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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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Die lklsgrwrjbkr. Novelle von Joachim Friedenthal. (Schluß.) Sie hatte sich gleich, als sie nach Hause kam, zu Bett gelegt. Nicht weil sie sich eine kleine Erkältung geholt hatte und ein wenig fieberte. Es war ihr nur unmöglich, mit ihren Eltern das nötigste zu reden. Und die Mutter meinte gleich, sie sei krank, so bleich sah Recha aus, und . ärgerte sich, über ihre andauernden langen Spaziergänge.- Recha aber sagte, sie habe Kopfschmerzen und wolle schlafen, was der Vater auch fürs vernünftigste erklärte. So hatte sie Ruhe klar zu werden. Aber zuerst flimmerte noch immer schmerzhaft und verwirrend das Weiß des großen verschneiten Waldes vor ihren Augen. Und es war ihr, als stampfe sie noch immer in dieser entsetzlichen Starrheit des Erstorbenseins achtlos und mechanisch durch den tiefen Schnee. Bis sie zufällig an einer. Wegbiegung den getreulich folgenden Mulatten hinter sich erblickte und nun nur noch den einen jagenden Gedanken hatte, aus seiner Nähe zu kommen, nach Hause, nach Hause ... Jetzt aber hörte sie; deutlich über das flimmernde Bild des verschneiten Waldes hinweg Don Diegos scharfe, erregte Stimme: „Erst sollst Du das tun! Du mußt es tun!" Und tausend Stimmen erwachten da in ihr aus der lähmenden Starrheit und riefen und schrien und weinten ohne Tränen, alle wirr durcheinander wie Klageweiber an einem Totenbett. Und immer wieder dazwischen Don Diegos Stimme, deren Bitte befahl: „Erst mußt Du das tun!" — aber wie aus einer großen Ferne: Und diese Klageweiber , schrien an dem Totenbett ihres Glückes so unaufhörlich, als könnten sie das verstorbene Glück wieder lebendig schreien. Und sie hielten nur hier und da ein, um zu horchen, ob es denn ganz wirklich tot sei, oder nur todwund. Und sie trösteten und fragten und suchten Wege aus der Wirrnis, die dieser Tod in das Leben der kleinen jungen Recha Leon bringen würde . . . Eine von ihnen schrie hell, immer wieder, alle andern übertönend: „Er will es ja gar nicht, um Deine Liebe zu erproben und aus Liebe zu Dir! Er will Dich ja nur als Rachewerkzeug! He! Hast Du es nicht deutlich genug erkannt!" Und viele stimmten dann ein in völlig ungeregeltem Chor: Ja, ja, nur aus Rache will er das! Aus Rache für seine Mutter und sich! Hast Du nicht seinen Blick gesehen, wie wild und grausam der wurde! Er will sich weiden an Deiner Schande und an dem Entsetzen der Gemeinde. Ja, weiden will er sich daran. Seine Macht will er zeigen! Das Werkzeug sollst Du ihm dazu sein! Eine aber tröstete kupplerisch freundlich: „Wenn er Dich aber heiraten will! — Er will Dich ganz gewiß heiraten, wenn Du das fertig kriegst. Er haks geschworen, und Du kannst ihm das unbedingt glauben, daß er seinen Schwur hält! Ach wie schön muß das trotzdem sein, richtig seine Frau zu sein, reich, geliebt, angesehen trotz allem, Kinder von ihm zu Haben, sie zu erziehen . . . Wie schön würde es doch sein, wenn. Du tust, was er will, und dann ist Dein Glück wieder lebendig." Da fielen die anderen in Ueberzahl wieder ein : Und Deine Mama? Und Dein Papa? Wird es das überstehen? Wie sie unglücklich werden und Du schweigen mußt und nichts sagen darfst, daß Dein Glück wieder auferstehen wird! Ha! — darfst Du dann überhaupt noch auf die Straße gehen? Kannst Du all den Geifer und die Verachtung und die tägliche, die stündliche Qual der Schande ertragen? Wirst Du nicht zertreten werden von all den wegstoßenden Fußtritten, die überall auf Dich lauern, daß Du überhaupt Dich nicht mehr erheben kannst? Und sie treffen Dich, wenn sie auch gar nicht gegeben werden. Nein, nein, nein! Es ist tot, es ist tot, es ist tot!