kroatien, zum Gesetz erhoben, das von jedem Rabbiner die Erbringung des Nachweises fordert, daß er das Abiturientenexamen an einem Gymnasium in Oesterreich, Ungarn oder in Kroatien mit gutem Erfolge bestanden hat; ferner die Kenntnis der kroatischen Sprache in Wort und Schrift und endlich ein Rabbinerdiplom einer anerkannten israelitischen theologischen Lehranstalt des europäischen Kontinents oder ein solches von drei als Autoritäten auf dem Gebiete rabbinischer Wissenschaft anerkannten Rabbiners. Dagegen muß nach drei Jahren die Stellung des Rabbiners in seiner Gemeinde eine definitive sein. Dieses Gesetz ist ein Teil der von der königlichen Landesregierung dem kroatischen

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