Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228941--66744-3278897
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

392 ferner unter Domitian erst veröffentlichten Beschreibung des jüdischen Krieges als ursprünglichen Aufwiegler des vorher ruhigen Galiläas darstellte, welches er freilich später im Stiche ließ. Fand Justus damit Glauben, so war nicht nur die Stellung, sondern Wohl auch das Leben des Josephus bedroht. So blieb — und das ist wohl die schwerste Sühne, die er für seine unleugbare Schuld leisten mußte — ihm nichts übrig als im Widerspruche mit seinen, der Wahrheit näherkommenden Angaben im „jüdischen Kriege" in seiner Biographie zu beweisen, daß er von Anfang an ein Freund der Römer gewesen — er sei nur nach Galiläa gegangen, um die schon in vollem Aufstand Begriffenen zu beschwichtigen; habe er dort etwas gegen die römische Partei getan, so sei er dazu vom Volke gezwungen worden und habe es nur unternommen, damit er, der Friedensfreund, nicht beseitigt und durch einen Schlimmeren ersetzt werde. Ich habe stets bei diesem Kapitel die Empfindung gehabt, als lese ich Geständnisse, wie sie im Mittelalter den Angeklagten durch die Tortur abgepreßt werden. Und die gerechter urteilende Nachwelt hat sie auch so aufgefaßt und ihn gegen seine falsche Selbstbezichtigung in Schütz genommen. Die Nachwelt sage ich — denn es liegt eine tiefe Wahrheit in dem Spruche Laotses „Klar sieht, wer von Ferne sieht und nebelhaft, wer Anteil nimmt. Seinen Zeitgenossen wird es niemand verdenken können, wenn sie in ihm nur den Üeberläufer zu den Römern sahen, ihn bitter haßten und verfolgten und für seine schriftstellerischen unleugbaren Verdienste kein Auge und kein Verständnis hatten^ Sie straften ihn mit schweigender Verachtung. So versank sein Name und seine Leistung in immer tiefere Vergessenheit. Desto beliebter wurde er bei den Christen: Sein Ansehen in der Christenheit rührt zu einem Teile wohl von der Fälschung oder Interpolation her, die in seine Archäologie die Stelle hineinbrachte von Christus. Daß diese Sätze nicht von Josephus selbst geschrieben sein können, darf heute wohl als allgemein zugestanden gelten?) solange sie aber für echt galten, mußte Josephus als einer der ersten Herolde des Christentums hoher Ehren teilhaft werden, so hoher, daß er selbst unter den Kirchenvätern angeführt wird, ja, nach Whiston (in seiner Ausgabe des Jos., London, 1737) als Bischof von Jerusalem sein Leben beschließt. Zum anderen aber daher, daß seine Schriften — in erster Reihe die Archäologie — nächst der Bibel nichtjüdischen Lesern die beste Auskunft über die jüdische Geschichte und Religion darboten. Doch auch bei uns hat ihm die Neuzeit zu einer gerechteren Würdigung verholfen- Hatte schon Ewald in seiner Geschichte dahin sich geäußert, daß er „eigentlich kein Verräter" gewesen, so ging Paret (in seiner Einleitung zur Uebersetzung (Seite 32) des „jüdischen Krieges") noch weiter: „In dem Befreiungskampf für sein Vaterland kann er als „gemäßigter Patriot"2) bezeichnet werden, nicht aber verdient er den Namen eines Verräters, eines Apostaten und Renegaten, der, wie zu seinen Lebzeiten, auch neuerdings wider ihn geschleudert worden ist. Denn auch nach seinem Uebergange zu den Römern bleibt er Jude, ein eifriger Bekenner und mutiger Verteidiger seiner y Vergl. hierzu den Aufsatz von Bernfeld im Jahrbuch für jüdische Geschichte (1910). Am kürzesten und treffendsten hat Schöll in seiner griechischen Literaturgeschichte (2, 385) den jüdischen Ursprung dieser Stelle zurückgewiesen: „sie ist allzulang und allzukurz, um ursprünglich in das Werk zu gehören; sie sagt zuviel, um einem Ungläubigen anzugehören, sie ist zu kurz für einen Christen/ 2) Dies erinnert an Niebuhr, der (Kleine historische und