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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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Im Jahre 1810 bereits — ein Jahr nach seiner Gründung — erscheint das Krefelder Konsistorium auf dem Plane, um auch seinerseits den Kampf gegen das beschränkende Dekret aufzunehmen. Er wurde geführt durch wiederholte. Eingaben an Kaiser und Minister, durch Einholung von Zeugnissen der hohen Verwaltungs- und Gerichtsbeamten. Die erste Bittschrift an den Kaiser stellt scheinbar eine mehr gelegentliche Handlung dar. Den erwünschten Anlaß bot die Vermählung Napoleons mit der „Tochter der Cäsaren", .mit Marie Luise von Oesterreich. Die Anregung zu einem Akte der Huldigung mochte diesmal — wie bei früheren Gelegenheiten — bei kaiserlichen Siegen beispielsweise — vom beamteten Patriotismus ausgegangen sein. Die Mitglieder des Konsistoriums beschränkten sich nicht auf die geforderte Freudenbezeigung über des Kaisers zweite Ehe; sie hielten „dieses so glückliche Ereignis" (si heureuse et si importante pour la France) audj dazu geschaffen, in dem gleichen Schriftstücke die Gewährung der unverkürzten Menschen- und Bürgerrechte für die Konsistorial-; eingesessenen recht nachdrücklich — zu erbitten. In dieser „untertänigsten Eingabe" - vom 23. Mai 1810 werden die Wünsche der Konsistoriaten gar nicht so untertänig, gar nicht würdelos vorgetragen. Nachdem dem Kaiser in einigen den Verhältnissen angepaßten Wendungen der schuldige — oder verlangte Tribut ausgesprochen worden ist, heißt es in dem Schriftstücke: „Sire, Ew. Majestät haben geruht, einen gnädigen Blick auf Israel zu werfen. Sie haben die französischen Bekenner des mosaischen Glaubens aus den schimpflichen Verhältnissen aufgerichtet, in denen sie während so vieler Jahrhunderte geschmachtet haben... Sire, mögen Sie überzeugt sein,, ihre Gefühle der Dankbarkeit und Anhänglichkeit sind uyauslöschlich. Aber Sire, mit diesen innigen und tiefen Empfindungen, die in die Herzen der Israeliten eingegraben sind, mischen sich doch auch solche der Niedergeschlagenheit über die Einbeziehung unter die Bestimmungen jenes dritten Dekrets, welches Ew. Kaiserlich und Königl. Majestät am 17. März 1808 erlassen haben. Gewiß, wir verkennen nicht die großen und liberalen Absichten für unsere Besserstellung und die Besserung etlicher Schichten eines Volkes, das Schmach und Unbill manchmal unempfindlich gemacht hat gegen die Stimme der Ehre und gleichgültig gegen die Anforderungen der Gesellschaft. Auch die Herzen unserer Schutzbefohlenen.(administres) sind der Hoffnung geöffnet, nachdem wir die Güte bemerkt haben, die Ew. Majestät — neben den strengen Vorschriften gegen Verfehlungen — gegen einige Departements geübt haben, deren Angehörigen die unbeschränkten Rechte (justice) eingeräumt wurden. Diese ehrenvolle Ausnahmestellung eines Teils unserer Brüder — sie verdanken dieselbe ihrem fleckenlosen Ruf und dem Fehlen jeglicher Klage gegen ihre Haltung. Sire! Haben nicht die jüdischen Bewohner des Departements unseres Verwaltungsgebietes den gleichen Anspruch auf Ihr Wohlwollen, Ihre Gerechtigkeit? War ihre Haltung nicht diejenige guter Bürger? Hat. ihre Führung zu Klagen Anlaß gegeben? Wir wagen es zu versichern: ihre Führung ist eine untadelige, besonders diejenige der israelitischen Individuen des Roer-Departements, das fast die gesamte israelitische Bevölkerung unseres Bezirks in sich schließt. Ueber ihr Wohlverhalten haben die verschiedenen Autoritäten des Departements Zeugnisse ausgestellt, die mit einem Berichte des Präfekten dem Minister des Innern überliefert worden sind. Sire! Es ist erst ein Jahr her, -daß wir in.unsere ^O --^ liegenheilen eingetreten sind.