Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228942--66760-3278914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sinai hervorgegangen sei. Veränderte Lebensverhältnisse konnten die Wirksamkeit einzelner Vorschriften zeitweilig aufschieben, aufheben oder abschaffen jedoch — niemals. War es möglich denn, daß der viertausendjährige Bau vor dem furchtbaren Sturm, der die Neuzeit brausend einsühren sollte, Zusammenstürze und nicht zugleich auch seine treuen Jnsaffen unter seinen Trümmern begrabe? Es war ein löbliches und wohlgemeintes Unternehmen seitens der ersten Reformer, Männern wie Israel Jacobson, Salomon und Kley, die wachsende Flut des Abfalls dadurch einzudämmen, daß sie die abstoßenden Charakterzüge der alten Synagoge entfernten und die altehrwürdige Matrone in gefälligere Prachtgewänder hüllten, die sie der Kirche entlehnten; also Neuerungen einführten wie die Konfirmation, Orgel mit Chorgesang und die Predigt in der Landessprache. Allein solche äußere ästhetische Reformen konnten dem denkenden Juden den inneren Widerspruch nicht verbergen. Die Grundsäulen des Glaubens waren erschüttert und drohten niederzusinken; das ganze mosaische und rabbinische Gesetz mit seinen Sabbat-, Speise- und Reinheitsvorschristen ward allgemein übertreten und beiseite geschoben. Wie konnten da moralisierende Predigten nach protestantischem Muster ohne einen Funken jüdischen Geistes und jüdischen Empfindens, davon auch Zunz einen wertlosen Band veröffentlicht hat, den klaffenden Bruch zwischen Leben und Lehre, zwischen Theorie und Praxis heilen? Inmitten dieser Sintflut der Zerstörung trat Zunz hervor, ein neuer Noah mit seiner Arche: „Lasset uns die Wissenschaft des Judentums zu unserm Lebensbau machen, und wir werden in der allgemeinen Flut nicht untergehen!" war sein Weckruf. Seine Mannschaft, die Mitglieder des jüdischen Kulturvereins, den er gegründet, wurde bald von den Wogen mit in die Tiefe gerissen. Nur er, der Bootsmann, blieb „der großmütigen Grille seiner Seele" treu, wie Heine sich ausdrückt, und wurde der Erneuerer der jüdischen Wissenschaft in Gemeinschaft mit seinen drei großen Genossen Krochmal, Rappoport und Luzzatto. Mit seiner gewaltigen Gelehrsamkeit und seiner wunderbaren Meisterschaft brach er durch den undurchdringlichen Wald einer viertausendjährigen Literatur Bahn und offenbarte dem erstaunten Blick Ordnung, System und Wachstum, wo bis dahin nur Verwirrung und Versumpfung zu herrschen schien. Besonders mächtig war der Eindruck, den sein Meisterwerk „Die gottesdienstlichen Vorträge" vom Jahre 1832 auf die studierende Jugend machte. „Wie ein mächtiger Bergstrom, der überall Leben weckt, während er Schwierigkeiten über Schwierigkeiten überwindet, so kam," schreibt Geiger ihm, „Ihre epochemachende Arbeit über Raschi uns zuerst in den Weg." Allein die Enttäuschung blieb nicht aus. Der große Bahnbrecher berührte nicht die tieferen Kräfte, erhellte nicht die inneren geschichtlichen Vorgänge, den Werdeprozeß des Judentums. Wie der majestätische Rheinstrom sich im Sande der niederländischen Dünen verliert, so verloren Zunzens riesengewaltige Forschungen sich in einem Wust trockenen Gelehrtenkrams, der sich mit der Registrierung von Namen und Zahlen erschöpfte und mehr Interesse an Grabsteininschriften und leeren Formeln als am lebendigen Glauben des lebenden Juden an den Tag legte. Unter modrigen Folianten und Handschriften begraben, verlor er den Halt am Leben und das Leben an ihm. Verdrossen und verbittert, ließ er seinen Haß aus gegen die . Reform, die er vorher befürwortet