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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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zu lassen. Denn der wurde doch hie und da, wenn auch nur sehr kurze Zeit, ein wenig schwach. Und zwar dann, wenn die Mutter immer wieder an ihr Bett kam und sie liebkoste und sich um sie sorgte, ob es denn auch wirklich nichts zu bedeuten hätte mit ihrer Krankheit, oder ob sie nicht lieber den Arzt sollte holen lasten, und auch wenn der Vater kam und ihr streichelnd die Stirn befühlte, ob sie etwa sehr heiß sei. Sie mußte dann immer krampfhaft die Tränen zurückhalten, so traurig machte sie all das. Aber von ihrem Willen konnte sie nicht mehr lassen. Nur fand sie nach vielem Ueberlegen einen guitn Weg, ihn zu einem Ende zu führen. Denn nie und immer sollten ihre Eltern erfahren, daß sie diesen Weg freiwillig gegangen war und was sie auf ihn getrieben hatte. Das würde ja ihren Schmerz bis zum Wahnsinn steigern. Und es könnte sein, daß ihr Vater in seiner strengen Orthodoxie ihr gar, fände man ihre Leiche, was sie nicht einmal glaubte, ein ehrliches Begräbnis verweigern müßte, seiner eigenen Tochter. Und sie müßte wie jene paar unglücklichen Selbstmörder in der Gemeinde — Hermann Gabriel, dessen erinnerte sie sich noch, wegen eines schweren betrügerischen Bankerotts, der junge bucklige Arnold aus allzugroßer Liebe zu einem schönen Christenmädchen, und dann die anderen schon Verschollenen — müßte dort an der Friedhofsmauer im letzten Winkel liegen, abgesondert, noch im Tode ausgestoßen von den .anderen. Nein, sie wußte einen guten Weg. Draußen war prachtvolles Eiswetter. Und der Fluß war zugefroren, aber weiter hinaus der See bei Lupkowitz hatte Unterströmungen und fror nie fest zu. Vor zwei Jahren erst war doch der Sohn vom evangelischen Lehrer Willibald ertrunken, weil er sich zu weit hinausgewagt hatte... Als sie genauer an den See von Lupkowitz dachte, mußte sie auch an Don Diego denken, seltsamerweise, wie zufällig. Sie erinnerte sich au die vielen Male, zu denen sie mit ihm gemeinsam vom Schloßpark aus zum See hinübergeblickt hatte. Und das war das Merkwürdige, über das sie erstaunte: es war ihr, als läge das alles sehr, sehr fern zurück, so weit hatte sie das Reifen dieser einen Nacht von ihm entfernt. Und jetzt erkannte sie auch mit der fast, lächelnden Klarheit der Reife, daß er nur kommen mußte, um in ihr das Märchen vom Glück, das in ihr heimlich gelebt und auf den Entzauberer geharrt, zum wirklichen blutvollen Leben zu erwecken. Und daß nun dies Leben verblutete an der Wirklichkeit — ja, es war traurig, sehr traurig, aber doch viel, viel besser und glücklicher, als hätte sie es nie gelebt... Er aber war nur der Entzauberer. Deshalb war es wohl auch gleich, da er doch den Zauber hatte, ob er vielleicht gar nichts weiter war und sie nicht sehr liebte. . . Genug: sie hatte ihn geliebt! — Darum waren die paar Zeilen, die sie am nächsten Tage an ihn schrieb, auch ganz ohne eigentliche Sentimentalität und kleine Mädchenklagen. Sie könne das nicht tun, was er verlange, zumal sie jetzt wisse, daß er es nicht aus Liebe wolle. Sie ziehe vor, in den Tod zu gehen. Sie dankte noch für das Glück, das er ihr gegeben. Doch sie vertraue ihm, daß er es als so heilig achten würde, weder darüber noch über ihren freiwilligen Tod etwas zu verraten. Und nun fühlte sie sich ganz stark und ruhig. Am dritten Tag nach jener Nacht bat sie ihre Eltern um Erlaubnis Schlittschuh lausen zu dürfen. Die Mutter wollte erst nicht einwilligen, weil sie sehr ängstlich war. Der Vater aber meinte, es würde ihr nach der Zimmerluft doch ganz gut tun und das Eis sei sehr fest. Schnell sagte sie beiden „Adieu", weil sie sonst nicht länger