Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ebenfalls im Verlag Morijah in Odessa eine kleine Sammlung aggadischer Stücke für den Unterricht. Hätte die Schulbibel nicht Bilder, die großenteils so wenig den berechtigten Anforderungen entsprechen, daß man aus diesem Grunde das Buch den Schülern nicht in die Hände geben kann: wir würden wenigstens ein Schulbuch haben, das den gegenwärtig im Gebrauch befindlichen weit vorzuziehen wäre. Wann aber erscheint ein gutes hebräisches Schulbuch für uns? Hermann Vogelstein. Dir Woche. Berlin, 23. August. n dem letzten Hefte der „Zeitschrift für Politik" veröffentlicht Dr. Rudolf Wassermann eine längere Abhandlung, worin er die Bedeutung des jüdischen Elementes für die Ostmarkenpolitik dahin zusammenfaßt: Die. Juden sind ein Bestandteil der deutschsprechenden und deutschdenkenden Bevölkerung. Ihre Verminderung ist daher, wenn nicht quantitativ und qualitativ gleichartiger Ersatz für sie geschaffen werden kann, mit einer Einbuße des Deutschtums identisch. Seit 1834 hat sich nun aber, wie der Verfasser nachweist, die Abwanderung der Juden aus der Ostmark in weit höherem Maße vollzogen als die Einwanderung, wozu der Antisemitismus und schikanöse Maßregeln der gegen die Juden gerichteten Kolonisationspolitik das ihrige beitrugen, während in gleichem Maße der Anteil der Polen an der Bevölkerung der Ostmark gewachsen ist. So bricht sich denn allmählich in weiteren Kreisen die Ueberzeugung Bahn, daß der Antisemitismus in der Ostmark am wenigsten am Platze ist, und der Marienwerder Bürgermeister Zitzlaff verleiht in seiner im Auftrag des Vereins für Sozialpolitik gefertigten Studie über die kleineren Städte der Provinz nur dem allgemeinen Urteil aller objektiv Denkenden Ausdruck, wenn er sagt: „Mag man über den nationalen Wert der Juden denken, wie man will, jedenfalls ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen . . . Mancher könnte sogar geneigt sein, die Abwanderung der Juden als besonders schweren Verlust zu bezeichnen, da der jüdische Kaufmann besonders geschäftstüchtig und deshalb besonders widerstandsfähig ist, und wohl auch am ehesten das Geschick hat, Verkehrsbeziehungen zu der polnischen Bevölkerung zu unterhalten." Es sind nun von kaufmännischer Seite die Mittel angegeben worden, die tauglich wären, um den Handel wieder zu kräftigen. Es handelt sich um nicht weniger und mehr als um einen Bruch mit der bisherigen Wirtschaftspolitik.' „Oeffnung des sich mehr und mehr abrundenden und abschließenden Wirtschaftssystems" heißt die Devise. Allein diese Postulate, durch deren Erfüllung auch die Lage der Juden erträglicher gestaltet würde, haben wenig Aussicht auf Erfüllung. Die Regierung erwartet von dem neuen System Erfolg und wird sich darum schwerlich zu einer Aenderung entschließen. So wird die Situation bleiben wie bisher: Auf deutscher wie auf polnischer Seite Organisationen, die die Tätigkeit der Juden in Posen und Westpreußen einengen, indem sie den agrarischen Zwischenhandel ausschalten und teils offen, teils heimlich antisemitische Strömungen verstärken und ausnutzen. Eine wirtschaftliche Situation und eine gesellschaftliche Stimmung, die den Juden den Aufenthalt verleiden. Die Abwanderung, so schließt der Verfasser, wird anhalten, und wohl nur zu spät wird die Regierung einsehen, daß sie zwar den Teufel vertrieben hat (durch Stärkung der deutschen Organisationen), aber nur mit dem Beelzebub durch Aufopferung der Juden. * Folgenden