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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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RE5X3! Eas Dir Mundrrrutm. Von Peter UjvLri. Berechtigte Nebersetzung von Rosa Trencsöni. mar-Ukba, der Weise, forschte, über die Schrift gebeugt, in tiefes Sinnen verloren, nach den Mysterien der heiligen Worte. „Siehe, dies ist das Meer, das Reich der Geheimnisse, tief und endlos. Ueber den Gewässern schwebt Gottes Geist mit menschendemütigender, allmächtiger Hoheit. Unten aber blüht die echte Perle, rosig lächelnd wie die Traube auf den Ebenen Engedes." Und wie der Sturmvogel, so fliegt des Rabbis Seele über den Wellen der sich drängenden Gedanken. Er hat in der Tiefe die echte Perle geschaut, doch fehlt ihm die Kraft, sie heraufzuholen. Er will es, doch seine Flügel schneiden nur die Flut, wie die Pflugschar weiße Rosen auf schneeigem Felde, dann schreit er.auf in quälender Verzweiflung und taucht mit gebrochenen Flügeln unter. Weißer Schaum wurde sein Kissen, die wogende Welle seine Wiege und der besänftigte Sturm sang ihm ein nnldes Schlummerlied. Und Gott, der über den Gewässern wohnt, wob ihm aus seinen schönsten Strahlen' den wundersamsten Traum und sprach in dieser Erscheinung also zu ihm: „Mein Wort soll auch an Dir zur Wahrheit werden. So wird es sein, wie es geschrieben steht. Und ich vermehre Dein Volk, wie die Menge der Sterne, doch sei dein erster Sohn für mich der Siebente." —Und die Erscheinung verschwand. Als Mar-Ukba aus dem Schlafe erwachte, ging er zum Hohepriester fragen, was das Traumgesicht bedeute. Und der Hohepriester sprach: „So Du Gott sechs Söhne gibst, gibt er Dir einen." Mar-Ukbas Seele wurde traurig, als er die rätselhafte Erklärung des rätselhaften Spruches vernahm. Gott selbst brachte ihm aus der Meerestiefe die echte Perle, doch verlieh er seinen sterblichen Augen nicht die Kraft, deren Glanz zu erfassen. Und er sprach zu Jefta, dem geliebten Weibe: „Gehe auch Du vor.Gottes Altar hin und verrichte ein Gebet, auf daß mir seine Gnade günstig sei und Licht in meine Seele komme." Jefta tat, wie ihr geheißen wurde, und das Gebet l tte Wirkung. Als Mar-Ukba, der Weise, wieder einmal die Geheimnisse der Schrift durchforschte, kam eine Sklavin aus dem Frauengemach, zu melden: „Herr, aus dem Rosenstrauch ist eine Knospe aufgebrochen. Dies läßt Dir Jefta sagen." Mar-Ukba warf sich nieder und pries Gott, daß er ihm einen Sohn gegeben. Doch kaum schloß er sein Dankgebet, als eine zweite Sklavin kam und sprach: „Auch Dein Nachbar bekam eine Frucht, doch sein Baum welkt." Jefta läßt Dir es sagen. — Sechsmal kam die Sklavin, ihm sechsmal diese Nachricht bringend, denn der Todesengel ging in der Stadt herum, unter den Wöchnerinnen furchtbare Ernte zu halten. Und Mar-Ukbas Glück verwandelte sich in Trauer. Doch plötzlich dämmert Licht in seiner Seele, und er befiehlt, man möge ihm alle als Waisen geborenen Säuglinge bringen, denn so hat ihm Gott einen Sohn gegeben, wenn er ihm sechs gäbe — so sei denn sein erster Sohn für Gott der siebente. Die Diener taten.nach seinem Geheiß. Die sechs Waisen wurden in das Frauengemach gebracht, und als Jefta am Morgen aus dem Schlafe erwachte, hatte der Rosenstrauch schon sieben Knospen. Wie die verwundete Gazelle, so erzitterte sie bei diesem Anblick. Ihr Kind