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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-26 · Heft 34 (26.8.1910) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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898 mittelalterlichen Zustandes findet man gelegentlich noch heute. So hat mir im Jahre 1898 ein junger Kollege auseinandergesetzt, daß er für seine überaus zahlreichen Unterrichtsstunden einer Vorbereitung überhaupt nicht bedürfe, weil der gesamte Unterricht lediglich in Uebersetzung aus Bibel und Gebetbuch usw. bestehe; das könne er auch ohne Vorbereitung. Mir ist dieser Ausspruch in der Erinnerung geblieben als ein Beweis dafür, daß seitens der Rabbinerbildungsanstalten auf die pädagogische Schulung der Hörer nicht genügend Gewicht gelegt wird oder wenigstens vor 12 Jahren nicht genug Gewicht gelegt wurde. Es sollte heute niemand zum Rabbinatsexamen zugelassen werden, der sich nicht zuvor über seine pädagogische Befähigung ausreichend ausgewiesen hat; oder es sollte der Nachweis der Pädagogischen Befähigung einen wesentlichen Teil des Rabbinatsexamens bilden. Denn in immer steigendem Maße hat der moderne Rabbiner seine Tätigkeit auf dem Gebiete des Religionsunterrichts zu entfalten. Doch diese Frage bedarf einer eingehenderen Behandlung. Welche Stellung soll das Hebräische im jüdischen Religionsunterricht einnehmen? Durch die Formulierung der Frage ist die Antwort bereits vorgezeichnet. Der hebräische Unterricht ist uns nicht Selbstzweck, nicht die Erlernung der hebräischen Sprache in ihrer biblischen oder nachbiblischen, am allerwenigsten in ihrer modernen neuhebräischen Ausprägung ist die Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichts. Wer es für zweckmäßig hält, seinem Kinde derartige Kenntnisse beizubringen, der mag ihm Privatunterricht erteilen lassen. Die Stellung des Hebräischen im jüdischen Religionsunterricht bestinnnt sich nach folgenden zwei Gesichtspunkten. Unser Gottesdienst ist in den meisten Gemeinden überwiegend, ausnahmslos aber zu einem erheblichen Teile hebräisch; selbst die Berliner Reformgemeinde hat einzelne bedeutsame Stücke und die Thoravorlesung in hebräischer Sprache beibehalten. Der Religionsunterricht muß die Schüler zur lebendigen Teilnahme am öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde befähigen, sonst ist er ein Torso. Darüber hinaus wird man zweitens verlangen müssen, daß die Schüler besonders wichtige Sätze aus der Bibel in der Ursprache kennen und verstehen lernen. Denn wir haben keinerlei rezipierte Bibelübersetzung; jede Uebersetzung gilt uns nur als Hilfsmittel, maßgebend und grundlegend bleibt der Urtexi, Verständnis des Gebetgottesdienstes wenigstens in seinen wichtigsten Stücken und Einführung in die Bibel im Urtext ist das Ziel des hebräischen Unterrichts. Es wird nicht leicht ein jüdischer Religionslehrer mit den erreichten Erfolgen zufrieden fein, Im besten Falle erreichen wir, daß die Schüler sich ein gewisses Maß hebräischer Kenntnisse aneiguen, das dann nach wenigen Jahren meist vollständig und unwiederbringlich vergessen ist. Verschiedene Ursachen wirken zusammen, um dieses unerfleuliche Resultat herbeizuführen. In der Religionsschule sind Schüler der verschiedensten Lehranstalten, den verschiedenen Klassen angehörig, in einer Klasse vereinigt; der Sonntagsunterricht wie der Nachmittagsunterricht erfreut sich naturgemäß nicht gerade großer Beliebtheit, überdies bleiben in der Religionsschule die Knaben kaum über das 14., die Mädchen nur in geringer Zahl über das 15. Jahr hinaus. An den höheren Lehranstalten wiederum ist die Stundenzahl für den Religionsunterricht so knapp bemessen, daß in den meisten Gemeinden hebräischer Unterricht dort überhaupt nicht erteilt wird. Das ist nach meiner Auffassung ein großer Fehler, weil die Erfahrung lehrt, daß 85 bis 90 