Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228941--66743-3278896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 301 so rätselhafte und unverständliche, und darum auch von Männern wie Tacitus und Ptutarch so arg. verkannte und geschmähte Lehre so mannhaft und mutig eingetreten. Warum aber versagte ihm gegenüber diese Dankbarkeit? Warum fand seine ursprünglich nur für Juden bestimmte, hebräisch abgefaßte Schilderung des jüdischen Krieges keinen Platz in unserem Schrifttum? Warum wird sein Name im Talmud nie erwähnt?^) Es lag außerhalb der Aufgabe, die sich Bernseld gestellt, diese Fragen aufzuwersen; er will ja nur anregen zu einer Sammlung und einer unseren heutigen Verhältnissen angepaßten Verarbeitung der schlagendsten und treffendsten Stellen aus Josephus Schutzschrift, die sicherlich,' falls sie Leser -fände, großen Nutzen stiften könnte. Denn aus so niedrigen Motiven bei nicht wenigen der moderne Antisemitismus entsprungen und noch heute entspringt bei vielen ist doch nur die krasse Unkenntnis des Judentums der Hauptgrund ihres Verhaltens. Die Antwort aber auf diese Fragen gibt Bernfeld doch, in dem einen freilich sehr mild gehaltenen Satze: „Josephus gehörte nicht zu den Menschen, die überall und stets mutig und selbstbewußt für ihre Ueberzeugungen eintreten." Sein Leben bietet eine traurige Illustration des demokritischen. Spruches ■■rftos ^vfrpwmi) Ba^wv nach Göthes freier Übertragung: „Des Menschen Schicksal ist sein Charakter." Was Vernäht) in seiner leider Fragmentgebliebenen Charakteristik Gibbons von diesem sagt, gilt wörtlich auch von Josephus: „wie jene Französin von Lafontaine sagte „c’est un fablier"3), so war auch Gibbon „ein Strauch, an dem Geschichtsschreibung wuchs", ein großer Mensch, der unabhängig von seinem Buche für die Nachwe lt noch etwas bedeuten könnte, war Gibbon nicht. Wenn Schiller in seiner Ankündigung zur Thalia gesagt: „Den Schriftsteller überhüpft die.Nachwelt, der nicht größer ist als seine Werke" und Gödecke (Biographie Schillers S. 304), das für einen wahren Ausspruch erklärt, so mag es bei Dichtern so sein; daß es bei Historikern nicht immer so ist, beweist nach Bernahs Gibbon, und wie wir hinzusügen, auch Josephus. Auch sein Werk ist größer als der Meister. Dies Urteil mußsjedem sich aufdrängen, der seine Schriften aufmerksam liest. Da ist es zunächst eine unbändige Eitelkeit, die als ein Hauptzug seines Charakters sich offenbart. In seiner Autobiographie erzählt er von dem Erstaunen, das er als „Wunderkind" erregt durch seine Gelehrsamkeit, die so bedeutend gewesen, daß die angesehensten.Gesetzeslehrer sich bei ihm, dem vierzehnjährigen (vita 2) Rats erholten. Kann es uns dann wundern, daß er4) von dem gereiften Mann wörtlich sagt: „ein Ueberläufer brachte dem Vespasian die 1) Die Vermutung von Grätz (Monatsschrift 1877), der Brüll (Jahrbuch IV, 401) zustimmt, daß der (Derech. Erez 5) Philosoph, an den die vier „Sekenim“ in Nom um Förderung ihres Anliegens sich wenden, Josephus gewesen, lehnt schon Berliner in seiner „Geschichte der Juden in Rom", (1. Band, Kapitel 4) mit Recht kurz ab. Selbst wenn, was an sich schwer glaublich, die Weisen es über sich gebracht, bei dem „Bestgehaßten" Hilfe zu suchen, so hätte Josephus, der namentlich unter dem jede Begünstigung fremder Kulte so grausam verfolgenden Domitian zu ängstlichster Vorsicht Genötigte, sich durch eine Förderung der jüdischen Lehrer in die höchste Gefahr gestürzt; ein Heroismus, den ihm sicherlich niemand zutrauen wird. 2) Gesammelte Abhandlungen, herausgegeben von Usener Band II, Seite 211. 3) Fablier hat im Französischen die . Doppelbedeutung: des ^Fabeldichters* und der „Fabelsammlung". 