Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sich vermindert haben, gefällt sich das Antisemitenblatt darin, hämisch, ohne einen Beweis erbringen zu können, zu behaupten, daß die Industriellen lauter Konfektionäre seien. Wenn aber das Blatt weiter aus dem geringen Prozentsatz der in der Landwirtschaft Beschäftigten Unlust und Unfähigkeit der Juden zu diesem Berufe folgern zu können meint, so irrt es sich gewaltig. Wollte es nicht absichtlich die Wahrheit verschleiern, so brauchte es nur an die im Äufstiege befindlichen jüdischen Kolonien den Blick zu lenken. Würden sich die antisemitischen Großgrundbesitzer entschließen, jüdische Arbeiter aufzunehmen, so würden sie, das wagen wir wenigstens zu hoffen, gute Erfahrungen machen; solange die Juden von den meisten Gütern ausgeschlossen werden, können sie kein Feld ihrer Wirksamkeit finden. * Aus Wien wird uns geschrieben: Der Professor an der Wiener Universität und Arabienforscher Dr. Alois Musil ist am 18. August von einer Expedition nach Arabien zurückgekehrt. Der Gelehrte teilt über seine sehr erfolgreiche Reise folgendes mit: Im Austrage des türkischen Ministers des Innern und der obersten Sanitätsverwaltung in der Türkei sollte ich die Umgebung der Hedschas-Bahn durchforschen und den passendsten Ort zur Errichtung eines Lazaretts Vorschlägen. Am 21. April verließ ich in ^Begleitung des Assistenten am Geologischen Institut, Dr. Kober, Wien. In Damaskus verschaffte mir der Dragoman des österreichischen Konsulates viele Empfehlungen. Wir fuhren nach MLan; ich durchforschte das biblische Edomiterland, und wir betraten das Sandsteinterrain al Hesmä. Wir ritten in das südliche- Tehoma, das biblische, bisher unbekannte Somi Midjan. Das Ergebnis der Härten Arbeit war die Durchforschung eines Gebietes von 450 Kilometern Länge und 300 Kilometern Breite. Nunmehr ist es mir möglich, meine Karte von Nordarabien bis zum Roten Meer zu ergänzen. Kopien von Inschriften, die Aufdeckung uralter Nekropolen und anderer Anlagen sind das Ergebnis dieser Reise. Auch glaube ich, den wahren Berg Sinai gefunden zu haben. Diese Ergebnisse dürften mehrere Bände ausfüllen, welche als Publikationen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften demnächst erscheinen werden. <V> Aus Italien kommen zwei Nachrichten, von denen die eine höchst seltsam ist, die andere recht erfreulich genannt werden muß. Die seltsame ist die folgende: Wie das „Jewish Chronicle" erfährt, hat der Kardinal-Staatssekretär Merry del Val ein Rundschreiben an alle Bischöfe der römisch-katholischen Kirche gerichtet, worin diese aufgesordert werden, keine Einführungsbriefe für Audienzen beim Papst an Juden zu geben, auch nicht an solche von Bedeutung. Bisher wurde bei Zulassung zu solchen Audienzen im Vatikan kein Unterschied des Bekenntnisses gemacht; man behauptet sogar, daß jüdisches Trinkgeld daselbst ganz gern genommen worden sei. Die erfreuliche besteht darin, daß bei der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Venedig einige jüdische Aussteller mit den ersten Preisen ausgezeichnet worden sind. Vielleicht nimmt sich die „Staatsbürger-Zeitung" diese Notiz aä notam! * In Rußland drohen die rechtlosen Zustände von Kiew allgemeiner zu werden. In. einem Artikel des „Berliner Tageblatts" „Schlimmer als Plehwe!" wird folgende schauderhafte Perspektive dargelegt: Fürs erste stehen den Juden keine leichten Tage bevor. Das, waS sich in Kiew und Moskau abgespielt hat, wird sich in anderen Städten wiederholen. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß auch für Petersburg die Stunde schlägt. Nicht umsonst ist genau sestgestellt worden, daß die Residenz allein gegen 8000 jüdische Zahnärzte und Zahntechniker zählt, von denen sich kaum ein Viertel mit ihrem Beruf beschäftigt, während die anderen kaufmännische .Geschäfte betreiben. In anderen Berufsklassen sieht es nicht besser aus. Obgleich der erm ordete Minister des Innern v. Plehwe-die Juden für das gefähr. lichste revolutionäre Element in Rußland hielt, war er doch menschlich genug, den jüdischen Handwerkern das Wohnrecht in' Städten und Flecken außerhalb des Ansiedlungsrahons unter der Bedingung teilweise sreizugeben, daß sie sich wirklich mit ihrem Handwerk beschäftigen. Das hat manche Jndenfamilie aus dem Ansiedlungsrayon hinausgelockt. Jetzt haben viele dieser Leute die Folgen davon zu tragen. Das Streben der Regierung geht dahin, die Juden so viel wie möglich in den Ansiedlungsrayon zurückzudrängen und sie ihre ganze Rechtlosigkeit nach Möglichkeit fühlen zu lassen. Augenblicklich soll Smolensk von Juden „gesäubert" werden. Das geschieht sehr einfach. Zuerst werden die Papiere der Juden sorgfältig geprüft. Ist an diesen Papieren nichts auszusetzen, so verlangt die Polizei jene unter Plehwe vor über einem Jahrzehnt erteilte Ermächtigung, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen- Da diese Befehle seinerzeit ausgefertigt worden sind, so glaubten sich die Juden geborgen, doch erwies es sich,;- daß die Polizei-Archive die Wohnbefehle verloren oder verworfen hatten. Auch hierdurch ließen sich die jüdischen Handwerker nicht abschrecken und suchten um die Ausfertigung neuer Befehle nach.. Da erklärte die Polizei, daß der Gouverneur von Smolensk einen mündlichen Befehl erlassen habe, der den Juden bis zur Klärung der ganzen Frage das Wohnrecht in Smolensk raubt. Gegen eine solche Erklärung läßt sich nichts ausrichten, und so müßten einige Dutzend Handwerker mit Kind und Kegel aus Smolensk hinaus. Dieser Erfolg war der Administration zu gering. Den Handwerkern folgten nun die jüdischen Studenten, deren Eltern nicht das allseitige Wohnrecht besaßen. Ein entsprechendes Zirkular des Departements für allgemeine Angelegenheiten brachte die Sache in Fluß, und die jüdischen Studenten, die sich während der Ferienzeit in Smolensk aufhielten, wurden angewiesen, binnen fünf Tagen die Stadt zu verlassen, da sie sich nur in ihrer Universitätsstadt aufhalten dürsten. / * Aus der Türkei ist mancherlei zu melden: In Jaffa und anderen türkischen Hafenstädten werden nach einem Beschlüsse des Ministers der öffentlichen Arbeiten Häfen gebaut. Die Jnlandspässe werden aufgehoben, so daß bei Reisen von Konstantinopel nach Palästina kein Paß mehr nötig ist. Zwischen der Baronin-Cohn-Oppenheim-Stiftung und dem Jüdischen Nationalsonds ist ein Vertrag geschloffen worden, wonach auf Kosten der.ersteren. ein Olivenwald am Liberias-See angelegt werden soll. Die „Voss. Ztg." berichtet aus Australien: Die Ansiedlung von langeblich 100000) Juden in Westaustralien auf einer Fläche von 400000 Hektar soll in letzter Zeit in London Gegenstand von Verhandlungen zwischen dem zurzeit dort weilenden Premier Sir Newton Moore und Herrn Zangwill gewesen sein. Wer die Verhältnisse in Westaustralien kennt, wird zu solchem Plane den Kops schütteln, denn der Staat umfaßt mit über 2'/2 Millionen Quadratkilometern wohl Vs des ganzen Erdteils und ist nahezu fünfmal so groß wie das Deutsche Reich, aber ein wie geringer Teil dieser ungeheuren Fläche ist kulturfähig! Von den sechs „Divisionen" (Provinzen) ist der die Hälfte des ganzen Landes einnehmende Ostdistrikt wasserlose Wüste; nur der Südwestdistrikt ist einigermaßen dicht besiedelt. Gute Weidegründe hat auch der Norden. Die 275000 Einwohner sind zum geringsten Teil als Ackerbauer tätig, zahlreiche Produkte müssen noch eingeführt werden. Dazu kommt, daß die fruchtbaren Striche mit Urwald bedeckt sind, der sehr schwer zu roden ist. Westaustralien wird das „Land voll Sünde, Sonne; Schweiß, Sand, Salz, Sorge und -- schlimmer Augen" genannt. Und Sir Moore hat vorläufig auch nur versprochen, „nach seiner Heimkehr den Plan dem Ministerium zur Beratung vorzulegen". .