— Eine aber, die bisher nur leise unter den anderen und unsäglich schmerzvoll vor sich hingewimmert hatte, sagte jetzt mit streichelnder Milde: Es kann doch aber gar nicht möglich sein, daß er Dich so wenig liebt! Denk doch an all die vergangenen Wochen! Es ist wohl so, daß er vor allem die Kraft Deiner Liebe erproben will. Du sollst Schweres, ja es ist wahr, unendlich Schweres sogar ertragen, um Deine Liebe zu beweisen. Mußte nicht Jakob auch sieben Jahre und nochmals sieben Jahre um Rahel dienen in harter Arbeit und Sehnsucht? Und eigentlich muß man sich doch erinnern an alk die deutschen Märchen und Sagen und Geschichten, die Dir alle so lieb und vertraut sind. Ließen darin nicht auch die Prinzessinnen und die Fürsten furchtbar schwere und auch unsinnige Taten für sich verrichten, bevor sie den so Auserwählten heirateten? — Nur um die Größe ihrer Liebe zu erproben. Und je schwerer die Tat war, desto größer die Belohnung. Und vielleicht, daß er Dir dieses Schwere nur aufträgt, um Dich gleich zum höchsten Glück zu erheben, wenn Du gerade in die tiefste Schmach fällst. Nur wollen mußt Du es! Denn er will Deine Liebe erproben. Da schrie die erste wieder gellend dazwischen, alle andern übertönend: Es ist nicht wahr! Er will es ja gar nicht, um Deine Liebe zu erproben und aus Liebe zu Dir! Er will Dich ja nur als Rachewerkzeug! Und wieder fielen die anderen in Ueberzahl mit ihrer wehklagenden Litanei ein, daß die mit der streichelnden Milde wieder ganz leise und unsäglich schmerzvoll vor sich hin wimmerte. ... Die ganze Nacht schrien und weinten also diese quälenden, tröstenden Klageweiber durcheinander. Die aber mit der gellenden Stimme wie aus Wahnsinnsorgien fand auch den lautesten Widerhall in Rechas Seele. Doch als der Morgen graue Lichter ins Zimmer stellte, wurden sie endlich still und gingen müd und verweint langsam fern von dem Totenbett. Da geschah in der großen Stille des Todes ein Seltsames mit des jungen Kindes Seele: sie ward ganz reif. War reif geworden in den Totenklagen dieser einen Nacht. Und diese Reise wußte, daß ihr Glück unausweckbar tot war und durch nichts zu beleben, daß es aber wirklich ein Glückgewesen war, das sie nun begraben sollte, und daß sie es wirklich gelebt hatte, ganz innig und tief erlebt hatte, wenn es auch nun erstorben war. ... Und so stark war ihre Reife, daß ein llöille in ihrer Seele erstand: Der Wille zu sterben, zu sterben mit ihrem Glück. Denn sie war so wissend geworden, daß sie erkannte, ihr ganzes Leben würde sonst künftig, gleich in welcher Art, nur eine Totenwache an der Leiche ihres Glückes und ihrer Liebe sein. ... * * * Erst hatte sie aber noch viel Trauriges zu überwinden. Alk die über die Maßen schwere Traurigkeit des Abschieds von einem jungen Leben und jenes Schmerzes, der den Schmerz der Eltern und alles Liebsten vorausfühlt. . Und sie blieb den folgenden Tag noch zu Bett, um allein zu sein, so viel wie möglich, und ihren Willen ganz stark werden

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