- Wir haben alle Anstrengung uV gemacht, uns der wohlwollenden- Absichten .Eurer Majestät, würdig -zu zeigen. Wir haben auch die Genugtuung, zu-sehen, daß sie nicht erfolglos waren: und' daß-v fi$ günstig aufdie einer Veredlung fähiger Individuen eingewirkt chaben^ Aus diesem Grunde. wagen wirzu hoffen, daß die Haltung der von uns Verwalteten auch in Zukunft keinen Anlaß zu Klagen und Vorwürfen geben wird.. Wir schmeicheln uns daher, daß, Eure Majestät in gleicher Weise einen geneigten und. teilnehmenden Blick auf uns richten und uns die Befreiung von den Maßnahmen des dritten Dekrets gewähren wird, - mit, der schon unsere Mitbrüder in mehreren Departements begünstigt worden sind." Die Sprache dieser Eingabe — die wiedergegebenen Stellen schließen sich möglichst eng an die Wendungen des Originals — ist sicherlich keine unwürdige für Leute, die — so zu sagen — eben erst dem Ghetto entschlüpft waren. — Einen Grad — höfischer war das Schriftstück gehalten,, in dem der damalige. Minister des Innern, Graf v. Montalivet, von der Gratulations- und Bittschrift an den Kaiser benachrichtigt- und. gleichzeitig gebeten wurde, das Anliegen des Konsistoriums bei seinem Souverän zu unterstützen. In dem Schreiben an den Minister wird der Kaiser als Grand-Napoleon bezeichnet. Der Minister, den der Kaiser ermächtigt hat, ihm Ausnahme-Vorschläge zu unterbreiten, soll eine Befreiung, der rheinischen Juden von den Bestimmungen des kränkenden März-Dekrets befürworten. Und wenn diese Vergünstigung noch nicht für die Gesamtheit der Krefelder Konsistorialen zu erlangen sei, so möchte sie doch denjenigen des Roer-Departements oder doch zum mindesten den jüdischen Einwohnern der wichtigsten Städte darin zugestanden werden. . ' Die Eingaben an Monarch und Minister führten nicht zur Aufhebung der beschränkenden und kränkenden Bestimmungen. Im Oktober 1811 bereiste Napoleon zum zweitenmal die rheinischen Departements. Am 1. November wurde er in Krefeld erwartet. Die Mitglieder des Konsistoriums hatten sich bereitgehalten, dem Kaiser ihren Herzenswunsch, jetzt auch mündlich vorzutragen. Der Kaiser kam diesmal aber nicht nach Krefeld. Da entschlossen sich „les membres du Consisloire“ zu einer erneuten Eingabe an den Herrscher, die. sich von der früheren in Form und Begründung nicht allzuweit entfernt, darüber hinaus aber durch zwei bedeutsame Hinweise geeignet war, eine eindringlichere Wirkung zu üben. Das Konsistorium hob — wiederum gestützt auf die Zeugnisse der Autoritäten seine erziehlichen Erfolge bei den Individuen hervor, die solcher Einwirkung bedurft hatten. „Mehr und mehr wenden sie sich einem nützlichen Gewerbe, den Künsten, dem Ackerbau, überhaupt einem ständigen Berufe zu." Zuletzt führt das Konsistorium als eindruckvollstes Motiv den Patriotismus der jüdischen Soldaten ins Feld, „die zur Verteidigung des Vaterlandes berufen — mit Begeisterung der Fahne folgen und mit Eifer dorthin marschieren, wohin die Stimme der Ehre sie ruft." : Vielleicht hätte eine solche Argumentation den Widerstand des scheinbar Unbesieglichen doch überwunden. Schon aber war der Gedankenkreis des Kaisers völlig dem russischen Feldzuge zugewandt, und dieses Riesen-Unternehmen entzog den so viel kleineren Dingen die Beachtung des Kaisers und wohl auch die seiner Berater.

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