hatte, und schimpfte auf Reformer, die den Talmud bekämpften; ja, er ward zum diger veralteter Bräuche und Observanzen, die er selbst längst verworfen hatte, ungeachtet dessen, daß er den fünf Büchern Moses' einen nachexilischen Ursprung zuschrieb, in radikalerem Geist als die radikalsten Kritiker es taten. Er wurde ein Baal Teschubah, ein Rückschrittsmann und, wie Geigers scharfe Kritik seines späteren Werks „Zur Geschichte und Literatur" zeigt, ein Nationalist. Für das große Werk der Emanzipation Israels vom Joche blinden Buchstaben- und Autoritätenglaubens und die Neugestaltung des Judentums auf den gediegenen Grundlagen modernen Denkens und Forschens hat die Vorsehung einen Mann von anderem Geistesgepräge erkoren, einen Mann, der mit den Errungenschaften und Zielen, den Ideen und Idealen der Zeit in vollem Einklang stand und dabei von einem unstillbaren Durst nach Wahrheit und Gerechtigkeit erfüllt war. Das war Abraham Geiger. Die jüdische Gemeinde Frankfurt a. M., seiner Geburtsstadt, war, wie sie gewißermaßen noch heute ist, in zwei Lager gespalten, die Anhänger des Philanthropins und die der Klause, in Radikale, die höhnten und spotteten, und Fanatiker wie Schriftfromme, die den neuen Stand der Dinge betrauerten und beklagten. Zwischen diesen Extremen bewegte sich die Jugendzeit Geigers. Sein Vater und erster Lehrer war ein Talmudist alt-orthodoxer Richtung, der starb, als er kaum das vierzehnte Jahr erreicht hatte. Die Vorsehung wollte, daß er für seine Bibelftu dien frühzeitig unter den Einfluß des feinfühligen Grammatikers und Textkritikers Wolf Heidenheim kam, und für seine Mischnah-Studien unter den seines älteren Bruders Salomon Geiger, der ihn den Mischnah-Text unabhängig vom Gemara-Kommentar lesen lehrte und so ihm eine kritischhistorische Methode beibrachte. Die ihm gleichzeitig erschlossene Lektüre der geschichtlichen und klassischen Literatur weckte in dem frühreifen Knaben Zweifel, die ja den Anfang unabhängigen Denkens bilden. Die Universitäten Heidelberg und Bonn, wohin ihn seine freisinnigen Freunde und Gönner zur Vorbereitung für die Rabbinerkarriere zu gehen veranlaßten, boten ihm kaum das, was er sehnsüchtig zu erlangen hoffte, eine klare Weltanschauung in vollem Einklang mit seinen Bestrebungen als jüdischer Theologe. Mit um so größerer Lust widmete er seine Kraft dem Studium der semitischen Sprachen, des Arabischen und Syrischen, deren volle Bemeisterung ihn in den Stand setzte, die verborgenen Schätze der mittelalterlich - jüdischen, der mohammedanischen und der älteren kirchlichen Literatur zu erschließen und so auf dem Gebiete der Religion, der Philosophie wie der Philologie ungeahnte Triumphe zu feiern. Schon seine Lösung der Preisaufgabe: „Was hat Mohammed dem Judentum entnommen?" als 22jähriger Student bekundete seinen weiten Geistesblick, und sie konnte nicht verfehlen, seiner ganzen Tätigkeit die Richtung auf einen großen geschichtlichen Ueberblick der Gesamtleistungen des Judentums als der Mutter zweier weltgeschichtlicher Religionen und mehrerer philosophischen Systeme alter und neuerer Zeit zu geben. Bei solch erweitertem Gesichtskreis erblickte der frühere Bibel- und Talmud-Jünger in den Lehren der Synagoge, der Kirche und der Moschee, im gesamten heiligen Schrifttum und dessen Auslegungen, im Licht geschichtlicher Forschung einen fortdauernden geistigen Entwicklungsprozeß. So wurde er denn der wahre Sohn des neunzehnten Jahrhunderts, das den Menschen mit einem neuen Sinn ausstattete, dem Sinn geschichtlicher Analyse und geschichtlicher Anschauung. (Schluß folgt.)