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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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Uns rimm mglilchm Sadrorte. Von Dr. I. Chotzner. s war ein herrlicher Abend, als ich im August dieses Jahres an der Meeresküste entlang in demselben englischen Badeorte lustwandelte, wo ich zur selben Zeit im vorigen Jahre angenehme Erholung und Zerstreuung gesucht und gefunden hatte. Die See war ebenfalls herrlich anzusehen, denn sie war ruhig und glänzte silbern im Hellen Mondenschein. Ringsum herrschte tiefe Stille, die aber nach einer kurzen Weile hon den sanften Tönen eines wehmutsvoll klingenden Liedes unterbrochen wurde. Ich bemerkte bald, daß diese von einem blinden, alten Manne herrührten, der nicht weit von mir auf einem kleinen Fußstuhl saß und seinen Gesang mit den anmutig-sanften Klängen einer alten Harfe begleitete. Neben ihm stand gebeugten Hauptes ein abgelebt aussehender alter Hund, der eine alte kleine Bleibüchse um den Hals gewunden hatte, worin manche der herumstehenden Zuhörer kleine Kupfermünzen warfen. So oft dies geschah, schüttelte das arme Tier sein müdes Haupt, als wollte es dadurch für diese, seinem Ernährer und Pfleger erwiesenen Aufmerksamkeiten seinen Dank bekunden. Diese ganze Szene machte auf mich einen recht wehmütigen Eindruck, der aber bald einer heiteren Laune Platz machte, in die ich geriet, als ich in der kleinen Gruppe der herumstehenden Zuhörer das schalkisch lächelnde Gesicht eines kleinen Männchens erblickte, das mir recht bekannt zu sein schien. Und wirklich war dies der witzreiche Mr. Bogen, dessen Bekanntschaft ich ein Jahr zuvor, fast um dieselbe Zeit im selben Badeorte, und zwar im jüdischen Gasthof, „Elysium" tituliert, gemacht hatte. Nach einer gegenseitigen herzlichen Begrüßung fragte ich Mr. Bogen, wie es ihm und seiner werten Frau Gemahlin gehe, und drückte zugleich auch die Hoffnung nus, daß er in ihrem Besitze das eheliche Glück endlich gefunden habe, das er recht lange so sehnsüchtig gesucht hatte. Nach einer kurzen Pause sagte er mit seinem gewöhnlichen Lä'cheln: „Wie heißt? Ich habe ja gar keine werte Frau Gemahlin, denn ich bin noch immer, gerade wie zuvor, Witwer und auf Freiers Füßen." — „Wie," rief ich ganz verwundert aus, „hat denn die im vorigen Jahre im „Elysium" von Ihnen angebetete Witwe mit dem „Scheitel" resüsiert. Sie zu heiraten, und haben alle JhreVersuche, sie durch Ihre Liebeslieder zur Gegenliebe anzufeuern, keinen günstigen und praktischen Erfolg gehabt? Wie köstlich war doch die letzte Strophe eines Ihrer lyrischen Gedichte, das Sie mir damals zu lesen gaben, und das, wenn ich mich recht erinnere, etwa folgendermaßen lautete: Du hast Diamanten und Perlen. Die sehr kostbar sind und teuer; Es liebt Dich gans und ungeheuer Dein recht schmachtender,- treuer Meier. „Ach nein," erwiderte Mr. Bogen mit einem etwas wehmütigen Tone, „die fragliche Witwe hat leider nicht den geringsten Sinn für lyrische Dichtung, und alle meine ihr gewidmeten poetischen Ergüsse waren ebensowenig effektvoll wie ein starker Regenguß auf sandigen Boden. Dies hat sie dadurch klar und deutlich bewiesen, indem sie jüngst den langen Mr. Isaak mit dem gewaltigen Appetit heiratete, der voriges Jahr im „Elysium" Ihr schweigender Tischnachbär war. Er ist wahrlich ebenso prosaisch von Kopf biß Fuß, wie sie selbst es ist. Wohl liest oder betet er an jedem Pessachfeste das ,8edir-8a-8edirim" (das „Hohe Lied"), worin, wie Sie wissen, der Verfasser, König, Salomon, die natürlichen Reize einer holden Schäferin so gottvoll