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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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. Und er rief seine Söhne, um ihnen den Segen zu erteilen. Sie kamen, doch seine ins Licht des Himmelreichs hinsterbende Seele konnte den wirklichen nicht von den Stiefsöhnen unterscheiden. Traurig legte er seine segnende Hand aus ihre Stirnen und tat folgenden Ausspruch: „Dieses ist die letzte Bestimmung meines Lebens, eine Hälfte des Vermögens gehört meinem Sohne, die andere Hälfte zu sechs gleichen Teilen meinen Söhnen." Mar-Ukba starb, und die Söhne wollten sich in die Erbschaft teilen. Sie gingen also zu Benoah, dem durch seine Wundertaten berühmten Richter, und sagten: „Unser Vater bestimmte, daß die Hälfte des Erbes seinem Sohne gehöre die zweite Hälfte zu sechs gleichen Teilen seinen Söhnen. Du weiser Richter sollst uns Recht sprechen. Wem gebührt das halbe Vermögen?" Worauf Benoah also sprach: „Ich kann Euch nicht Recht sprechen, denn ich weiß nicht, welcher Mar-Ukbas Sohn ist." Beim Hören dieser Rede erbleichten ihre Gesichter, und alle riefen aus: „Wir alle sind seine Söhne!" „Das kann nicht sein," .meinte der Weise, „sein Sohn kann nur einer sein, denn in seiner letzten Bestimmung — wie Ihr selbst es sagt — machte er Unterschied zwischen Sohn und Söhnen. Gehet denn nach Hause und befraget Eure vertrauten Diener, vielleicht wissen die mehr, als ich." Sie gingen hin und fragten die Diener, doch erfuhren sie wenig Gutes. „Mar-Ukba," sagten sie, „erzog sechs fremde als eigene Kinder mit seinem wirklichen Sohne, doch weder er noch Jefta, noch irgendein lebender Mensch wußte, welches der eigene sei." Die sieben Söhne gingen wieder zu Benoah und der eine sprach: „Sage weiser Rabbi, wem von uns gehört die Hälfte des Vermögens?" „Dies fragt nicht mich, sondern Mar-Ukba." „Wie sollen wir den Toten vor Deinen Richterstuhl rufen?" Benoah strich seinen grauen Bart und sprach nach langem Nachdenken: „Bittet Gott, daß er mir die Kraft des Propheten Elisas gebe. Ich werde Mar-Ukba vom Tode erwecken und zum Geständnis zwingen." Da nehmet diese sieben Ruten aus den Trieben des Wunderbaumes geflochten und gehet hinaus in den Friedhof, wenn der Abendstern in die Mitte des Himmelszeltes tritt. Dann schlaget alle sieben auf einmal mit den Ruten auf Mar-Ukbas Grab und saget: „Mar-Ukba, im Namen des wundertätigen Benoah befehlen wir Dir, stehe aus Deinem Grabe auf und lege uns Rechenschaft ab." Die Söhne hielten sich bereit, so zu tun. Als der Abendstern in die Mitte des Himmelsgewölbes trat, begaben sie sich zu Mar-Ukbas Grab und stellten sich je drei links, drei rechts davon zu beiden Seiten auf und Elisa trat an das Kopfende. Im Friedhof war Stille und bange Finsternis, nur aus der Ferne ertönte der Weckruf eines wachsamen Hahnes. Die Söhne erbebten bei diesem prophetischen Ruf und hoben die Wunderruten empor. Doch da ertönte das Heulen des Windes zwischen dem Gesträuch, als ob die Toten unter den Gräbern, ächzten. „Die Gräber öffnen sich." spricht Elisa. „Brüder, laßt uns nicht sündigen." Die sechs Brüder geboten ihm wildfluchend Schweigen und hoben die Wunderruten abermals zum Niedersausen empor. Doch Elisa ließ sich wieder hören: „Brüder, sehet, Flammen schlängeln sich dort zwischen den Grabhügeln. Die Toten entbrennen zum Leben, wehe uns, wenn sie ausflackern und uns anklagend Gottes Thron erreichen." Die sechs Brüder hörten nicht auf die erbarmungsvollen Reden und fielen über das Grab her, um es zu peitschen. Elisa warf sich ihnen entgegen. „Brüder, wartet. Nicht störet Mar-Ukba in seiner Ruhe. Es war Euer Vat?r, gewiß war es der Eure und nicht der meine. Lasset mich auch keinen Anteil unter Euch haben, mir brauchet ihr nichts zu geben. Die Erbschaft sei Euer, verteilet sie unter Euch auf sechs Teile —möge ich der Enterbte, der Ausgestoßene sein, nur dieses Grab schonet, die Ewigkeit hat ihr heiliges Siegel darauf gesetzt — machet nicht den frevelhaften Versuch, die Ewigkeit zu brechen." Doch die Brüder hörten nicht auf ihn. Das Säuseln des Windes besänftigte sich ganz, und die irrenden Lichter zwischen den Grabhügeln verlöschten. Im Friedhof herrschte Stille und grausige Finsternis — nur aus der Ferne erklang wie früher der Hahnenruf. Die Söhne erbebten und hoben die Wunderruten empor. Wildes Brüllen erscholl aus ihren Kehlen, und alle Hände sausten auf einmal nieder. Doch Elisa stel die Nute kraftlos aus der Hand, er selbst aber warf sich auf das Grab, umschlang es mit beiden Armen und rief aus: „Schonet es, o schonet es, Ihr Heiligtumschänder!" Doch jene hörten es in ihrem wilden Zorn nicht. Sie ließen fort die Rutenhiebe auf Elifa niedersausen, der vor Schmerz schluchzte und nur darauf achtete, daß auf dem teuren Grabe kein Grashalm gekrümmt werde. Unermüdlich beschworen die Söhne im Namen Benoahs des Wundertäters Mar-Ukbas Geist. Doch das Grab öffnete sich nicht und gab den.Toten nicht heraus, zu dem Elisas perlendes Blutopfer langsam hinabsickerte. Als die Söhne die Vergeblichkeit;.ihres Bemühens einsahen, verließen sie haßerfüllt die entweihteMätte und gingen in die'^Stadt zu Benoahs Haus. Rauh störten sie den weisen Mann in seinem Morgenschlafe und empfingen ihn mit folgender Rede: „Du hast uns betrogen weiser Rabbis.Deine wundertätige Macht taugt nichts, denn Mar-Ukba ispnicht auferstanden." Benoah sprach: „Meine Macht stammt von Gott her, suchet den Fehler in Euch selbst." „Wir taten so, wie Du uns geheißen." „Habet Ihr das Grab mit den Ruten gepeitscht?" „Wir haben es getan." „Alle sieben? Denn nur so konnte die Beschwörung wirken." Da trat Elisa aus der Reihe hervor und den Mantel des Weisen ehrerbietig küssend, sprach er: „Herr, ich war ungehorsam, doch ich konnte nicht anders. Mein Herz blutete, als ich sah, wie meine Brüder die Ruhe des^geweihten Grabes störten. Da warf ich mich aufs Grab. Sie haben mich gepeitscht, das Grab^blieb unberührt." Benoah umarmte den Jüngling: „Deines Vaters Grab hast Du verteidigt mein Sohn," sprach er, und sich an die anderen wendend, setzte er in strengem Tone fort: „Dieser sJüngling ist Mar-Ukbas Sohn, Ihr wart nur aus Gnade seine Söhne. Ich habe Mar-Ukbas Geist beschworen; da sehet, er sprach aus der Ehrfurcht des Sohnes, denn des Sohnes Ehrfurcht ist wissenderdenn der Mutter Gefühl." . W

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