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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
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Inzwischen war es spät geworden, und ich proponierte daher Mr. Bogen, daß wir nächsten Abend wieder am selben Orte zusammentreffen und einen langen, interessanten Spaziergang machen wollten. „Damit, Herr Doktor," , sagte er, kann ich leider nicht dienen, denn ich muß morgen früh nach London zurückkehren, um, um . . . einer schönen heiratslustigen Witwe meine Aufwartung zu machen, die vielleicht späterhin Mrs. Bogen heißen wird. Wenn Sie mir aber. gestatten, will, ich Sie bis zu Ihrem Hotel begleiten, und auf dem Wege Ihnen eine kurze Beschreibung von einem zweiten kuriosen Manne geben, der ebenfalls augenblicklich im „Elysium" logiert." Nachdem ich mich bereit erklärt hatte, Mr. Bogens freundliche Begleitung anzunehmen, sagte er wie folgt: „Der Mann, den ich Ihnen soeben erwähnte, heißt Neb Sammach, und ist ein herumreisender russischer „Maggid" (Prediger) von Profession. Er prätendiert, äußerst fromm zu sein, und seine Frömmigkeit geht soweit, daß er jahraus jahrein keinen Regenschirm trägt und keine Haarbürste benutzt, aus Furcht, er könnte diese Gegenstände aus Gewohnheit auch am Sabbat und Festtagen berühren und in Gebrauch nehmen. Obschon er ein recht bejahrter Witwer ist, ist es ihm dennoch gelungen, kürzlich die jugendliche Tochter eines Mannes zu heiraten, der außerordentlich fromm ist, und durchaus einen „Maggid" zum Schwiegersohn haben wollte. Leider wurde aber Reb Sammach hinsichtlich der ihm versprochenen Mitgift von hundert Rubeln sehr enttäuscht, denn einen Tag nach der Hochzeit erhielt er von seinem Schwiegervater, statt barer Münze bloß einen Wechsel, den einzulösen er wohl niemals imstande sein wird." „Trotz seines scheinbaren religiösen Ernstes hat Reb Sammach dennoch zuweilen witzige Einfälle, wovon folgender als Beispiel dienen kann. Vorige Woche war eines Morgens der Kaffee im „Elysium" recht schlecht und kaum genießbar, so daß Reb Sammach den jüdischen Kellner beauftragte, ihm statt dessen am folgenden Morgen Tee zum Frühstück zu bringen. Als er am nächsten Morgen den ihm servierten Tee kostete und fand, daß er einen Beigeschmack von Kümmel hatte, rief er den Kellner zu sich und sagte ihm, er zöge vor, reinen und nicht einen mit Tee gemischten Kümmel des Morgens zu trinken." „Reb Sammach," fuhr Mr. Bogen fort, „scheint überhaupt eine große Vorliebe für Kümmel zu haben, und dies beweist er vorzugsweise während der Sabbatnachmittag-Mahlzeit, wenn besonders schwer zu verdauende Speisen, und namentlich eine, einer Bombe ähnliche „Kugel" den Gästen im „Elysium" serviert werden. Dieser geistige Trank versetzt dann Reb Sammach in der Regel in eine höchst gemütliche Stimmung, und bei solcher Gelegenheit erzählt er zuweilen seinen Tischgenossen verschiedene höchst interessante „Moschel", zu deutsch: religiöse Gleichnisse. Eins davon lautete wie folgt. „Es gibt," sagte er, „manche Juden, die das Beten in der Synagoge und zu Hause für überflüssig erachten, sie geben dafür den Grund an, daß nämlich der „Bore" (der Schöpfer) alle ihre innigen Wünsche kennt, und sein Bestes tut, um sie zu erfüllen, ohne daß sie es nötig hätten, ihn darum zu bitten. Nun ist aber jeder Jude mit einem Nachtwächter zu vergleichen, der heute noch in manchen Städten während der Nacht