Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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' I" Preußen . Von je 1000 Ein- Von je 1000 Ein- \ . : > -wurdengeboren auf: wohnern gleicher wohnern betrug der je .1000 Einwohner Konfession starben- Geburtenüberschuß Christen Juden Christen Juden. bei den Christen Juden 1885 . . 37,72 27,14 - 2o,4Z' 16,81 12,29 10,33 1907 . . 32,96 17,08 17,76 15,85 15,20 4,25 Daraus, ergibtsich, daß von 1885—1907 die Geburtsziffer , bei den Christen um 4,75 Prozent gefallen ist, bei den Juden dagegen, wo sie schon an und für sich um 10 Prozent geringer war, wie bei den Christen, aber um 10 Prozent. Der Geburtenüberschuß stieg im gleichen Zeitraum bei den Christen von 12 auf 15, bei den Juden sank er von 10 auf 4. 1885 war der numerische Geburtenüberschuß, ab die Sterbefälle, bei . den Juden.noch 3786, 1907 jedoch nur 1348. Die Geburtenziffer hat somit-einen unter keinem Volke der Welt vorhandenen Tiefstand erreicht. Beträgt doch selbst die französische Geburtenziffer etwas über 20, Und selbst die Pariser Geburtenziffer ist nicht so niedrig wie. die preußische. Geht diese Ent- Wicklung, weiter,, so ist nach Meinung Wassermanns die jüdische Bevölkerung Preußens auf den Aussterbe-Etat gesetzt, so weit sie nicht durch Einwanderung ergänzt wird. . Was für. Preußen gilt, gilt auch für Bayern und Hessen. Was die Gründe der Abnahme der Geburtsziffer anlangt, so hat Bretano besonders auf drei Momente aufmerksam gemacht, die bei zunehmendem Wohlstand hauptsächlich zur Abnahme der Fruchtbarkeitszifferführen: 1. Die Zunahme der Geschlechtskrankheiten, 2., die Zunahme der Geisteskrankheiten, 3. Abnahme des Zeugungswillens. Wenn für den ersten Punkt das Zahlenmaterial auch fehlt, so meint Wassermann doch annehmen zu dürfen, daß die Juden, nachdem sie einen so außerordentlich hohen Bruchteil der städtischen Bevölkerung bilden, auch. unter dieser typischen Großstadterscheinung in entsprechendem Maße zu leiden haben. Daß die Juden besonders. stark an Geisteskrankheiten leiden, ist statistisch vielfach erwiesen. Daß endlich der Zeugungswille bei den Juden abnimmt, bedarf keines Beweises. Verfeinerte Kinder- und Pattenliebe führt zweifellos auch in so vielen jüdischen Ehen zu einer geringen Kinderzahl. Aber dazu kommen noch die Verluste, welche das Judentum durch Taufen und Mischehen erfährt, und welche ebenfalls mit zur Erniedrigung der Geburtsziffer bei'den Juden führen. Denn nur ein Drittel der aus jüdischest Mischehen stammenden Kinder wird dem Judentum zügesührt. Die Zahlen, die Wassermann uns hier vorsührt, geben sehr zum Nachdenken Veranlassung, und man kann ihm auch in der Erklärung des Phänomens der Bevölkerungsabnahme der Juden in Deutschland im allgemeinen beistimmen, wenn er meintdaß die religiösen Vorstellungen früher hemtnend gegenüber, der sozialen Tendenz in der Bevölkerungsvermehrung eingewirkt haben, daß aber, nachdem diese religiösen Hemmungen -in Wegfallgekommen sind, die sozialem Tendenzen nunmehr frei zur Geltung kommen. Man könnte diesen Vorgang auch unter dem Begriff der „Assimilation" der westeuropäischen Juden gegen ihre Umgebung zusammenfassem Denn wie die Juden Sprache und Sitten ihrer Umgebung annahmen, sich dem ganzen kulturellen Niveau derselben anpaßten, so haben sie auch die Schattenseite der Kultur — die Beschränkung der Kindererzeugung bis zur Gefahr der Volks- Verminderung — unbedenklich akzeptiert. Die soziale Seite dieses Problems kommt aber auch darin zur Erscheinung, daß die geringe Kinderzahl ausschließlich bei den oberen Klaffen angetroffen wird, während eine hohe Kinderzahl eine Funktion der Armut, darstellt. Es läßt also auch die geringe Geburtsziffer bei den Juden darauf schließen, daß sie vorwiegend den begüterten Klassen angehören. Was die Geschlechtskrankheiten sowie die Geisteskrankheiten anlangt, so kommt ihnen, unbeschadet ihrer Zunahme bei der jüdischen Bevölkerung, nur eine ganz minimale Rolle bei der Entstehung des Bevölkerungsverlustes zu. Wichtiger ist, worauf Wassermann nicht hingewiesen hat, die geringe Geburtsziffer der Juden. Auch hier hat das religiöse Gebot der Eheschließung längst sozialen und materiellen Motiven Platzgemacht., So bedenklich die Ziffern Wassermanns uns. auch stimmen müssen, so ist doch im Augenblick Veranlassung zu ernster Sorge nicht vorhanden, so lange unsere östlichen Glaubensgenossen sich noch einer so hohen Kinderzahl erfreuen, so lange hier neo-malthusianische Bestrebungen noch keinen Eingang gefunden haben, und der Bevölkerungsverlust in Deutschland, durch Einwanderung aus dem Osten ergänzt wird. ->G§- Gonbglollm?um Artikel über „Iolrphüs sls Apologet." Von Rabbiner Dr. Klemperer. enn wir von einer Tugend behaupten dürfen, daß sie von der biblischen und talmudischen Ethik nicht bloß gelehrt und gefordert, sondern in unserer Mitte stets geübt und erfüllt wurde, so ist es die der geistigen Dankbarkeit. Dr. Bernfeld nimmt — und das mit vollstem Rechte — sie in Anspruch für unseren, wie der Zeit so dem Range nach ersten Apologeten, den jüdischen Geschichtsschreiber Flavins Josephus. Wenn im Talmud x) für Chananja ben Chiskia ein warmes „Gedenken zum Guten" verlangt wird, weil er es gewesen, der das hart angefochtene Buch des Propheten Jecheskel verteidigt, und seine Ausnahme "in den Kanon bewirkt, welcher Dank gebührt dann nicht Josephus, der, wie Bernfeld so einleuchtend darlegt, für unsere ganze dem Altertum i) Sabbat 13 b. : \ Redda, Möisches Dorf. Gl Girraf.