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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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ist wohl keine Feder imstande. Ein solcher Bericht würde auch den Rahmen einer Wochenschrift weit überschreiten und würde trotzdem nur lückenhaft sein. Es war der Wunsch unseres Kaisers, daß die Erinnerung ans seinen 80. Geburtstag nur durch Akte der Wohltätigkeit festgehalten und den kommenden Geschlechtern überliefert werde. Diesem Allerhöchsten Wunsche wurde in allen israelitischen Kultusgemeinden Rechnung getragen. Riesengroß find die Summen, die aus diesem Anlaß in allen Gemeinden der Monarchie für humanitäre und kulturelle Zwecke gestiftet wurden. Von den viklen Wohltätigkeitsaklen sei besonders die der Wiener israelitischen Kultusgemeinde erwähnt. Der Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen Kultusgemeinde hat zum 80. Geburtstage des Kaisers ein nach den Plänen des verstorbenen Baurates Wilhelm Stiaßnh erbautes Waisenhaus mit einem Fassungsraum für 100 Kinder eröffnet. Dieser Neubau in der Probusgasse führt den Namen Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums- Knabenwaisenhaus. Ferner hat der Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer israelitischer Konfession in Wien einen namhaften Betrag in größeren Teilbeträgen an arme, besonders würdige Greise, die das 80. Lebensjahr erreicht haben, zur Verteilung gebracht. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde überreichte Sr. Majestät eine Huldigungsadresse in einer Silberkassette, die von der Juwelenfirma Alois Kohn ausgeführt wurde. Daß in allen Gotteshäusern Fest- und Bittgottesdienste Veranstalter wurden, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. — Anläßlich des 80. Geburtstages Sr. Majestät wurden folgende Glaubensgenossen, die sich hervorragende humanitäre Verdienste erworben haben, durch hohe Orden ausgezeichnet: Bergrat Max Ritter v. Gutmann, der sich insbesondere durch Schaffung von Arbeiter-Kindergärten um das öffentliche Wohl verdient gemacht hat, erhielt das Komthurkreuz des Franz Josess-Ordens; der Hof° und Gerichtsadvokat Dr. Leopold Stern licht, der in leitender Stellung bei dem ersten öffentlichen Krankeninstitut tätig ist, erhielt den Eisernen Kronenorden III. Klasse; der Kassenfabrikant Franz Edler v. Wertheim das Komthurkreuz des Franz-Josef-Ordens und der Generalkonsul Alexander Singer das Offizierskreuz des Franz-Josef-Ordens. Außerdem wurden viele Glaubensgenossen durch Verleihung des Titels Kaiserlicher Rat und Kommerzialrat vom Kaiser ausgezeichnet. Türkei. 2. Kvnstarrtirropel, 18. August. Die ottomanische Regierung hat den berühmten englischen Aeghptologen Sir William Willeocks beauftragt, Pläne für die Bewässerung Mesopotamiens zu entwerfen, und der Gelehrte hat sich der schwierigen Aufgabe bereits entledigt und bei dieser Gelegenheit sehr interessante Entdeckungen in bezug auf die Bibelexegese gemacht.. Nach Willcocks ist das Gebiet, das sich vom Persischen Golf aus 600 bis 700 Kilometer weit ins Innere hinein erstreckt, eine unerschöpfliche Fundgrube von „Daten", die die Urgeschichte der Juden erklären und erläutern. Der englische Forscher behauptet vor allem, daß er den Ort entdeckt habe, an dem sich das irdische Paradies befand: dieser Ort liegt im Bezirk Hairlah, etwa 250 Kilometer von Bagdad, an den Ufern des Euphrat. Es handelt sich um eine Art Oase, die in ihrer grünen Pracht inmitten einer sehr großen trostlosen Ebene liegt; durch das schattige, fruchtbare Gelände fließt der Euphrat, von dem sich die vier Flüsse des irdischen Paradieses abzweigen. Unter den vielen Bäumen, die hier blühen und gedeihen, ist besonders bemerkenswert der Dattelbaum, der Baum des Lebens der Bibel. In der Urgeschichte dieses ganzen Landes sieht Willcocks nichts anderes als eine Anzahl Episoden, die mit der sehr wichtigen Frage der Bewässerung des Bodens Zusammenhängen. Der Kampf zwischen Kain und Abel, so schreibt er in der Zeitschrift „lVesL-suä" ist in legendarischer Form die Kristallisation -des Haders, der hier oft zwischen Landleulen und Viehhirten zum Ausbruch kam: die Landwirte bebauten das am User des Flusses gelegene Land, und die Hirten brauchten für ihre große Herden bewässerte Weideplätze. Wenn man den Fluß in seinem Bette ließ, hatten die Landleute den Vorteil davon; ließ man ihn aber über die Ufer treten, so bereicherten sich die Hirten. In dem Kampfe trug Kain, d. h. die Landleute, den Sieg davon; solches ereignete sich übrigens in allen