sehr beherzigenswerten Artikel finden wir in der „Frankfurter Zeitung": Die Gleichberechtigung im Reichsgericht. Die „Vossische Zeitung" erzählt folgende Geschichte aus' neuester Zeit: „War da irgendwo ein Oberlandesgerichtsrat, der als schneidiger Korpsstudent die Kollegia dennoch nicht geschwänzt, als Offizier dem Kaiser gedient, als Staatsanwalt seine Pflicht getan und sich allgemach einen Ruf erworben hatte, daß man von Amtsgenossen auf die Frage, ob sie ihn kennen, die verwunderte Antwort erhielt: „Den nicht kennen? Es ist der beste Jurist in unserem Lande!" Das meinte auch seine Regierung und erkundigte sich bei ihm, ob er bereit sei, Reichsgerichtsrat zu werden. Er sagte, zu, und sie schlug ihn vor. Aber siehe da, in Berlin zog man die Augenbrauen hoch, und vom Reichs-Justizamt wurde abgewinkt, weil das Reichsgericht — judenrein bleiben müsse. Der Staatsmann, der den Oberlandesgerichtsrat vorgeschlagen hatte, ist ein Konservativer durch und durch, aber dieses Verfahren brachte selbst ihn in Harnisch; er wollte eine Plenarentscheidung des Bundesrats herbeisühren. Doch er wurde beschwichtigt und freundlich zu- oder abgeredet, und, wie es so zu gehen pflegt, er fügte sich schließlich um des lieben Friedens willen. Der Oberlandesgerichtsrat ist inzwischen Landgerichtsdirektor und Geh. Justizrat geworden. An das Reichsgericht aber kam jüngst ein christlicher Rat von demselben Oberlandesgericht, dem der abgelehnte Jude angehört hatte." Wenn diese Darstellung zutrifft, so muß man in der Tat fragen, welchen Sinn eigentlich das Gesetz vom 3. Juli 1869 hat, über dessen gewissenhafte Beobachtung das Reichs-Justizamt zu wachen hat. Nach diesem Gesetz soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde» und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Aemter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein. Aber dieses Gesetz ist freilich schon so oft verletzt worden, daß man sich fast schon wundert, wenn es einmal beachtet wird. Man klagt in Regierungskreisen so viel über die abnehmende Achtung vor dem Gesetz, und auch von dem früheren Staatssekretär des Reichs-Justizamts ist diese'Klage wiederholt erhoben worden. Der von der „Vossischen Zeitung" erzählte Fall soll nicht mehr in die Zeit des jetzigen Staatssekretärs fallen. Wenn aber das Reichs-Justizamt zu der Zeit, wo diese Klagen ertönten, selber eins der wichtigsten Gesetze, das über die Gleichberechtigung, so wenig beachtete, so brauchte sein Leiter nicht erst lange nach den Gründen der von ihm beklagten Erscheinung zu suchen. Man sieht aus diesem lehrreichen Beispiel, wie es mit der Gleichstellung der Juden steht. Trotzdem hat die „Staatsbürger-Zeitung" die Stirn, in einem Artikel „Die Inden in der Statistik" zu behaupten, daß den deutschen Juden seit vier Generationen alle Berufe zugänglich sind. Sie teilt nach der jüngsten Berufszählung folgende Aufstellung mit: Es kamen aus 100 Berufstätige: in Landwirtschaft usw. 1895 Deutsche Juden 36,2 1,4 1907 Deutsche Juden 32.7 1.3 in Industrie.. . 36,1 19,3 37,2 21,9 in Lohnarbeit wechselnder Art. . 1,9 0,4 1,6 0,5 in sogenannten freien Berufen 6,1 6,2 5,7 6,5 Summa: Produktive Gewerbe 80,3 27,3 77,2 ' 30,2 ferner in Handel und Verkehr . . . . 10,2 56,1 11,5 , 50,6 „Berufslose".. . 9.4 16,7 l i,3 . 19,2 Summa: Unproduktive Gewerbe: 19,6 72,8 22,8 69,8 Statt aus dieser Zusammenstellung die einzig zutreffende Folgerung zu ziehen, daß die im Handel und Verkehr Tätigen