4) 3üb. Kr. 3, 7, 3. . ... willkommene Nachricht von der Ankunft desJosephus in Jotapata und riet ihm zu schleunigem Angriff auf die Stadt, indem er mit ihr ganz Judäa erobern würde, falls er zugleich Josephus in seine Gewalt bekäme. Vespasian vernahm diese Nachricht als eine überaus glückweissagende, mit Freude, es schien ihm eine göttliche Fügung, daß derjenige seiner Feinde, der für den talentvollsten (ouvertura-qc) galt, freiwillig in die Falle gegangen sei." Das allein aber wäre, so abstoßend auch der Eindruck, den er damit erziel t, die Sünde, für die man ihm am ehesten Absolution erteilen würde, zumal, wenn man sich erinnert, wie solche Selbstverherrlichung bei Griechen und Römern bei weitem nicht den Anstoß erregte, wie bei uns. Man denke nur an Jsokrates und Cicero und vollends an Apion. Ob Josephus die zwei ältesten unter den acht aus dem Altertum auf uns gekommenen Autobiographien, die des Jsokrates und des Cicero4) gelesen, wissen wir nicht, als sicher aber darf doch angenommen werden, daß er die drittälteste gekannt, die des Nikolaus von Damaskus, der ja für die Herodeische Epoche seine Hauptquelle gewesen. Liest man nun, wie dieser Hofhistoriograph des Königs Herodes von sich selber redet, wie er von seinem Geschichtswerke, zu dem ihn der König anregt, urteilt, „es sei eine Arbeit, der Herkules kaum gewachsen wäre, so gewaltiger Kraft habe sie bedurft," so wird man Josephus seine Eitelkeit nicht allzuhoch anrechnen. Verhängnisvoller aber war für ihn, daß er zu den Menschen gehörte, die in ihrem Tun und Treiben nicht von strengen Grundsätzen und unerschütterlichen Ueberzeugungen sich leiten lassen, sondern nur von ihren Interessen und den Bedürfnissen, die ihre jedesmalige Lage ihnen aufnötigt. Von seinem nahezu dreijährigen Aufenthalte in Rom, wohin er als Sechsundzwanzigjähriger gereist, angeblich um dort gefangen gehaltene Priester zu befreien, in Wahrheit aber wohl, um sich politisch zu orientieren und die griechisch-römische Kultur sich anzueignen, kebrte er nach Jerusalem zurück zu einer Zeit, als die lange drohende Revolution ausbrach. - Unter. dem starken Eindruck der Unüberwindlichkeit Roms, auf die er wiederholt zu reden kommt (jüd. Kr. 1, 6, 5—5? 9, 3—4, 5, 2), schließt er sich zunächst der Friedenspartei an, sieht sich aber bald mit den Optimaten genötigt, der immer mächtigeren Aktionspartei beizutreten. Wie es gekommen? daß er von den Leitern der Bewegung in Jerusalem zum Statthalter der so wichtigen Provinz Galliläa ernannt wurde; ob sein Ehrgeiz ihn diese Stellung erstreben ließ, ob man ihn als den auch mit dem römischem Heerwesen wohlvertrauten,, für den Geeignetsten hielt,* 2) die Galiläer, die Geigerb) treffend „die Marseiller" des jüdischen Kampfes nennt, zu organisieren, läßt sich nicht sicher entscheiden; daß er aber während des Krieges ein mehr als zweideutiges Spiel trieb, daß er zwischen der „volkstümlichen Kriegspartei und dem friedlich gesinnten Geburts- und Bildungsadel" hin und her schwankte, kann niemand bestreiten; doch auch, wer noch so hart und unnachsichtig über ihn urteilt, wird ihn nicht als Verräter seines Volkes, als Renegaten brandmarken, als den er freilich sich selber hinstellen mußte, als ihn Justus von Liberias in x) Er verstand, wie er selbst angibt, auch lateinisch, und zitiert an einer Stelle Livius (Aut. 14, 4, 3), wobei er es sich trotz seines hohen Selbstgefühls nicht träumen lassen konnte, daß einer seiner Verehrer ihn den Graecus Livius. nennen wird. (Hieronymus Ep. 22 ad Eustochium.) 2) Nach Niebuhr (Römische Geschichte 5, 277). ist der „Jüdische Krieg" nächst Cäsars Kommentarien das lehreichst.e Werk üb.er römische Kriegskunst. 8) Abraham Geiger „Das Judentum und seine Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels" (2. Auflage. Seite 116). ....... ----- *. -