besingt.: Dieser Jgnoramus aber versteht das hebräische Original nicht, und ist nebstdem zu religiös gesinnt, um irgendeine Uebersetzung davon zu benutzen. Ja, gegen die Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens." Nachdem ich Mr. Vogen für seine gehabte Enttäuschung mein inniges Mitleid ausgedrückt hatte, fragte ich ihn, ob er wiederum im „Elysium" wohne und in bejahendem Falle, ob unter den dortigen Hausgästen manche Personen sich befinden, die ihm etwas kurios Vorkommen. „Ach ja," sagte er, „es gibt deren einige, und besonders auffallend ist der „kleine" Levi. Dieser ist der Inhaber einer im Osten von London von ihm etablierten „koscheren" Delikatessenhandlung, worin nebst anderen koscheren Leckerbissen auch koschere Eier und koschere Zitronen zum Verkauf ausgestellt sind. Er muß natürlich höchst religiös dem jüdischen Publikum gegenüber erscheinen, da. er sonst nur wenig Kunden aufzuweisen haben würde, welcher Umstand ihm keineswegs pekuniäre Vorteile verschaffen würde. Nun hat er verschiedene eigentümliche religiöse Gewohnheiten, zu denen auch die gehört, daß er nämlich jeden Freitag nachmittag, als Einleitung zu der kommenden. Sabbatweihe, ein warmes Bad nimmt. Dies tat er nun auch vorigen. Freitag im „Elysium", wo im obersten Stockwerk ein Badezimmer vorhanden ist, das aber aus verschiedenen Gründen nur recht selten von den Hausgästen in Gebrauch genommen wird. Was Wunder also, daß die Badewanne infolgedessen etwas rostig geworden ist und manches Löchlein auszuweisen hat? Herr Levi versuchte nun vergebens, dieselbe zu füllen, da das Wasser beständig durch eine kleine Spalte in das darunter gelegene Zimmer unaufhaltsam floß, und er war daher genötigt, das Baden für diese Woche einzustellen. Unglücklicherweise war das fragliche Zimmer von mir bewohnt, und Sie können sich leicht meinen Schrecken denken, den ich hatte, als ich in später Abendstunde in dasselbe eintrat und eine reine Sintflut darin Vorsand! Da die Dienerschaft im Hause schon in Morpheus Armen ruhte, so blieb mir nichts anderes übrig, als mein Nachtlager unter dem langen Tisch im Speisezimmer anfzurichten, wobei mir eine Fußbank zum-Kopfkissen und eine lange, etwas harte Matte zur Decke dienten. Diese unangenehme Episode verursachte mir nicht allein einen langanhaltenden Schnupfen, sondern den Haß aller Gäste im „Elysium", die infolge meines improvisierten Nachtlagers im Speisezimmer ihr Frühstüch am „Schabhesmorgen" in der nicht besonders reinlichen Küche nehmen mußten." „Vom Baden sprechend," fuhr Mr. Bogen nach einer kleinen Pause -fort, „will ich Ihnen, Herr Doktor, mit Ihrer Erlaubnis noch eine zweite kleine Episode mitteilen, die ebenfalls mit Baden etwas zu tun hatte. Ich habe einen Geschäftsfreund, Moses Tintenfaß mit Namen, der verschiedene kleine Fehler besitzt, wovon einer darin besteht, daß er nämlich wasserscheu ist und nur einmal im Jahre, und zwar am „Kr6w-5om Kippur“, nach der sogenannten „Mikva" geht, um dortselbst seine Libationen vorzunehmen, Nun traf ich ihn am vorigen „Kren-^om Kippur" in der Straße, als er gerade im Begriffe war, nach der „Mikva" zu gehen, und da. er zufälligerweise vergessen hatte, mir eine kleine ausstehende. Rechnung zu bezahlen, so erinnerte ich ihn daran. „Um Himmels willen," schrie er aus Leibeskräften, „halten Sie mich nicht jetzt wiederum auf, nach der „Mikva“ zu gehen, wie Sie es im vorigen Jahr zur selben Zeit getan haben. Denn, wenn Sie dies tun, werde ich den Gebrauch der „Mikva" wiederum auf ein ganzes Jahr verschieben müssen."

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