verlangte sie, und man gab ihr eins von den sieben. Nicht dieses — jammerte sie — meines gebet her! Und die Sklavinnen gaben ihr ein zweites, und als sie auch dieses zürückwies, legten sie ihr das dritte in den Schoß. Dann sämtliche. Und sie neigte sich dann über alle wie der liebende Baum auf seine gefallenen Blüten und schaute, welches wohl der Wind ihr hergetrieben habe. Dann wählte sie eines aus. Dies ist das ihre, sie fühlt im Herzen, daß dies das ihre sei, und schließt es in die Arme und küßt es mit heißen, verzehrenden Küssen. Und sie jauchzt auf mit zügelloser, wilder Freude, bis ihr plötzlich ein stechendes Weh in der Seele brennt — der entsetzliche Schmerz des Zweifels. Jenes zweite ist das ihre, jenes Cherubgesichtchen, das ihr entgegenlächelt. Und sie preßt jetzt dieses an sich und liebt es auf dieselbe Weise, wie das erste. Doch eines der sieben Hub jetzt zu weinen an, und Jeftas Seele schluchzte mit ihm — vielleicht ist dies-ihr Kind, und es weint ob der Härte seiner Mutter, die ihre Liebe auf Fremde verschwendet. Der Schmerz stach jeden Tag neue Dornen in den Rosenstrauch, und der Rosenstrauch Hub zu welken an.. „Was hast Du mir getan Mar Ukba?" klagte Jefta. „Der Herr wollte es," erwiderte der Weise. „Lieben wir sie alle." Und Jefta wollte alle lieben, doch war ihr Herz darob innner in Aufruhr. Nächtlicherweise stieg sie vom Bette, schlich sich zu den Kindern hin und forschte nach etwas in ihren Gesichtern, waran sie das wirkliche erkennen könnte. Tagsüber beobachtete sie ihr Gemüt, ihre Reden, ihre Handlungen. Doch ihr Mühen war vergeblich, ihre Zweifel wurden nicht zerstreut, und sie konnte nicht erfahren, welcher der Knaben für sie der erste, für Gott der siebente war. Die Knaben aber wuchsen indes wie die Zedern heran und liebten ihre Mutter auf gleiche Weise. Der eine brachte ihr goldene Ringe, der andere Seidengewänder aus' Miletas. Und wenn ihr der mittlere goldene Fußspangen gab, brachte der kleinste Riechöl aus Gilead. Doch ihr Herz konnte an der Wärme siebenfacher Liebe nicht erstarken. Sie verzehrte sich in Sehnsucht nach dem Sohne, den sie nicht kennt und den sie nicht mehr lieben kann als die sechs anderen. Und der Rosenstrauch verwelkte dann ganz. Die sieben Söhne betrauerten sie aufrichtigen Herzens und wußten nicht, daß sie ihretwegen so früh aus der Welt der Lebenden gegeschieden. Mar-Ukba siechte nach ihr hin. Und als er seinen Tod nahen fühlte, flehte seine Seele zu dem Herrn der Heerscharen: „Herr, weises bist Du, daß Du in diesem sterblichen Dasein das irdische Auge nicht klar sehen lassest. Ein Opfer habe ich Dir gebracht, denn Du wünschtest es so. Zum Patriarchen warst Du barmherziger, denn seinen Sohn hast Du nicht zum Opfer gefordert. Doch ich habe nie geklagt. Meine Augen sahen nicht, und ich wußte nicht, welches der sieben jenes sei, dem ich mehr Liebe, mehr Sorgfalt schulde. Doch jetzt rufst Du mich, Herr, zu Dir. Ich werde Deines Lichtes teilhaftig werden, und wenn ich aus Deinem Reiche herunterschaue und den blutsverwandten Sohn im Siebentel-Erbteil meiner stiefväterlichen Liebe sehe, dann fürchte ich, o Gott, daß ich vor Deines Thrones Stufen gegen Dich schreckliche Anklagen erheben muß. Erlaube denn, daß ich ihn noch im irdischen Sein erkenne und nach meinem Herzen segne."

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