primitiven Siedelungsgesellschaften. Die Geschichte von der Sintflut! wird von. Willcocks in folgender Weise dargeftellt: die großen Dämme, die eine Schutzwehr gegen die Wasser des Euphrat und des Tigris bildeten, wurden durchbrochen, so daß die beiden Flüsse über die Ufer traten; das Wasser stieg dann so hoch, daß die ziemlich dicht gesäte Bevölkerung Mesopotamiens in den Fluten de« Tod fand. Noah, der zur rechten Zeit gemerkt hatte, daß die Dämme nachgeben würden, baute die Arche und gelangte mit ihr bis zum Persischen Golf;- er blieb hier, bis die Wasser sich verzogen hatten, auf einer in der Nähe des Meeres gelegenen kleinen Anhöhe, die Ararat genannt wurde. Darunter ist jedoch nicht der in den Geographiebüchern unter dem Namen Ararat erwähnte Berg zu verstehen, dieser erhielt seinen Namen erst mehrere Jahrhunderte später. — In ihrem Bestreben, dem ottomanischen Volke eine durchaus patriotische Erziehung zu sichern, hat die Regierung einen weittragenden Beschluß gefaßt, dessen -Durchführung auf heftigen Widerstand stößt und zweifellos schwierige Zustände schaffen würde, nicht zuletzt für die Juden. Dieser Beschluß besagt nicht mehr undnicht weniger, als daß es fortab Lehrern ausländischer Staatsangehörigkeit verboten sein soll, an Gemeindeschulen und Privatschulen zu unterrichten. Ausnahme soll nur für diejenigen gemacht werden, deren Lehrbefähigung von der türkischen Regierung anerkannt und die vor der Anstellung von ihr genehmigt werden. Auch wenn diese Verfügung nicht dem Patriarchate und dem bulgarischen Exarchen direkt zngestellt worden wäre, wäre es klar, daß sie sich gegen die beiden orthodoxen Nationalitäten richtete, bei denen panhellenische und panbulgarische Praktiken seitens ihrer ausländischen Lehrkräfte befürchtet werden. Aber die Verfügung ist durchaus! verfrüht, da bei Entlassung aller dieser Lehrer die griechischen und bulgarischen Schulen einfach veröden und geschlossen werden müßten. Ottomanische Kräfte an ihrer Stelle sind absolut noch nicht vorhanden. Mit Recht haben daher die Ratskörper der beiden Völkerschaften dagegen protestiert. Das Exarchat hat verlangt, daß vor Erlaß einer solchen Order erst nationale Seminarien sowie nationale Universitäten gestattet und zur Entwicklung gebracht werden müßten, die die neuen Lehrkräfte schaffen könnten- Der neue Erlaß ist auch dem türkischen Eroßrabbinate zugegangen. Die Durchführung dieses Erlasses wird für die Juden die schlimmsten Folgen haben, denn ihr Schulwesen ist leider noch durchaus das wenigst entwickelte und mit ottomauisch - staatszugehörigen Lehrern am wenigsten ausgestattet. Es ist schwer auszudenkeu, was beispielsweise aus all den mit sehr vielen ausländischen Kräften, besonders in der Leitung, besetzten Allianzschulen werden sollte. Vmi MH und Fern. — Geheimrat Sigmund Läütenburg hat aus Anlaß des achtzigsten Geburtstags des Kaisers Franz Josef dem österreichischungarischen Hilfsverein zu Berlin eine Spende von 25 000 Mark überwiesen. Aus den Zinsen, die tausend Mark jährlich betragen, soll in jedem Jahr eine österreichische und eine ungarische Familie unterstützt werden. — Dem Deutschen Apotheker-Verein hat der verstorbene Apotheker Dr. Martin Fränkel in Charlottenburg die Summe von 10 000 Mark hinterlassen. Aus dem Betrage soll eine Dr. Martin Fränkel-Stiftung gegründet werden, deren Zinsen zur Unterstützung erkrankter Apothekergehilfen ohne Unterschied der Religion zu verwenden sind. — Aus Posen wird uns geschrieben: Aus Anlaß der Einweihung des königlichen Schlosses hat der Kaiser folgenden jüdischen Herren aus der Stadt Posen Orden verliehen: Den Roten Adlerorden III. Klasse mit der Schleife dem Geheimen Kommerzienrat Michael Herz; den Roten Adlerorden IV. Klasse dem Stadtverordnetenvorsteher Rechtsanwalt Justizrat Placzek, dem unbesoldeten Stadtrat Jacob Schleyer und dem Amtsgerichtsrat Moritz Finke. — Landgerichtsrat Dr. Hugo Salinger in Breslau ist dieserTage zumOberlandesgerichtsrat beim dortigen Oberlandes» gericht ernannt worden. Wie uns geschrieben wird, ist Dr. Hugo S alinger ein glaubensstarkerJude, und hat er dieseBeförderungseinen eminent großen juristischen Fähigkeiten zu verdanken. — In Breslau ist Herr Moritz Kempinski im Alter von 74 Jahren ge storben. Er war der Begründer des Weinhauses M. Kempinski L Co. In seine im Jahre 1862 zu Breslau gegründete Firma nahm er später seinen unlängst verstorbenen jüngeren Bruder Berthold auf und errichtete unter dessen Leitung die Berliner Filiale, die

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