diese herzzerreißende Wehmut eines unvermuteten Abschieds auf immer hatte ertragen können. Dann ging sie noch einmal in ihr Zimmer, um die Schlittschuhe zu holen. Und sie las hier mit inbrünstiger Gewalt aus der Mutter Buch der Frauengebete das Sterbegebet. -- Es war der achte Tag des Lichtfestes Chanüka. Der Tag dämmerte schon. Da hob sie, wie bei jenem ersten schweren Schicksalsgang, ihr semitisches Marienantlitz. Und es war, als läge ein mild verklärter Wehmutsschrei über ihrem Scheitel und leuchtete noch wundermild um das Oval ihres Gesichtchens herum. Und ging. Sie ging den Leidensweg durch die Stadt, die Stadt ihrer Kindheit, ihres junggestorbenen Glückes, ihres Lebens. Und die Stationen des Leidens wollen schier kein Ende nehmen. . . Und es war nicht einmal die schwerste, wie sie den Brief an Don Diego in den Postkasten steckte. Jede Erinnerung und jedes Liebgewordene war eine neue Leidensstation. Darum atmete sie tief auf wie schon halb erlöst, als sie auf dem Flußeise war und die Schlittschuhe an den Füßen hatte. Es waren nicht viele auf dem Else, nur mehrere kleine Jungen und Mädchen und hie und da ein paar ältere Bekannte — die meisten mußten ja in den Geschäften helfen — denen sie flüchtig grüßend auswich. Die Bahn war frei und weit. Da fühlte sie allmählich mehr und mehr die frische Bewegung des lautlosen, fast schwebenden Laufens in ihre Glieder gleiten. Und es kam, je weiter sie sich von den anderen entfernte, eine wunderliche Art schmerzvoller Fröhlichkeit in sie. Als wie sich der Klang eines leisen glücklichen Lachens mit dem eines langsam verhaltenden Weinens mischt. . . Sie wußte nicht recht, wie es war. Aber die holländischen Bögen, die sie von Kind an geübt, und die sie immer so freuten, wurden mit jedem größer, eleganter, voll schwingender, fast jubelnder Bewegung, als ginge es einem neuen Glück entgegen oder als erwache ihr erstorbenes Glück noch einmal vor ihrem eigenen Tode, um ihr den leicht zu machen... Ja, ihr Glück war auferstanden, weil sie sterben ging im Glauben an ihr Glück und eher.es sich solcher Art bewahren wollte, als ohne das zu leben. So reif war sie geworden, wie nur ganz reife Frauen sind Und juoeluder und schmerzvoll jubelnder schwang sie die schönen Bögen. O, sie schwebte ja in diese weite weiße Einsamkeit hinein! Links ließ der Fluß mit seiner Windung fern zurück den großen Wald. Und er flimmerte hinüber als eine gezackte weiße und dunkel geäderte Marmorwand. Rechts aber dehnte sich ihr Blick mit dieser endlosen leuchtenden Ebene. Und der Winterhimmel mit den funkelnden Sternen, deren von Minute zu Minute mehr wurden, wölbte sich über diese Ebene in solch mächtigem, einen schier mit emporhebenden Schwünge, daß er im tiefsten erlebten Gefühl zu einem brausenden Orgeltoue wurde und sie feierlich fröhlich stimmte. So noch fühlte sie sich dieser mächtigen Ewigkeit und gleich dem verirrten Klang eines schönen Liedes, der nun in diese bezwingende gewaltige Ewigkeitssinfonie hinein schweben mußte. Und sie schwebte und schwebte — alles Schwere war von ihr gewichen. Sie sah nicht vorwärts auf die Bahn. Immer tiefer trank sich ihr Blick in die Weite, in die Ewigkeit. Nun mußte der See kommen. Jetzt krachte das Eis, hier, da, wieder. Krampfhaft hielt sie den Blick in die Weite. Sie zitterte. Und ihre Lippen bebten! LebmaKbroet adonaj elauchenu adonaij echod .. . Noch einmal dieselben Sterbens- und Bekenntnisworte. Das dritte Mal, noch in diesem Bogen — krach, krach, krach — birst das Eis. Ein einziger Schrei! Schnell verklingt er als der verirrte Klang in der gewaltigen Ewigkeitssinsonie dieser weißen einsamen Weite .. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin

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