in den Straßen herumgeht, und jede Stunde laut ausruft.; Wozu tut er dies aber? Haben doch die meisten. Bewohner der Stadt große und kleine Uhren, die sie die verschiedenen Nachtstunden wissen lassen und somit das Ausrufen des Nachtwächters überflüssig machen. Die Idee aber,, die in diesem Vorgänge liegt, ist diese: Das Ausrufen der Nachtstunden von seiten des Nachtwächters hat nämlich den Zweck, den Stadtbewohnern, die ihn besolden, erkennen zu geben, daß er am Platze ist und, in wachendem Zustande seine Nachtpflichten getreulich erfüllt. Dies ist auch der Grund, sagte Reb Sammach zum Schluffe, daß der „Bore" es gerne sieht, daß jeder Jude,in die Synagoge geht und daselbst seine Andacht verrichtet. Denn dadurch beweist er, daß er, wie der „Bore" selbst, „nicht schlummert und nicht schläft," sondern vielmehr seinen religiösen Obligationen gewissenhaft nachkommt." Schließlich wiederholte mir Mr. Bogen noch ein kleines amüsantes Geschichtchen, das Reb Sammach bei einer anderen Gelegenheit am Speisetische im „Elysium" erzählte, und das einen russischen Wunder-„Rebbe" zum Gegenstand hatte. Ein solcher, sagte Reb Sammach, wohne noch jetzt in einer kleinen Stadt m Rußland, wo er sowohl im Orte selbst als auch in der ganzen Gegend viele Anhänger und Verehrer hat. Diesen chargiert er eine kleine Summe Geldes für jeden Segen, den er ihnen gewöhnlich erteilt, wenn sie ihn darum bitten. Nun hat er aber einen speziellen Tag in der Woche, wo er ausnahmsweise fast fortwährend eine lange Pfeife raucht und, seiner Aussage gemäß, in der Regel eine wichtige Unterredung mit dem Engel Gabriel hat. Demnach muß jeder, der an diesem bestimmten Tage einen Segen von ihm verlangt, ihm ein dreifaches Honorar bezahlen. Nun hatte der „Rebbe" unter seinen Anhängern einen unbemittelten Kleinhändler, namens Joikele, der für bare Münze viele Segen von ihm erhalten hatte. Diese hatten aber keinen praktischen Nutzen für ihn, denn der arme Mann wurde schließlich bankerott (er ging „pleite", sagte Reb Sammach), und mußte daher seinen kleinen Laden schließen. Als Joikele dem „Rebbe" sein Leid klagte, gab ihm dieser eine seiner alten und ausgenutzten langen Pfeifen zum Geschenk, und riet ihm zugleich, mit derselben in der Umgegend herumzureisen, und für das Privilegium, sie einmal zum Rauchen zu benutzen, von seinen vielen Anhängern eine kleine Bezahlung zu verlangen. Dies tat nun auch Joikele, und seine Einnahmen waren derart beträchtlich, daß er schließlich dadurch in die Lage versetzt wurde, mit seinen Gläubigern einen Ausgleich zu veranstalten und sein kleines Geschäft wieder eröffnen zu können. Die Segenssprüche des „Rebbe" sind demnach keineswegs resultatlos geblieben." Als wir inzwischen in der Nähe meines Hotels angelangt waren, verabschiedete sich Mr. Bogen von mir und ersuchte mich zugleich, eines seiner letzten kleinen lyrischen Gedichte lesen zu wollen, die er zugunsten der schönen Witwe komponiert hat. mit der er am folgenden Tage zusammentreffen sollte. Dasselbe war auf rosig-rotem Papier geschrieben und lautete wie folgt: An die fröhliche Witwe, namens Rivke. „Ich liebe Dich mehr, meine schöne Holde, Als einen Ring von echtem, purem Golde. Und träume von Dir in schlaflosen Nächten, Als säßest beglückt Du zu meiner Rechten. O, daß Du stets Dich fühlest hingezogen Zu Deinem ewigtreuen Meyer Bogen."

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