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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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Lmile G. Hirlch. mile G. Hirsch ist am 22. Mai 1852 in Luxemburg geborensiedelte . mit seinem' Vater Samuel Hirsch 1866 nach Philadelphia über,, absolvierte dort das Gymnasium und die Universität von Pennsylvania und kam 1872 nach Berlin. Dort setzte er bis 1876 an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und an der Universität seine Studien fort und machte in dem letztgenannten Jahre sein Doktorexamen in Leipzig. Daraus kehrte er nach Amerika zurück, wurde zuerst Rabbiner der Har-Sinai-Gemeinde in Baltimore, kam 1878 nach Louisville, 1880 nach Chicago, wo'er nun bereits 30 Jahre mit dem höchsten Erfolge als Rabbiner einer der entschiedensten Reformgemeinden wirkt. JmJahre 1892 wurde er zum Professor der orientalischen Sprachen, speziell der rabbinischen Literatur an der dortigen Universität ernannt und entfaltete auch hier eine, bis aus den heutigen Tag ausgedehnte, segensreiche Wirksamkeit. Ein Jahr lang war er Präsident der öffentlichen Bibliotheksbehörde in Chicago, im Jahre 1896 Wahlmann für den Staat Illinois bei der Repräsentantenwahl, seit 1901 Mitglied und zweiter Vorsitzender der Aufsichtsbehörde über die öffentlichenWohlfahrtsanstalten des Staates. Seit 1892 ist er Herausgeber eines der verbreitetsten und angesehensten amerikanischen jüdischen Journale, des „Reform Advocate" (früher war er Mitredakteur des jetzt eingegangenen Blattes „Der Zeitgeist", das in Milwaukee . in deutscher Sprache erschien). Er war Mitherausgeber und Mitarbeiter der „Jewish Encyclopedy", redigierte daselbst vom dritten bis zum Schlußband alle biblischen Artikel. Bon selbständig erschienenen Schriften seien genannt: „Ueber Jesus und das Judentum", „Die Kreuzigung vom jüdischen Standpunkt", ferner eine kleine philosophische Schrift „Ueber Materialismus und Judentum". Eine Anzahl Reden ist in einem Sammelband gedruckt. Mannigfache Beiträge finden sich in dem „American Journal for Oriental Philology". sie handeln besonders über die Psalmen und biblische Textkritik. Neben seiner ausgedehnten Tätigkeit als Rabbiner, Universitätslehrer und Journalist wirkte und wirkt er auch noch als Wanderredner in ganz Amerikain Vorlesungen über jüdische Themata vor einem meist christlichen Publikum. Diese kurzen Notizen, die ich Herrn Hirsch verdanke, mögen durch ein paar Worte ergänzt werden. Cmile G. Hirsch steht in der Vollkraft seines Lebens. Er " ist Fin gottbegnadeter Redner. In der letzten Zeit hat er sechsmal in Berlin öffentlich gesprochen: viermal in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, einmal im akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur und einmal auf dem Religionskongreß. In den ersten vier Vorlesungen behandelte er Wesen und Entwicklung des amerikanischen Judentums, im Verein zog er eine Parallele zwischen Puritanern und Juden, im Kongreß erläuterte er die Frage, was das moderne Judentum der freiheitlichen Bewegung genutzt habe und noch nützen könne. Unsere Zeitung hat von den meisten dieser Vorträge berichtet. Wer, wie der Unterzeichnete, das Glück gehabt hat, alle diese Vorträge zu hören, der mußte über die Beredsamkeit, die Vielseitigkeit, die Gelehrsamkeit und die leichte, mit Scherzen gemischte Anmut des Redners staunen. Genaueste Kenntnis seiner Themata verbindet er mit herzergreifendem Pathos. Der Hörer spürt, daß vor ihm ein Mann steht, der Leben und Lehre zu schönster Einheit gestaltet hat. Die höchste Kunst, ohne jede Spur von Künstelei. Mit einer unnachahmlichen Geschicklichkeit weiß er Jahrhunderte zu überblicken und darzustellen, mit der größten Anschaulichkeit die Gegenwart vor unserem Blicke erstehen zu lassen; er rührt und erhebt. Er rührt durch die tiefe Pietät, die' er für seine Lehrer: seinen Vater und Schwiegervater, die unvergeßlichen S. Hirsch und D. Einhorn, besonders für seinen Heimgegangenen Meister Abraham Geiger hegt. Er drängt sie immer hervor, um seine eigenen Leistungen in den Hintergrund zu stellen. Er weiß zu erheben und mit sortzüreißen durch seine Begeisterung und feine Glut. Dieser moderne Mensch, der sich scheinbar gehen läßt in Auftreten und Redeweise, ist in tiefem Innern erfüllt von der Heiligkeit des Judentums und der Allgewalt der Religion. Er kennt keine Form, um so treuer wahrt er den Inhalt; das Tote ist ihm vergangen, um so kraftvoller strotzt ihm das Leben. Ihm ist Reform das, was sie sein soll; nicht nur eine Abschaffung des Zeremoniells, sondern eine Erfüllung der Religion mit neuem Leben, die Verinnerlichung der alten, unvergänglichen Wahrheit, die sichere Hoffnungsfreudigkeit auf den unausbleiblichen Triumph. Amerika kann stolz sein. Prof. Gmile G. Hirsch . Rabbiner in Chicago.

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