Prozent der Schüler nicht noch einen hebräischen Ergänzungsunterricht genießen. Man hat in mehreren Gemeinden eine ganze Generation ohne alle hebräischen Kenntnisse heranwachsen lasten und dennoch gleichzeitig den Gottesdienst in hebräischer Sprache beibehalten, eine der zahlreichen Inkonsequenzen und Halbheiten, an denen und unter denen unser Judentum in der Gegenwart recht schwer leidet. Troß dieser Schwierigkeiten würden wir dennoch durchaus befriedigende Erfolge erzielen können, wenn Methode und Hilfsmittel auf der Höhe stehen würden. Der hebräische Unterricht ist der einzige Zweig des Religionsunterrichts, der noch bis aus die vormendelssohnsche Zeit zurückgeht, und hier .ist die Kontinuität in recht bedauerlichem Maße nachzuweisen. Unserem hebräischen Unterricht haftet noch zu viel vom Cheder an. Das Cheder hat trotz seiner pädagogischen Unzulänglichkeit recht große Erfolge erzielt durch einen unverhältnismäßigen Aufwand an Zeit und Kraft. Die Gegenwart macht einen solchen Aufwand unmöglich; da versagt denn auch dieChedermethode. Dabei soll keineswegs verkannt werden, daß auch diese alte Chedermethode pädagogisch ihre guten Seiten hatte, nur, daß auch die Vorzüge durch das Uebermaß schädlich wirkten. Aber wir haben im hebräischen Unterricht noch ein gut Teil dieser Chedermethode. Nach wie vor wird vom zweiten oder dritten Unterrichtsjahre an Gebetbuch oder Bibel (Pentateuch) als Schulbuch für den hebräischen Unterricht benützt; einige Hilfsmittel sind vielleicht noch für die erste Zeit zu verwenden, dann fehlt alles Weitere. Für den Anfangsunterricht hat man neuerdings das rein Mechanische mit Erfolg zu beseitigen, die Schüler zur Selbsttätigkeit anzuregen und den späteren Unterricht planmäßig vorzubereiten gesucht. Die Fibel von Abraham leistet in dieser Hinsicht ganz vortreffliche Dienste. Auch über diese Vorstufe hinaus bieten die Bücher von Abraham, Cohn und Levy mehr oder weniger Brauchbares. Aber wir müssen die Erfahrung machen, daß die Schüler, die den hebräischen Unterricht erfolgreich beginnen, in den späteren Schuljahren nicht mehr recht vorwärtskommen. Was wir brauchen, ist ein Unterrichtsbuch, ein hebräisches Lese- oder Uebungsbuch mit emigen grammatischen Tabellen und einem Glossar. Das Lesebuch müßte Lesestücke für die verschiedenen Stufen mit Berücksichtigung der bereits gewonnenen grammatischen und Vokabelkenntniste enthalten. Die Texte sollen vorzugsweise dem Gebetbuch und der Bibel, aber auch, was zur Belebung des Interesses dienen kann, der nachbiblischen Literatur entnommen sein. Der Vorzug eines solchen Lesebuches besteht einmal darin, daß die Auswahl der Stücke nach sprachlichen und sachlichen Gesichtspunkten erfolgen kann, und sodann, daß die Möglichkeit besteht, sprachliche Schwierigkeiten des Originaltextes in dem Lesebuch ohne weiteres zu beseitigen. Daß Gebetbuch und Bibel nicht geeignete Unterrichtsbücher sind, sollte nachgerade denn doch allgemein zugestanden werden. Wenn wir für unfern hebräischen Unterricht unter Berücksichtigung der erforderlichen Abweichungen im wesentlichen die Methode anwenden, die heute für den neusprachlichen Unterricht angewendet wird, wenn wir so auf der einen Seite ödes Grammatikpauken vermeiden, andererseits geistloses, mechanisches Eindrillen fernhalten, dann werden wir auch bei knapp bemessener Unterrichtszeit bessere Resultate erzielen. Aber freilich, dazu bedarf es eines guten Lesebuches.- Mit einem gewissen Neide habe ich in den letzten Jahren auf die Tätigkeit jüdischer Pädagogen und Schriftsteller in Rußland geblickt. Dort haben Rawnitzki und Bialik ein ganz vorzügliches biblisches Lesebuch, oder besser eine Schulbibel in hebräischer Spracheherausgegeben, und als Auszug aus einer vortrefflichen Aggadasammlung erscheint von denselben Verfassern

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