philosophische Schriften, 1. Sammlung über Xenophons Hellenika) Plato einen „nicht guten Bürger" nennt. Religion. ' Allerdings verschweigt er manches, was den Heiden anstößig sein konnte (so z. B. in der alttestamentlichen Geschichte den Totschlag, den Moses beging, die Anbetung des goldenen Kalbes, den Aussatz der Myrjam, die Himmelfahrt des Elias u. a. m.) aber er gibt keine der Wahrheiten preis, die der Hut seines Stammes anvertraüt waren; ja er geht gegen das Heidentum selbst angriffsweise zu Werke, wobei die Klugheit freilich gebot, so viel als möglich Heiden selbst, nämlich die griechischen Philosophen, welche an der Auflösung der Volksreligion arbeiteten, reden zu lassen ... Was ihn tröstete, war nicht etwa bloß das Gefühl persönlichen Wohlbehagens im Sonnenschein kaiserlicher Gnade, sondern ein höherer Gedanke; nämlich der Gedanke an die weite Verbreitung der jüdischen Religion? Ein berühmter heidnischer Zeitgenosse des Josephus führt eben über dieses Umsichgreifen des Judentums Klage in den Worten: usque eo sceleratissimae gentis, consuetudo convaluit, ut per omnes terras recepta sit; victi victoribus leges dederunt1). Ganz ähnlich nun beschreibt Josephus die jüdische Religion als wahre Weltreligion (jüd. Kr. 4, 5, 2 und C. Ap. 2, 39). Das Gesetz ist zu allen Menschen hindurchgedrungen, und die Juden sind die eigentlichen Lehrer des Menschengeschlechtes. (6. Ap. 2, 41.) Ohne Zweifel war dieser Gedanke sein Trost im Hinblick auf die äußerlich so unglückliche Lage seiner Nation. Ihren wahren Beruf, den Monotheismus zur Weltreligion zu erheben, glaubte er wohl, könne sie in diesem Zustande äußerer Unfreiheit und der Zerstreuung ebensogut oder noch besser erfüllen, als wenn sie einen selbständigen Staat gebildet haben würde. Nachdem Paret beklagt, daß Josephus anstatt wenigstens freiwillige Armut zu wählen, sich mit der Gunst der Verwüster seines Landes und der Vernichter seines Volkes brüstet und sich von ihnen palästinische Landgüter schenken läßt, schließt er mit: den Worten: „Dieser Fleckerl aber ist nicht groß genug, um ihm jene oben angeführten harten Vorwürfe zuzuziehen, denn er hat doch wenigstens aus dem Schiffbruch seines Volkes und seiner persönlichen Mannesehre, die Liebe zu seinem Volke und dessen höchsten Lebensgütern, den Glauben an seine höhere weltgeschichtliche Bestimmung, ja sogar die Hoffnung auf seine einstige Wiederherstellung gerettet". Nüchterner und maßvoller spricht sich Schürer darüber aus.2) „Josephus war nicht der ehrlose Vaterlandsverräter, als welchen er sich selbst später geschildert hat, wenn er auch den Uebergang zu den Römern und den innigen Anschluß an das flav. Kaiserhaus mit mehr Gewandtheit und Gleichmut vollzogen, als es einem um den Untergang seines Volkes trauernden Israeliten geziemt hätte." Und wenn Grätz (3. Band, Seite 213) die vita des Josephus ein „Schandmal" nennt, das er sich selber gesetzt, so nennt er dafür doch die „Altertümer" ein Nationaldenkmal, durch welches Josephus durch seine Schrift gegen Apion den Dank der Juden sich erworben. Hat er die Bürger kröne des Patrioten verwirkt, so gebührt ihm als Schriftsteller der Lorbeer" kranz. Um vieles wärmer noch ist Hamburger in seiner Realenzyklopädie, 2. Abteilung, S. 505. „Es ist eine Art Versöhnung, die Josephus, der ihn wegen Verräterei anklagenden Judenheit hinreicht. Er hat sich mit uns versöhnt, ruft die jüdische Nachwelt ihm heute zu, und reicht dem Geächteten und Verstoßenen wieder die Bruderhand. Er verstand die Waffen des Geistes besser zu führen. y Leneea in einem Fragment der Schrift 6s superstitione* bei Augustin de civ. di 6, 11. 2) Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi 3. und 4. Auflage, 1. Bd. S. 93.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.